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Paläo-Diät : Steinzeit als Lebensstil

Esskastanien wären nach den Regeln einer Steinzeit-Diät erlaubt. Ihr Mehl eignet sich zum Beispiel für Pfannkuchen. Bild: Coverpicture/Manfred Ruckszio

Essen wie die Jäger und Sammler - das liegt im Trend. Aber ist diese Ernährungsform auch wirklich sinnvoll?

          Ganz glücklich ist er nicht über seinen Body-Mass-Index. Auch den Fettanteil von 16,4 Prozent wünscht er sich geringer, doch S. Boyd Eaton gibt sich zufrieden: Er steht mit Mitte 70 sichtbar besser da als der mit Übergewicht kämpfende Durchschnittsamerikaner seiner Altersgruppe. Eaton eignet sich zum Vorbild für alle, die den körperlichen und geistigen Verfall im Alter fürchten - als Wegbereiter eines Lebensstils, der mit der Vorsilbe „Paläo“ jetzt zum Trend erklärt, was manchmal wie ein hysterischer Gegenentwurf zu einer strikt veganen Ideologie erscheint. Jedenfalls sind hartgekochte Eier, honigsüße Nussriegel und Trockenfleisch erlaubte Snacks für die Paläo-Adepten, auf deren T-Shirt-Brust schon mal „Früher war alles besser“ gedruckt steht.

          Sonja Kastilan

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eaton trug bei seinem Vortrag anlässlich des „Ancestral Health Symposium“ im August 2013 ein schlichtes Polohemd ohne Slogan. Er muss keine Blutdrucksenker nehmen oder auf Zuckerwerte achten, stattdessen schluckt der orthopädisch versierte Radiologe zusätzlich Vitamine, Spurenelemente, Omega-3-Fettsäuren sowie Ballaststoffe und unterzieht sich einem rigorosen Fitnessprogramm. So legt er, der einst Olympiateilnehmer medizinisch betreute, seinem Publikum zum Beispiel offen, welche Gewichte er wie häufig stemmt, dass er gerne schwimmt und Rotwein nicht so maßvoll trinkt, wie man vielleicht sollte, wenn überhaupt.

          Kein Zuckerschlecken

          Auf Natriumsalz und Zuckerzusatz verzichtet Boyd Eaton und warnt vor Tabakkonsum. Folgt selbst aber nicht den strengsten Regeln, lässt sowohl Magermilch und Hülsenfrüchte als auch Vollkorn gelten und vollzieht seit Jahrzehnten etwas, das er als weiche Form einer „recreating ancestral nutrition“ bezeichnet: eine Art Steinzeit-Diät, die er mit dem Anthropologen Melvin Konner erstmals am 31. Januar 1985 im New England Journal of Medicine propagierte. Um Gesundheitsprobleme zu lösen, die sich die Menschheit mit ihrer modernen Ernährungsweise einhandelt, hatten sie sich die Stammesgeschichte des Homo sapiens vorgenommen und Antworten in der Altsteinzeit, dem Paläolithikum, gefunden. Wer wie unsere frühen Vorfahren isst, so die These, kann den Zivilisationskrankheiten entkommen.

          Vor dreißig Jahren entwickelten die beiden an der Emory University in Atlanta beschäftigten Akademiker somit ein Konzept weiter, von dem der Arzt Walter Voegtlin bereits 1975 behauptete: „It’s safe, it’s sane, it’s simple, and it really works!“ Was sicher und einfach funktionieren soll, versucht die Ernährungs- und Lebensweise einer Periode nachzuempfinden, die vor vielleicht 2,6 Millionen Jahren mit den ersten Steinwerkzeugen ihren Anfang nahm und damit endete, dass die Menschen nicht mehr in Jäger- und Sammlergemeinschaften lebten, sondern Viehzucht und Ackerbau betrieben und sesshaft wurden, was sich heute beispielsweise in einem leichteren Knochenbau abzeichnet.

          Sind 10 000 Jahre nicht genug?

          Mehrfach variierte der Speiseplan im Lauf der Geschichte. Seit einigen hunderttausend Jahren wird immerhin das Feuer beherrscht und Nahrung durch Kochen verändert. Zu kurz sei jedoch die Phase seit der neolithischen Revolution vor rund 10 000 Jahren, als dass der menschliche Körper mit Weißbrot, zuckrigen Frühstücksflocken, Mikrowellenlasagne oder Schokopudding fertig werden würde. Das nehmen mittlerweile nicht nur Eaton, Konner und ein paar ihrer Kollegen an. Längst ist eine regelrechte Bewegung entstanden, der laut einer Umfrage in den Vereinigten Staaten vor allem weiße, gutverdienende Hochschulabsolventen mittleren Alters folgen, motiviert von dem Wunsch, abzunehmen, körperlich oder geistig fitter zu werden. Die Masse der Bevölkerung werde sich kaum für diese Lebensweise begeistern lassen, prognostizierte der Historiker Hamilton Stapell 2013 im Rahmen des Symposiums. Sie suche im Internet lieber nach „cupcake“ denn nach „paleo diet“ und erliege wohl weiterhin der Verlockung von Zucker, Salz und Fett. Doch werde die Anhängerschar über das geschätzte eine Prozent hinaus wachsen.

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