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Tierversuche : „Wir müssen diese Polarisierungen überwinden“

Wolf Singer Bild: Frank Röth

Nach monatelangen Drohungen hat der Tübinger Hirnforscher Nikos Logothetis angekündigt, seine Affenversuche einzustellen. Max-Planck-Kollege Wolf Singer spricht über seine Enttäuschung und seine eigenen schlechten Erfahrungen.

          FRAGE: Herr Singer, Sie waren schon in den neunziger Jahren als Affenquäler beschimpft und bedroht worden. Können Sie die Entscheidung des Kollegen Logothetis nachvollziehen, die Primatenforschung zu beenden?

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          ANTWORT: Wir bedauern das alle sehr. Er hat wunderbare Forschung gemacht, und es bestand für ihn kein inhaltlicher Grund, das aufzugeben. Aber er war eben einem massiven Mobbing ausgesetzt, und dem konnte er nicht widerstehen.

          FRAGE: Sie haben ähnliche Erfahrungen gemacht, dennoch haben Sie nicht aufgehört zu forschen. Haben Sie die Bedrohung verdrängt?

          ANTWORT: Das geht ja immer noch weiter. Ich bin jahrelang immer wieder persönlich bedroht worden, ebenso meine Kinder. Meinen Nachbarn wurde gesagt, dass sie in der Nähe eines Mörders, Sadisten, Kriminellen leben, ich bin immer wieder mit Mengele verglichen worden, hatte lange Zeit Telefonterror mit sechs Anrufen pro Nacht. Man drohte mir, mein Auto in die Luft zu sprengen, ich musste immer wieder neue Routen fahren, war eine Zeitlang mit Personenschutz unterwegs. Ich musste meine Pakete zur Polizei tragen und sie vom Schnüffelhund nach Bomben absuchen lassen.

          FRAGE: Und trotzdem keine Zweifel, mit der Forschung aufzuhören?

          ANTWORT: Nein, überhaupt nicht. Ich bin überzeugt von dem, was ich tue, weil es getan werden muss. Wir haben heute immer noch alle vier Wochen eine Mahnwache vor dem Institut. An den Zäunen der Straßenbahn hängen große Plakate, auf denen ich als Mörder angeprangert werde.

          Rhesusaffe im Freigehege des Frankfurter Ernst-Strüngmann-Instituts für Hirnforschung.
          Rhesusaffe im Freigehege des Frankfurter Ernst-Strüngmann-Instituts für Hirnforschung. : Bild: Röth, Frank

          FRAGE: Das hält nicht jeder aus. Sprechen Sie sich mit Ihren Kollegen ab, ob Rückzug eine Option ist?

          ANTWORT: Wir reden andauernd darüber. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass diese Forschung unerlässlich ist, um mit unseren großen Problemen fertig zu werden. Wir haben bisher noch für keine der großen psychiatrischen Leiden eine kausale Therapie, die auf dem Verständnis von Mechanismen im Gehirn beruht. Alles, was wir heute tun, ist Versuch und Irrtum, und diese Situation ist extrem unbefriedigend. Wir kommen den Lösungen nur näher, wenn wir verstehen, wie die hochkomplexen Gehirne von Primaten funktionieren.

          FRAGE: Ist Primatenforschung da alternativlos?

          ANTWORT: Differenzierte kognitive Funktionen lassen sich an der Maus nur begrenzt erforschen. Durch die heute sehr umfänglichen Analysen der Verbindungen im Gehirn wird immer deutlicher, dass in Primatengehirnen ganz andere genetische Programme abgerufen werden als in Nagern. Die Organisation der Gehirne ist deutlich verschieden. Wir brauchen auch die invasiven Verfahren, um die vielen Daten, die jetzt mit nichtinvasiven bildgebenden Verfahren an Menschen gewonnen werden können, überhaupt interpretieren und mit der nötigen zeitlichen und räumlichen Auflösung deuten zu können. Erst dann können wir fundierte Hypothesen über mögliche Fehlfunktionen ableiten.

          FRAGE: Kein Nachlassen der Tierversuche also?

          ANTWORT: Nein, die Notwendigkeit wird auf absehbare Zeit bleiben. Die Komplexität, mit der wir es zu tun haben, ist so viel größer, als wir ursprünglich annahmen, dass an Primatenforschung im Moment überhaupt kein Weg vorbeiführt. Das wird weltweit so gesehen. Allein in Manhatten gibt es mehr Primatenarbeitsplätze als in ganz Europa.

          FRAGE: Eher noch mehr Experimente also?

          ANTWORT: Die Zahl der Experimente an Primaten ist verschwindend gering. In der Grundlagenforschung machen sie nur 0,01 Prozent aus. Das liegt auch daran, dass man mit den Tieren sehr pfleglich umgeht und deshalb mit einem Tier über viele Jahre arbeiten kann. Die großen Probleme des Tierschutzes existieren doch nicht in dem sorgfältig überwachten Labor der Grundlagenforschung, sondern in der weit weniger regulierten Nutztierhaltung und Schädlingsbekämpfung. Jeder Kaninchenzüchter kann seinem Tier das Fell über die Ohren ziehen, ich dagegen muss schon für einen Versuch mit einer Ratte eine sechzigseitige Begründung mit einer ethischen Rechtfertigung vorlegen.

          FRAGE: Muss aber die Forschung nicht selbst auch endlich neue Wege suchen, um diesen Konflikt mit ihren Kritikern zu entschärfen?

          ANTWORT: Das Schreiben von Aufklärungsliteratur hat mich selbst in die Schusslinie gebracht, ich bin dennoch überzeugt: Wir müssen die Zusammenhänge viel stärker noch in die Bevölkerung tragen und erklären, für welchen Zweck wir das alles tun und wie Experimente in Wirklichkeit ablaufen. Ich stehe einer vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft eingesetzten internationalen Kommission vor, die sich mit diesem Thema befasst. Wir werden noch im Mai die erste Konferenz dazu haben, in der es um Transparenz und die ethischen Implikationen unserer Forschung gehen wird. Klar fragen wir uns, welche Strategien wir brauchen, um diese unseligen Polarisierungen endlich zu überwinden.

          Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

          Quelle: F.A.Z.

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