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Veröffentlicht: 15.05.2017, 10:15 Uhr

Olfaktologie Immer auf der richtigen Fährte

Des Menschen Geruchssinn ist besser als sein Ruf. Aber kann er wirklich mit der Supernase von Hunden mithalten? Eine aktuelle Studie behauptet das.

von Georg Rüschemeyer
© www.fotex.de Können sich gut riechen: Kommissar Rex und sein zweibeiniger Kollege

San Francisco gilt als Treffpunkt schräger Vögel. Doch die Gestalten, die im Sommer 2006 auf dem Gelände der Universität Berkeley zu beobachten waren, dürften selbst dort für Kopfschütteln gesorgt haben. Overalls, Knieschoner und dicke Arbeitshandschuhe, auf dem Kopf Gehörschutz-Kopfhörer und mit undurchsichtigem Stoff beklebte Skibrillen – in diesem Outfit krochen tagelang Versuchspersonen auf allen Vieren über eine Wiese auf dem kalifornischen Universitäts-Campus, ihre Nasen wie ein Spürhund dicht am Gras.

Tatsächlich wollte die Biophysik-Doktorandin Jess Porter mit diesem Experiment überprüfen, ob Menschen dazu in der Lage sind, wie ein Hund einer Fährte zu folgen. In diesem Fall einer gut zehn Meter langen, in der Mitte um 45 Grad abknickenden Geruchsspur aus Schokoladenaroma. Das später im Fachjournal „Nature Neuroscience“ publizierte Ergebnis der Tests: Zwei Drittel der insgesamt zweiundvierzig Probanden folgten der Spur erfolgreich, mit etwas Übung ließen sich Genauigkeit und Tempo noch deutlich erhöhen. Und offenbar nutzen sie dabei sogar eine Art Richtungsriechen mit Hilfe der minimal unterschiedlichen Duftstoffkonzentrationen in den beiden Nasenlöchern, um auf der richtigen Fährte zu bleiben.

Geschrumpftes Riechhirn

Dieses Experiment an der Universität in Berkeley gehört zu den zahlreichen Belegen, die der Riechforscher John McGann von der Rutgers University in New Jersey jetzt in einem Überblicksartikel in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Science“ zusammenträgt. McGann legt darin recht überzeugend dar, warum er die bis heute verbreitete Vorstellung eines nasal minderbemittelten Menschen für einen Mythos mit Wurzeln im 19. Jahrhundert hält.

Tatsächlich hatte die Nase als Sinnesorgan in der westlichen Zivilisation schon vorher einen schweren Stand. Wohlgerüche dienten dazu, „Schleckereien und Wollust des Leibes zu erwecken“, schrieb etwa der Renaissancedichter Petrarca. Wissenschaftler späterer Zeiten beschrieben den Menschen vor allem als Augentier, zum Beispiel Charles Darwin, der dem Riechsinn nur „extrem geringen Nutzen“ zubilligte. Zur gleichen Zeit stellte der französische Neuroanatom Paul Broca, auf den auch die grobe Einteilung des Tierreichs in Makro- und Mikrosmaten, also Groß- und Kleinriecher, zurückgeht, die Theorie auf, das Riechhirn sei im Menschen geschrumpft, um einem umso größeren Frontalhirn und damit erst Vernunft und freiem Willen Platz zu machen.

Für Freud war die Nase natürlich nicht einfach nur die Nase

Sigmund Freud kombinierte diese Idee mit jener von Petrarca und reduzierte den Riechsinn auf einen Auslöser von instinktivem Sexualverhalten, der im Menschen glücklicherweise weitgehend atrophiert sei. Sein Leibarzt Wilhelm Fließ wiederum stellte 1910 in seinem Werk „Über den ursächlichen Zusammenhang von Nase und Geschlechtsorganen“ schließlich noch die „nasogenitale Reflextheorie“ auf, der zufolge die Nase nicht nur symbolisch, sondern auch zentralnervös einen direkten Draht zu des Mannes bestem Stück habe.

Angesichts derart prominenter Nasenverächter hätten spätere Forscher die Vorstellung vom mikrosmatischen Menschen einfach ungeprüft übernommen und alle neuen Befunde nur in ihrem Licht interpretiert, meint nun McGann. Dabei sei unser Geruchssinn in Wirklichkeit sehr viel leistungsfähiger als gedacht. Auch der Mensch lebe in einer reichen Welt aus Düften, die unsere Gefühle und unser Verhalten beeinflussen.

Mächtige Riechkolben hier wie dort

Tatsächlich bleibt von Brocas Theorie bei genauerer Betrachtung schon auf neuroanatomischer Ebene nicht viel übrig. Zwar erscheinen die beiden Riechkolben, an denen die sensorischen Nervenbahnen aus der Nasenschleimhaut enden, beim Menschen wirklich nur wie winzige Anhängsel des Großhirns, während sie etwa bei der Maus einen guten Teil des Schädelvolumens füllen. Doch absolut betrachtet, ist der menschliche Bulbus olfactorius sogar deutlich größer als jener des Nagers. Berücksichtigt man die Zahl der darin liegenden Nervenzellen, so kommen Schätzungen für Maus, Mensch und viele andere Säuger auf vergleichbare Ergebnisse in der Größenordnung von einigen Millionen Neuronen.

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