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Neue Funde in Ostafrika : Mensch 400.000 Jahre älter als bislang gedacht

Mal eben um 400 000 Jahre gealtert: Seit dem Fund dieser Unterkieferhälfte in Äthiopien ist die menschliche Gattung Homo viel betagter als gedacht. Bild: dpa

Frühmenschen der Gattung Homo könnten schon vor 2,8 Millionen Jahren gelebt haben - 400.000 Jahre früher als bisher angenommen. Das hat die Untersuchung eines 2013 in Äthiopien gefundenen Unterkieferfragments ergeben.

          Im Jahr 1960 fanden die berühmte Paläoanthropologin Mary Leakey und ihr Sohn Jonathan in 1,8 Millionen Jahre alten Sedimenten der Olduvai-Schlucht in Tansania einen Unterkiefer, ein paar Handknochen und Trümmer einer Schädeldecke. Marys Ehemann Louis Leakey analysierte die Fossilien und verkündete vier Jahre später, sie müssen zu der frühesten bislang bekannten Art der Gattung Homo, unserer Gattung, gehören. Aus den Olduvai-Funden, die als OH7 bekannt wurden, schloss er, das Wesen müsse schon in der Lage gewesen sein, sehr geschickt (lateinisch habilis) zu greifen. Daher der Name der frühen Menschenart: Homo habilis.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Damit traten die Leakeys eine jahrzehntelange Debatte los: Handelte es sich wirklich um Reste eines Exemplars unserer Gattung und nicht vielmehr um späte Vertreter der Australopithecinen, deren berühmteste Vertreterin die 3,2 Millionen Jahre alte „Lucy“ ist? Erst in dieser Woche kann man diesen Streit für endgültig beendet erklären, denn es erschienen gleich zwei neue Untersuchungen, die Licht auf die frühe Gattung Homo werfen.

          Vielfalt der Gesichter, nicht der Gehirne

          Die erste ist am Mittwoch in der Zeitschrift „Nature“ erschienen, und in ihr haben Forscher des Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zusammen mit Kollegen aus England und Tansania die OH7-Fossilien mit modernen Methoden untersucht. Mittels Computer konnten sie den stark deformierten Unterkiefer virtuell in seine ursprüngliche Form bringen und mit anderen Homo-Fossilien aus der Zeit zwischen 2,1 und 1,6 Millionen Jahren vergleichen. „Die statistische Analyse zeigt Unterschiede zwischen den Kieferformen dieser verschiedenen Menschenarten, die mitunter so divers sind wie die zwischen Menschen und Schimpansen“, sagt Philipp Gunz vom Leipziger Max-Planck-Institut.

          Zugleich aber ergab die Computeranalyse der Hirnschalenfragmente von OH7, dass dieses Wesen ein viel größeres Gehirn hatte als bislang vermutet – und dass es vor allem viel großer ist als das Gehirn eines Australopithecus. Zugleich aber passte die Hirngröße bestens zu der zweier anderer früher Menschenarten, des Homo erectus und des Homo rudolfensis. „Die drei Arten lassen sich anhand ihrer Hirngröße nicht unterscheiden“, sagt Gunz. „Ganz im Gegensatz zu den bemerkenswerten Unterschieden ihrer Gesichtsformen.“

          Die Spur führt ins Pliozän

          Fast noch bedeutender war der Vergleich der neu rekonstruierten Formen von OH7 mit einem 2,3 Millionen Jahre alten Oberkiefer, der 1994 in Äthiopien ans Licht kam. Man hatte ihn lange für eine evolutionäre Vorstufe des Homo habilis gehalten. Nun aber zeigt sich, dass er dafür zu modern ist. Stattdessen müssen die beiden Kiefer aus Tansania und Äthiopien separaten Linien innerhalb der Gattung Homo angehören, die sich viel früher als vor 2,3 Millionen Jahren getrennt haben, möglicher Weise bereits in der erdgeschichtlichen Epoche des Pliozän.

          Dazu passt die zweite Entdeckung, die in dieser Woche publiziert wird, diesmal im amerikanischen Pendant von „Nature“, in der Zeitschrift „Science“. Forscher um Brian Villmoare von der Arizona State University berichten dort über den Fund eines Unterkiefers in der Gegend von Ledi-Geraru in der Afar-Region in Äthiopien. Nach ihrer Interpretation gehört auch er eindeutig zur einem Wesen aus der Gattung Homo, doch fand er sich in Sedimentschichten, deren Alter mit Hilfe gut datierbarer Vulkanasche-Schichten auf 2,8 Millionen Jahren bestimmt wurde, noch tief im Pliozän.

          Für Fred Spoor vom University College in London, einem Mitautor der „Nature“-Studie zu OH7, kommt dieses Fossil „wie gerufen“ und beginnt die evolutionsgeschichtliche Lücke zu füllen, die sich bislang zwischen den letzten Australopithecinen und den frühesten Vertretern unserer eigenen Gattung auftat. In derselben Ausgabe von „Science“ erschien zudem eine Arbeit der selben amerikanischen Forschergruppe, die anhand fossiler Faunenreste zeigen konnte, dass die Region von Ledi-Geraru vor 2,8 Millionen Jahren trockener wurde als sie vorher gewesen war. Dass ein Klimawandel in Ostafrika hin zu einer trockeneren, offeneren Savannenlandschaft einst die Entwicklung der Gattung Mensch befördert hat, war schon oft vermutet worden, nun gibt es einen weiteren Hinweis darauf, dass sich die Entstehung der Menschheit möglicherweise wirklich einem Klimawandel verdankt.

          Quelle: F.A.Z.

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