http://www.faz.net/-gwz-7rv01

Interview zur Zukunft der Welternährung : Die Tierdichte müsste reduziert werden

  • Aktualisiert am

Kühe sollten nicht im Stall, sondern auf der Weide gefüttert werden - soweit die Empfehlungen des neuen Strategiepapiers Bild: dpa

Die Weltbevölkerung wächst rasant und mit ihr das Bedürfnis nach Nahrung. Eine Publikation des Agrarwissenschaftlers Stefan Siebert in „Science“ traut nun wenigen regional angepassten Strategien eine beträchtliche Hebelwirkung zu.

          Herr Siebert, es gibt Unmengen an Strategiepapieren. Was ist das Besondere an Ihren Vorschlägen in der Zeitschrift „Science“?

          Wir zeigen, wo und womit sich am meisten erreichen lässt. Wir nennen die Regionen und die siebzehn wichtigsten Feldfrüchte, wie etwa Reis, Mais, Weizen, Hirse und Sojabohnen. Und wir liefern Zahlen. Zusammengenommen ließen sich mit wenigen regional angepassten Strategien genügend Kalorien für weitere drei Milliarden Menschen erzeugen, ohne dass die Umwelt über Gebühr belastet würde.

          Was bedeutet das ganz konkret?

          850 Millionen Menschen könnten zusätzlich ernährt werden, wenn die Erträge überall auf mindestens fünfzig Prozent des Möglichen gesteigert würden. Vier Milliarden Menschen könnten zusätzlich ernährt werden, wenn das Ackerland direkt für die Ernährung genutzt würde, nicht für Viehfutter oder Bioenergie. Bis zu fünfzig Prozent der Feldfrüchte erreichen niemals den Verbraucher, sondern verderben oder landen im Müll. Gleichzeitig enden sechzig Prozent des eingesetzten Stickstoffdüngers in der Umwelt. Weizen, Reis und Mais kämen ohne Nachteil für den Ertrag auch mit vierzehn bis 29 Prozent weniger Stickstoff aus. In Indien ließe sich viel Wasser mit einer effizienteren Bewässerungstechnik einsparen, bei höheren Erträgen. Brasilien holzt 34 Prozent der tropischen Regenwälder ab, Indonesien siebzehn Prozent. Das sind konkrete Handlungsfelder, an denen man ansetzen muss.

          Stefan Siebert vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn
          Stefan Siebert vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn : Bild: Barbara Frommann

          Jeder Achte geht hungrig zu Bett. Warum haben die bisherigen Strategiepapiere nicht mehr Wirkung gezeigt? Vorschläge gibt es doch genug – oder sehen Sie das anders?

          1990 ging weltweit noch einer von sechs, nicht einer von acht, hungrig ins Bett, und vor hundert Jahren gab es selbst in Deutschland mehr hungrige als wohlgenährte Menschen. Der Düngemitteleinsatz ist in vielen Regionen rückläufig – etwa in Westeuropa –, und die Wasserqualität hat sich in vielen Gewässern wieder verbessert. Es gibt also auch Fortschritte, die wir nicht kleinreden sollten.

          Können Sie ein konkretes Beispiel dafür nennen, was bisher falsch gelaufen ist?

          Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist sicherlich die anfangs zu undifferenzierte Begünstigung der nachwachsenden Rohstoffe. Dadurch ist das für die Erzeugung von Nahrungsmitteln verfügbare Ackerland weiter zurückgegangen und mehr tropischer Regenwald abgeholzt worden.

          Glauben Sie, dass Ihr Strategiepapier die nötige Resonanz finden wird? Was müsste passieren, damit es nicht nur eine weitere wissenschaftliche Veröffentlichung ist?

          Da wir nicht in einer Welt mit globaler staatlicher Geburtenkontrolle und Lebensmittelzuteilung leben wollen, gibt es keine wirklichen Alternativen zu einer nachhaltigen Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion. Unser Artikel ist ein Beitrag zur Fokussierung der Bemühungen. Wir benennen effektive Maßnahmen.

          Welche der Maßnahmen müsste als erstes umgesetzt werden? Gibt es eine Rang- und Reihenfolge?

          Es kann allein deshalb keine Rang- oder Reihenfolge geben, weil das Potential der Maßnahmen regional sehr unterschiedlich ist. Allerdings lässt sich ein einmal abgeholzter Regenwald als Ökosystem nicht mehr so einfach wiederherstellen. Deshalb ist hier Eile geboten und deshalb sind Initiativen wie das UN-REDD Programm, das den Schutz der natürlichen Wälder attraktiver macht, ein guter erster Schritt.

          Sie sehen auch Deutschland in der Pflicht. Was müssten die deutschen Landwirte und Verbraucher tun, um die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern?

