http://www.faz.net/-gwz-6ut8y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.11.2011, 16:23 Uhr

Paläoanthropologie Älter als gedacht

Wann hat der moderne Mensch Europa besiedelt? Die Untersuchung von fossilen Zähnen zeigen, dass dies bereits vor mehr als 40.000 Jahren geschah. Tausende von Jahren früher also, als bislang gedacht.

von Reinhard Wandtner
© dapd Unsere Vorfahren besiedelten Europa früher als bisher angenommen

Europa ist offenbar schon früher vom modernen Menschen besiedelt worden als bislang angenommen. Das haben zwei internationale Forschergruppen unabhängig voneinander herausgefunden. Demnach belegen Funde aus Italien, dass der moderne Mensch bereits vor 43.000 bis 45.000 Jahren in Europa Fuß gefasst hat. Für eine so frühe Ausbreitung spricht auch ein britischer Fund, dessen Alter mit 41.500 bis 44.200 Jahren angegeben wird. Als älteste Belege für den modernen Menschen in Europa galten bisher Kieferreste aus Rumänien. Sie wurden auf rund 39.000 bis 40.000 Jahre datiert.

Rätselhafte Backenzähne

Bei den italienischen Funden handelt es sich um zwei Milchzähne, und zwar um Backenzähne des linken Oberkiefers. Sie wurden 1964 in Apulien, in der Grotta del Cavallo, entdeckt und haben seither immer wieder widersprüchliche Aussagen verursacht. Nach vorherrschender Überzeugung stammen sie vom Neandertaler. Eine Forschergruppe um Stefano Benazzi von der Universität Wien hat die Zähne jetzt mit der Computertomographie und einem auf Formvergleich der Zahnkronen beruhenden morphometrischen Verfahren analysiert und die Ergebnisse in der Zeitschrift „Nature“ vorgestellt. Nach Angaben von Ottmar Kullmer vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt, der an den Untersuchungen beteiligt war, sprechen der verhältnismäßig dicke Zahnschmelz und die Form klar für Zähne des modernen Menschen: „Man kennt keine Milchzähne von Neandertalern, die mit denen aus Cavallo übereinstimmen.“

In friedlicher Eintracht

Die neue Einordnung weist auf eine lange Zeitspanne hin, in der Neandertaler und moderner Mensch nebeneinander vorkamen. Offenbar muss eine bisher dem Neandertaler zugerechnete Kultur, das Uluzzien, die etwa durch die Herstellung von Schmuck aus Muschelschalen und durch Knochenwerkzeuge charakterisiert ist, nun dem modernen Menschen zugesprochen werden. Die Zähne sind jedenfalls der bislang älteste Beleg für die Existenz des modernen Menschen in Europa.

Oberkiefer ebenfalls älter

Auch der neu analysierte Fund aus Großbritannien, ein 1927 in Kents Cavern bei Torquay entdecktes Oberkieferfragment mit drei Zähnen, ist älter als angenommen. Der offenbar eindeutig dem modernen Menschen zuzuordnende Fund war zuvor auf ungefähr 35.000 bis 36.000 Jahre datiert worden. Mit einem verlässlicheren Verfahren sind Forscher um Tom Higham von der Universität Oxford nun auf mindestens 41.500 Jahre gekommen, wie sie ebenfalls in der Zeitschrift „Nature“ berichten.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neolithische Revolution Erblühende Landschaften

Jahrtausende bevor Europa urbar wurde, bestellte man weiter östlich schon Felder und züchtete Vieh. Wer sorgte für diesen frühen Wandel? Mehr Von Sonja Kastilan

18.07.2016, 09:00 Uhr | Wissen
Projekt in Albanien Staudamm gefährdet einzigartige Flusslandschaft

Der Fluss Vjosa durchquert Albanien auf dem Weg von seiner Quelle in Griechenland bis zur Mündung in die Adria. Das glasklare Gewässer gehört zu den letzten unberührten Wasserläufen Europas, doch die Regierung in Tirana plant einen Staudamm, um den wachsenden Energiehunger des Landes zu stillen. Die Menschen in dem Dorf Kut sehen dadurch die Grundlage ihrer Existenz gefährdet. Mehr

21.07.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Chronologie So verlief die Schreckensnacht von München

Ein junger Mann schießt wahllos auf Menschen, mindestens zehn werden getötet, etliche verletzt. Was ist in dieser Nacht in München geschehen? Die Ereignisse der vergangenen Stunden im Protokoll. Mehr

23.07.2016, 06:42 Uhr | Politik
Terror in Nizza Attentäter nicht im Visier der Geheimdienste

Ein Angreifer hatte Hunderte feiernde Menschen mit einem Lastwagen überfahren und mindestens 84 Menschen getötet, darunter wohl auch Kinder, zahlreiche Menschen wurden verletzt. Mehr

15.07.2016, 12:08 Uhr | Politik
Interview mit Margot Robbie Animalische Instinkte sind nicht zu verachten

Was haben eine psychotische Comicbuch-Schurkin, die gierige Ehefrau eines Betrügers und Tarzans Jane gemeinsam? All diesen Rollen hat die australische Schauspielerin Margot Robbie bereits Leben eingehaucht. Ein Interview. Mehr Von Brigitte Steinmetz

27.07.2016, 14:57 Uhr | Gesellschaft