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Veröffentlicht: 20.02.2016, 12:00 Uhr

Säuglinge Muttermilch ist furchtbar out

In armen wie in reichen Länder stillen nur noch wenige Frauen. Auch weil Kunstmilch-Hersteller immer aggressiver werben. Ärzte prangern das nun an - denn Stillen nutzt Mutter und Kind.

von Martina Lenzen-Schulte
© dpa Immer weniger Frauen stillen. Die Kunstmilch-Industrie freut’s.

Wäre Muttermilch ein Medikament, sie wäre die Wunderdroge schlechthin. Denn sie wirkt nachweislich präventiv gegen eine Vielzahl von Erkrankungen bei Mutter und Kind - und das absolut risikofrei. Dennoch ist das Stillen unpopulär geworden, und das ist leider ein mehr oder minder globaler Trend. Denn nicht nur in reichen Nationen wird nur noch ein kleiner Teil der Kinder bis zum sechsten Monat gestillt, wie es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt.

Auch in Ländern mit mittlerem oder niedrigem Bruttosozialprodukt erhält im ersten Halbjahr nur gut jedes dritte Kind ausschließlich Muttermilch als Nahrung, nur jedes fünfte Kind wird noch über das erste Lebensjahr hinaus gestillt, während es bereits andere Nahrung zu sich nimmt. Diese besondere Ernährungsweise wird in reichen Ländern seltener, extrem niedrig sind die Raten in einigen europäischen Ländern.

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In England, Irland und Dänemark werden nur noch ein, zwei beziehungsweise drei Prozent der Babys im Alter von einem Jahr gestillt, während sie schon Beikost erhalten. Wenngleich die Angaben je nach Studie schwanken, so sind die Zahlen für Deutschland nur geringfügig höher. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung werden hierzulande rund zehn Prozent der Kinder nur im ersten Lebenshalbjahr noch ausschließlich gestillt. Und Muttermilch zusätzlich zu anderer Nahrung erhalten bis zum ersten Geburtstag lediglich acht Prozent der Babys.

Stillen nutzt Mutter und Kind

In einem der renommiertesten Medizinerjournale werden nun in einer Artikelserie die weltweit niedrigen Stillraten angeprangert. So schätzen Cesar G. Victoria vom Zentrum für gesundheitliche Chancengleichheit an der Universität in Pelotas in Brasilien und seine Kollegen, dass rund 823.000 Kindern unter fünf Jahren durch die Ernährung mit Muttermilch und 20.000 Müttern durch das Stillen jährlich das Leben gerettet werden könnte („Lancet“, Bd. 387, S. 475). Die Voraussetzung dafür wäre für die Epidemiologen allerdings, dass in 75 Ländern 90 Prozent der Kinder im Alter von sechs Monaten ausschließlich und 90 Prozent der sechs bis 23 Monate alten noch wenigstens teilweise gestillt würden.

Während Stillen die Mütter insbesondere vor Brustkrebs schützt, verringert es bei Kindern in ärmeren Ländern das Risiko, an lebensbedrohlichen Durchfällen zu erkranken um die Hälfe, bei Atemwegsinfekten wie einer Bronchitis um ein Drittel. Auch Mittelohrentzündungen und andere Infektionen seien bei Säuglingen, die Muttermilch erhielten, deutlich seltener zu beobachten. Es sei allerdings ein weitverbreitetes Missverständnis, so Victoria, dass vom Stillen nur die Kinder aus ärmeren Ländern profitierten.

In den Industrienationen verhindere die Ernährung mit Muttermilch außerdem das Risiko, am plötzlichen Kindstod zu sterben, um ein Drittel. Die Vorteile der Muttermilch halten zudem lange vor und verringern auch im späteren Leben das Risiko chronischer Erkrankungen wie Allergien, Hautekzeme, Asthma, Fettleibigkeit und Diabetes. Gesundheitsrisiken, die in wohlhabenden Ländern stetig zunehmen. Studien, die dem Stillen eine Steigerung der Intelligenz attestieren, sind inzwischen so zahlreich und verlässlich, dass sie niemand mehr wirklich anzweifelt.

Hersteller von Kunstmilch umgehen Regeln

Nigel Rollins von der Weltgesundheitsorganisation hat untersucht, wie hoch die volkswirtschaftlichen Verluste der ungenutzten Intelligenz-Ressourcen einer Bevölkerung sind, wenn die Jüngsten nicht flächendeckend in ausreichender Zahl und lange genug gestillt werden. („Lancet“, Bd. 387, S. 491).

Als eine Hauptursache für den weltweit versiegenden Muttermilchfluss machen Alison McFadden von der Mutter-Kind-Forschungsabteilung der Universität in Dundee und ihre Kollegen in einem Kommentar die „aggressive“ Werbung für und Verbreitung von Ersatzmilch in allen Teilen der Welt verantwortlich (Bd. 387, S. 413). Der Einfluss der Hersteller wachse rapide. Global stiegen die Erlöse aus dem Verkauf von Milchpulver für Säuglinge und Kleinkinder von zwei Milliarden Dollar im Jahr 1987 auf 40 Milliarden im Jahr 2013.

In China allein brachte im Jahr 2012 der Verkauf von Muttermilchersatz zwölf Milliarden Dollar ein, die jährlichen Wachstumsraten werden mit 14 Prozent angegeben. Der internationale „Kodex Alimentarius“ gegen die unredliche Vermarktung von Muttermilchersatz ist ein zahnloser Tiger. Die Hersteller bewerben ihre Kunstmilch direkt bei den Schwangeren und umgehen die dafür erlassenen internationalen Regeln. Nachweislich haben sie in einigen Ländern, darunter Bangladesch, Brasilien und die Vereinigten Staaten, versucht, Experten gegen Bezahlung zur Werbung für ihre Produkte zu bewegen.

Sie suchen den Kontakt zu einschlägigen Fachgesellschaften und sponsern deren Kongresse. Auch hierzulande haben Kinder- und Jugendärzte die falschen Versprechen der Ersatzmilch-Industrie bereits hinlänglich kritisiert - gemessen an den Stillraten allerdings ohne großen Erfolg.

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