          Wir sollten uns stärker dafür einsetzen, dass auf dem Acker wieder mehr Nahrungsmittel erzeugt werden, Tiere auf der Weide ernährt werden und Bioenergie hauptsächlich aus Wäldern oder Abfallprodukten gewonnen wird.

          Wird es in Zukunft nur mit einem geringeren Fleischkonsum gehen? Werden wir alle Vegetarier werden müssen, damit jeder genug zu essen hat?

          Das Problem ist nicht der Fleischkonsum an sich, sondern die Fütterung der Tiere. Immer mehr Ackerland dient der Produktion von Viehfutter. In den Vereinigten Staaten und weiten Teilen Westeuropas werden nur noch zwanzig bis vierzig Prozent der Anbaufläche direkt für die Ernährung der Menschen genutzt. Aber kein Tier setzt das Futter zu hundert Prozent in Fleisch, Milch oder Eier um. Bei der gegenwärtigen Fütterung kostet die Produktion einer tierischen Kalorie mehr als drei pflanzliche Kalorien. Bei der Weidennutzung ist das ganz anders. Wir können das Gras nicht als Lebensmittel nutzen. Daher führt die Beweidung zu einem Nettogewinn an Nahrung. Allerdings lassen sich die Massen an tierischen Produkten, die derzeit konsumiert werden, nicht nur durch Beweidung erzeugen. Bei echten globalen Nahrungsmittelengpässen müsste ein größerer Teil der Ernte für die Ernährung der Menschen verwendet werden und die Tierdichte reduziert werden.

          Wer trägt das Gros der Verantwortung? Sie schreiben in „Science“, dass einige Regionen besonders in der Pflicht sind?

          Zur Steigerung der Nahrungsmittelverfügbarkeit müssen die Erträge besonders in Afrika und Osteuropa sowie Teilen Asiens erhöht werden, während in den Vereinigten Staaten, China, Westeuropa und Brasilien zu viel Ackerland für die Produktion von Tierfutter und Bioenergie verwendet wird. Dass zu viele Lebensmittel von Schädlingen gefressen werden, verderben oder im Müll landen, ist ein globales Problem. In den Entwicklungsländern gehen sie vor allem am Anfang der Produktionskette verloren, wegen Missernten, falscher Lagerung, mangelhaftem Transport oder durch schlechte Verarbeitung. In den entwickelten Ländern entstehen die Verluste eher am Ende der Kette, im Handel und bei den Verbrauchern. Der Einsatz von Düngemitteln sollte besonders in China, Indien und den Vereinigten Staaten reduziert werden. Indien muss Wasser einsparen und Brasilien und Indonesien weniger Regenwälder abholzen.

          Die Fragen stellte Hildegard Kaulen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          „Am Ende kommt es zum Ruin“

          Spaniens Liga-Präsident : „Am Ende kommt es zum Ruin“

          Für Spaniens Liga-Präsident Javier Tebas sind die arabischen „Staatsklubs“ PSG und Manchester City das existentielle Problem des europäischen Fußballs. Er setzt auf mehr Regulierung – und nimmt auch den FC Bayern in die Pflicht.

          Immer mehr Produkte werden grün Video-Seite öffnen

          Geschäftsmodell Klimawandel : Immer mehr Produkte werden grün

          Deutschland exportiert nicht nur eine große Menge von Umwelttechnik und stellt damit einen Weltmarktanteil von 15 Prozent. Auch immer mehr Unternehmen stellen auf eine klimafreundlichere Produktion um. Alles Greenwashing oder ernsthaftes Engagement?

          Topmeldungen

          Trumps UN-Rede : Feurige Worte und tödliche Missverständnisse

          Donald Trump hebt die Bedeutung „souveräner Nationalstaaten“ hervor und teilt gegen Nordkorea aus. UN-Generalsekretär Guterres mahnt zur Einigkeit – mit einem Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten.
          Amerikas Außenminister Rex Tillerson

          Iran : Tillerson fordert Änderungen am Atomabkommen

          Der amerikanische Außenminister hält die Iran-Vereinbarung für nicht streng genug. In einem TV-Interview droht er: Sollte es keine Änderungen geben, würden sich die Vereinigten Staaten aus dem Pakt zurückziehen.
          Polizisten beobachten das Geschehen auf der Wiesn. Auch auf dem diesjährigen Oktoberfest kam es bereits zu sexuellen Übergriffen.

          Anstieg von Sexualstraftaten : Warnungen eines Wahlkämpfers

          Bayerns Innenminister Herrmann rühmt sich mit der hohen Sicherheit in seinem Bundesland. Die Zunahme der Sexualstraftaten – sowohl durch Deutsche als auch Ausländer – ist jedoch alarmierend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.