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Hirnforschung und Genetik : Molekulare Spuren kindlicher Gewalterfahrungen?

Das organische Gehirn ist empfindlicher: ein Aluminiumgehirn des Künstlers Peter Kogler Bild: Galerie Johann Widauer, Innsbruck

Erlebnisse in der Kindheit prägen oft die Entwicklung eines Menschen. Forscher glauben nun nachweisen zu können, dass kindliche Gewalterfahrungen sich in Veränderungen der epigenetischen Mechanismen niederschlagen. Molekulare Spuren im Erbgut von Misshandlungsopfern sprechen dafür.

          Wahre Mutterliebe? Für Rattenbabys hat sie die Form einer Zunge. Was so niedlich aussieht, hat nachhaltige Folgen: Lässt ihnen die Mutter besonders viel Aufmerksamkeit zukommen, indem sie ihren Nachwuchs ausgiebig leckt und hegt, sind sie später viel furchtloser und weniger stressanfällig als vernachlässigte Artgenossen. Die mütterliche Fürsorge prägt ihr Gehirn und damit das gesamte spätere Verhalten. Aber nicht nur das: Sie scheint auch das Erbgut zu beinflussen. Was Michael Meaney und seine Kollegen an der McGill University Montreal in langen kanadischen Wintern im Labor beobachten konnten, versuchen die Wissenschaftler jetzt auf den Menschen zu übertragen.

          Sonja Kastilan

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich fanden sich jetzt erste Hinweise darauf, wie Gewalt und Missbrauch auch menschliche Gene beeinflussen können.

          "Die Sequenzierung des menschlichen Erbguts war erst der Anfang", sagt Moshe Szyf vom McGill-Department of Pharmacology and Therapeutics. "Sein Kontrollsystem, das Epigenom, ist viel komplexer und individueller. Dessen Mechanismen zu verstehen stellt uns vor eine enorme Herausforderung." Szyfs Team hat dazu umfassendes Datenmaterial über depressive Mütter und deren Kinder gesammelt. Auch eine britische Studie, die Menschen aus unterschiedlichen Milieus seit fünfzig Jahren in ihrem Werdegang begleitet, ist für die Kanadier von großem Interesse. Die Forscher hoffen, dass sich die Ergebnisse ihrer Tierversuche hier in irgendeiner Weise widerspiegeln.

          Spuren im Hippocampus

          Vergangene Woche konnten sie in der Zeitschrift PLoS One die ersten Ergebnisse vorlegen: Der Vergleich von Gehirngewebe zeigt, wie sich menschliche Erfahrungen auf Dauer in biochemischen Prozessen niederschlagen, durch die bestimmte Gene an- und abgeschaltet werden. Im Hirn von 13 Selbstmordopfern, die in ihrer Kindheit misshandelt worden waren, fanden Szyf und seine Kollegen deutliche Veränderungen, die bei einer Kontrollgruppe von nicht misshandelten Unfalltoten nicht vorkamen. Sie betrafen allerdings nicht die DNA-Sequenzen der Gene selbst, sondern deren biochemische Verpackung.

          Der Unterschied zeigte sich dabei im Hippocampus, einer Gehirnregion, die für Gedächtnis- und Lernvorgänge des Menschen von Bedeutung ist. Wichtige Erbinformationen in dessen Zellen waren bei den Selbstmördern stillgelegt und mit molekularen Schlössern versehen: Methylgruppen verhinderten das Ablesen der Gene und damit die Produktion wichtiger Proteine (siehe den unten stehenden Kasten „Epigenetik“). Dieser Befund könnte erklären, warum der Hippocampus bei misshandelten Kindern häufig unterentwickelt bleibt.

          Ohne Proteine lässt sich keine Anatomie gestalten, kognitive Fähigkeiten bleiben dadurch eingeschränkt. Auch manche psychischen Störungen und Geisteserkrankungen beruhen auf einer veränderten Genaktivität im Gehirn: Das Rett-Syndrom, eine frühkindliche Entwicklungsstörung, lässt sich genauso auf Störungen im epigenetischen System zurückführen wie manche Formen von Autismus. Die Veränderungen betreffen dabei nicht die genetische, sondern die sogenannte epigenetische Ebene der menschlichen Physiologie.

          Epigenetische Mechanismen

          "Die ganze Idee der Epigenetik beruht auf der Frage, wie das äußere Umfeld tatsächlich auf das Erbgut und seine Aktivitäten wirkt", erklärt Moshe Szyf. Auf welche Weise können Ernährung, Gesellschaft oder Familie, Liebe oder Gewalt die genetische Knetmasse formen? Welche molekularen Veränderungen modellieren das Genom aus drei Milliarden Basenpaaren in seine endgültige Form? Lassen sie Erbinformationen gezielt verstummen und verleihen sie dadurch einem Organismus eine andere Gestalt oder einen anderen Charakter? Und werden diese Einflüsse womöglich sogar vererbt?

          Vor einiger Zeit gab es dazu bereits Hinweise. Niederländische Großmütter, die zu Kriegszeiten darben mussten, brachten nicht nur kleinere Töchter zur Welt. Auch die Generation der Enkel war noch untergewichtig, obwohl deren Mütter in der Schwangerschaft keinen Hunger mehr leiden mussten. Mit solchen Fragen nach einem epigenetischen Mechanismus, der viel mehr an als in den Genen wirkt, beschäftigen sich Stammzellforscher ebenso wie Pflanzenzüchter, Insektenkundler oder Psychologen.

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