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Psychologie : Ein Blick genügt

  • -Aktualisiert am

Was können andere Menschen alles über uns herausfinden, ohne uns eigentlich zu kennen? Eine ganze Menge, lautet die Antwort der Psychologen. Sie erforschen, wie wir uns ein Bild von Menschen machen, die wir nie gesehen haben.

          In der Fernsehsendung „Schlüsselreiz“ dürfen sich Singles in fremden Wohnungen umsehen, um zu entscheiden, mit welchem der abwesenden Bewohner sie am liebsten ausgehen wollen. Immerhin: Geschmacklose Deko und schlecht kaschierte Wäscheberge scheinen eine ehrlichere Sprache zu sprechen als die meisten Kontaktanzeigen. Aber vermitteln sie auch ein brauchbares Bild unserer Persönlichkeit?

          Der britische Psychologe Samuel Gosling, der an der University of Texas lehrt, würde das bejahen. Seit zehn Jahren erforscht Gosling genau die Frage, die der Kuppel-Show auf Pro 7 zugrunde liegt: Auf welche Weise entsteht ein erster Eindruck aufgrund der Dinge, mit denen sich Menschen umgeben? Und wie zutreffend ist dieses Bild?

          Über seine Erkenntnisse hat Gosling nun ein Buch geschrieben, eine Anleitung zum „Schnüffeln“. Darin erklärt er, was andere Menschen durch unsere Büros, unseren Musikgeschmack und unsere private Website über uns erfahren können. „Schlafzimmer etwa verraten fast immer etwas“, sagt Gosling. Für eine Studie schickte er die Teilnehmer in die Zimmer von Studenten seiner Universität. In jedem Raum galt es, die Persönlichkeit des abwesenden Bewohners auf einem standardisierten Fragebogen einzuschätzen: War er oder sie wohl ein geselliger oder ein eigenbrötlerischer Typ? Eher vertrauensselig oder misstrauisch? Die Antworten der Beurteiler verglich Gosling mit den Selbsteinschätzungen der Bewohner.

          Der Blick ins fremde Zimmer

          Ohne die Mieter je zu Gesicht bekommen zu haben, lagen die Beurteiler bei fast allen Eigenschaften erstaunlich nahe an deren Selbsteinschätzung. Das galt beispielsweise für „Gewissenhaftigkeit“ – vielleicht schnell bei einem Blick unter das Bett zu erkennen –, aber ebenso für „Neurotizismus“. Mit dieser Skala messen Psychologen unter anderem, wie ängstlich, empfindlich oder reizbar eine Person ist, Eigenschaften also, die man für gewöhnlich nicht mit Möbel- und Bilder-Vorlieben in Verbindung bringt. Am genauesten waren die Urteile allerdings bei „Offenheit für Erfahrungen“. Ein kurzer Blick in ein fremdes Zimmer verrät also am meisten etwas darüber, wie phantasievoll und umtriebig der Bewohner ist.

          Wie kommen diese Einschätzungen zustande? Um das herauszufinden, ließ Gosling auch möglichst objektive Details festhalten: Wie sauber war das Zimmer? Wie gut beleuchtet? Gab es viele Bücher oder wenige? Dadurch konnte er einerseits feststellen, welche Schlüsselreize seine Schnüffler beachtet hatten, und andererseits, welche Indizien wirklich mit der Selbsteinschätzung der Bewohner zusammenhingen. So war etwa die Beleuchtung tatsächlich aufschlussreich: Wer in einem helleren Zimmer lebte, beschrieb sich selbst tendenziell als ordentlicher und organisierter. Dasselbe galt für eine moderne Einrichtung. Allerdings ließen sich die Beurteiler auch von vielen vermeintlichen Hinweisen in die Irre führen. So interpretierten sie ein farbenfrohes, heiteres Zimmer als Fingerzeig auf einen verträglichen, harmonieliebenden Charakter – ein Zusammenhang, der aus der Luft gegriffen war.

          Was Private Websites verraten (sollen)

          Goslings Forschung spricht dafür, dass der erste Eindruck tatsächlich einigermaßen valide ist. Das gilt nicht nur für Schlafzimmer oder Büros, sondern auch für virtuelle Räume: In einer Studie fanden Gosling und seine Mitarbeiterin Simine Vazire heraus, dass private Websites sogar noch genauere Rückschlüsse auf ihre Urheber erlauben als deren Wohnungen. Die Psychologen glauben sogar, dass man einen Fremden nach einem kurzen Besuch auf seiner Homepage in manchen Dingen ebenso gut einschätzen kann wie dessen engste Bekannte.

          Mittlerweile ist diese Forschung im sogenannten Web 2.0 angekommen. Zusammen mit dem Psychologen und Marktforscher David Evans und dem Programmierer Anthony Carroll hat Gosling eine eigene Internetseite entworfen, ein Soziales Netzwerk, ähnlich wie etwa StudiVZ oder MySpace. Die persönlichen Profile auf YouJustGetMe.com werden jedoch nur zu einem einzigen Zweck eingestellt: um sich und andere auf einem kurzen Persönlichkeits-Fragebogen einzuschätzen. Über 6000 Nutzer hat die Forschungs-Plattform schon, einer der Neuzugänge ist der 75-jährige Stanford-Professor Philip Zimbardo, eine Koryphäe der Sozialpsychologie.

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