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Veröffentlicht: 19.02.2016, 09:48 Uhr

Soziale Systeme Komplex heißt heute immer zu komplex

Einst stand „Komplexität“ für den Traum der Steuerbarkeit gesellschaftlicher Vorgänge. Dann wurde sie zum Problembegriff.

von Gerald Wagner
© Elias Wegert / TU Freiberg Mit Komplexem ist zu rechnen, was selbst Mathematikern nicht überall leicht fällt. Das Bild zeigt den sogenannten Phasenplot einer komplexen Funktion, die sich am Nullpunkt (Zentrum) recht ungebührlich verhält.

Anfang der siebziger Jahre wurde die Welt komplex. Zwar war die gesellschaftliche Wirklichkeit auch schon zuvor als kompliziert, unbeherrschbar und in weiten Teilen unbekannt beschrieben worden. Der Begriff der Komplexität jedoch war reserviert geblieben für natürliche Phänomene biologischer oder physikalischer Art.

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Der Erste, der sich überhaupt traute, Gebilde wie Regierungen oder Universitäten als „komplexe soziale Systeme“ zu bezeichnen, war 1962 der Ökonom und Computerwissenschaftler Herbert Simon gewesen. Aber erst Ende der sechziger Jahre unternahmen Sozialwissenschaftler um Todd La Porte an der Universität Berkeley erstmals den Versuch, den Begriff Komplexität systematisch für die Beschreibung moderner Gesellschaften einzusetzen. Seine weitere Karriere ist bekannt. Aber warum war das damals ein so anspruchsvolles Unternehmen, auch die soziale Wirklichkeit als komplex zu bezeichnen? Und worin lag 1969 das Risiko dieses Begriffs?

Die Lust der Soziologen am Mitregieren

Die Kölner Zeithistorikerin Ariane Leendertz hat jetzt mit einer bemerkenswerten Untersuchung Licht in diesen Anfang einer semantischen Weltkarriere geworfen. Leendertz zufolge war Komplexität zunächst der Begriff dafür, ein soziales Phänomen in seiner Ganzheit erfasst zu haben, um auf dieser Wissensgrundlage effektive politische Intervention zu ermöglichen. La Porte und Kollegen waren zu der Überzeugung gelangt, jetzt endlich über die analytischen Instrumentarien und Kapazitäten zur Wissensverarbeitung zu verfügen, die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht länger zu vereinfachen oder sich ihr bestenfalls annähern zu können. Das Zauberwort dafür war eben „organisierte Komplexität“. Dass etwas Mannigfaltiges komplex war, bedeutete für sie, dass es kein Chaos war, sondern von etwas integriert wurde. Aber wer war die Instanz dieser Integration?

Die kalifornischen Sozialwissenschaftler waren alles andere als Steuerungsskeptiker. Ganz im Gegenteil, sie empfanden es geradezu als die Pflicht von Soziologie und Politikwissenschaft, die Verbesserung der Gesellschaft zu planen und den damit Beauftragten wissenschaftlich beizustehen. Ihre Übernahme komplexitätstheoretischer Annahmen aus der allgemeinen Systemtheorie in die politische Steuerungstheorie war, bemerkt Leendertz, im Kern ein gesellschaftliches Optimierungsprogramm: Demokratische Aushandlungsprozesse galten ihnen wenig, der Primat der Politik als privilegiertes Zentrum der Gesellschaft dagegen viel. Staatliche Intervention war gefordert, zum Erfolg habe ihr bisher nur mangelndes Wissen gefehlt. Dass man davon jetzt endlich ausreichend hatte, dafür sorgte auch die in Berkeley enthusiastisch begrüßte Revolution der Computertechnik. Jetzt schien alles zusammenzufinden - Kybernetik, Mathematik, Informationstheorie und Soziologie. Es war eine Lust, als Sozialwissenschaftler mitzuregieren.

Das Ende des „Social Engineering“

Die Lust war bald verflogen. Die siebziger Jahre gerieten in den Vereinigten Staaten zu einem Jahrzehnt der Depression. Der Fortschrittoptimismus der späten Sechziger - Johnsons „Great Society“, das Mond-Programm - wich einem kulturalistischen Pessimismus, der amerikanische Zukunftshorizont verdunkelte sich - und mit ihm auch der Begriff der Komplexität. Nur wenige Jahre nach seiner Einführung als Lösungsbegriff war er zum Problem schlechthin mutiert.

Zum Verzweifeln seiner Urheber schien jeder Versuch, Komplexität zu verringern, diese nur noch zu vergrößern. Mitte der siebziger Jahre drängten daher neue Begriffe wie Unregierbarkeit, Überforderung und Krise der Demokratie die Verfechter des staatlichen Interventionismus in die Defensive. Der Amtsantritt Ronald Reagans 1980, die damit verbundene Durchsetzung neoliberaler Politikkonzepte, der Aufstieg des Marktes als universales gesellschaftliches Regulativ sowie - in den Sozialwissenschaften - die Karriere von Konzepten wie der Selbstorganisation sozialer Systeme markierte für Leendertz Höhe- und gleichzeitig Endpunkt der amerikanischen Tradition des „social engineering“.

Problembegriff mit Entlastungspotential

Heute ist Komplexität gänzlich zu einem Problembegriff mit hohem Entlastungspotential verkommen. Wer etwas als komplex bezeichnet, meint damit wieder, dass es sich einfachen Erklärungen entzieht, sich kaum steuern oder auch nur gezielt beeinflussen lässt und entsprechende Versuche darum vermutlich schiefgehen werden. Alles, was komplex ist, das ist eigentlich immer schon viel zu komplex.

Komplexität ist damit zu einem anderen Namen von Resignation geworden, um das Scheitern von Kontroll- und Gestaltungsversuchen universal zu entschuldigen. Auf die Herausforderung der Komplexität reagiert man bevorzugt mit der Unterstellung von Selbstorganisation - man lässt das Eingreifen lieber bleiben und hofft, die Dinge werden sich schon von selbst regeln. Leendertz’ Studie erinnert an den Mut, mit dem sich die Sozialwissenschaften dieser Erwartung einmal entgegenstellten. Vielleicht ist es an der Zeit, dafür einen neuen Begriff zu finden.

Literatur

Ariane Leendertz: Das Komplexitätssyndrom. Gesellschaftliche Komplexität als intellektuelle und politische Herausforderung in den 1970er Jahren. Discussion Paper 15/7 des MPIfG, Köln.

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