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Hirndoping mit Ritalin : Stoff für die Synapsen

Methylphenidat, vulgo Ritalin Bild: ASSOCIATED PRESS

Die Wirkungsweise von Ritalin glaubte man zu kennen: mehr Dopamin in den Synapsen. Doch nun zeigen Untersuchungen, dass die mit ihm verbesserten Lernleistungen auch durch die Ausbildung neuer Synapsenverbände zustande kommen.

          Die Idee, unsere Denk- und Gedächtnisleistungen künstlich aufzupeppen, hat sich in letzter Zeit insbesondere für Intellektuelle als geradezu unwiderstehlich erwiesen. Gegen das Neuro-Enhancement lasse sich schwer argumentieren, schreibt etwa der Soziologe und Biotechnikfachmann Wolfgang van den Daele, langjähriges Mitglied des Nationalen Ethikrats, im neuen Heft des Wissenschaftzentrums Berlin. In Sachen Hirndoping und Intelligenzprothesen handele der Mensch "auf eigene Rechnung" - wobei stets vorausgesetzt wird, dass es sich bei den diversen denkbaren Optimierungsverfahren um folgenlose, also reversible, Eingriffe handelt. Wie viel Sicherheit für die körperliche und psychische Integrität des Nutzers aber können die vermeintlich minimalinvasiven Tuningmanöver ins Hirn eigentlich bieten?

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Keine große bislang, darf man annehmen, wenn man sich die jüngsten Erkenntnisse über den einschlägigen Wirkstoff Methylphenidat ansieht. Das Mittel, das als Ritalin bekannt ist und seit mindestens sechs Jahrzehnten in unterschiedlichen Dosierungen und unter verschiedenen Markennamen ebenso als Psychopharmakon wie als Hirnstimulans verkauft wird, gilt als besonders wirkungsvoll. In der Psychiatrie wird es seit Jahren - meist zusammen mit einer Psychotherapie - verstärkt für die Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADHD) von Kindern genutzt. Ritalin soll aber nicht nur die Konzentration fördern, sondern auch die Lernfähigkeit verbessern - weshalb Ritalin nicht zuletzt in Ländern, wo der Zugang weniger restriktiv als hierzulande geregelt ist, als Hirnleistungsverstärker und damit als Lifestyle-Mittel gehandelt wird.

          Seine Wirkung, so glaubten viele, sei hinlänglich aufgeklärt. Die Verbindung verhindert in den entsprechenden Hirnzentren die Wiederaufnahme des Nervenbotenstoffs Dopamin, was letztlich dazu führt, dass Dopamin sich in dem Zwischenraum der Nervenenden - den Synapsen - anhäuft und die Weiterleitung der elektrischen Signale beispielsweise von den Wahrnehmungsarealen der Großhirnrinde erleichtert.

          Neue Synapsenverbände

          In einer neuen Veröffentlichung in der Zeitschrift "Nature Neuroscience" (doi: 10.1038/nn.2506) wird dieses Konzept bestätigt, aber auch grundlegend erweitert. Ritalin wirkt demzufolge schon nach kürzester Zeit buchstäblich hirnverändernd. Es verändert offenbar gezielt die Plastizität der Nervennetze, das heißt: Es nutzt die erstaunliche Fähigkeit auch ausgereifter Nervenzellen, neue, effiziente Synapsenverbände zwischen einzelnen Hirnarealen auszubilden und damit die Kommunikation zu befördern.

          Schon vor wenigen Monaten war durch eine Publikation in der Zeitschrift "Pediatrics" (Bd. 124, S. 71) eine Studie bekanntgeworden, die für eine - durchaus positive - Langzeitwirkung durch Ritalin spricht. An die hundert Jungen mit ADHD, die das Mittel im Alter zwischen sechs und achtzehn Jahren erhalten hatten, und drei Dutzend, die ohne Ritalin behandelt wurden, hat man jahrelang beobachtet, genauso wie hundert gesunde Kinder. Danach war klar: Mit Ritalin behandelte Kinder litten zehn Jahre nach der Behandlung deutlich seltener an psychiatrischen Leiden und hatten später bessere Schulerfolge.

          Unterdrücktes Rauschen

          In der neuen Studie von Antonello Bonci von der Ernest Gallo Clinic der University of California in San Francisco sind die Lernerfolge von Ratten getestet worden, die mit unterschiedlichen hemmenden und anregenden Wirkstoffen behandelt wurden. Außerdem hat man die Funktionsfähigkeit der Hirne von behandelten und unbehandelten Nagern miteinander verglichen. Das Augenmerk der Forscher galt dabei bestimmten Abschnitten der Amygdala, bekannt auch als Mandelkern. Er spielt bei Lernvorgängen und Wahrnehmungen, insbesondere bei solchen mit Gefühlsinhalten, eine wichtige Rolle.

          Wie sich bei den standardisierten Lernexperimenten herausstellte, wirkt Ritalin an den Nervenenden zweigleisig: Es sorgt einerseits für höhere Konzentrationsfähigkeit, indem es sogenannte D2-Rezeptoren stimuliert und gleichzeitig die Erregbarkeit und damit das "Ablenkungsrauschen" von nicht am Lernvorgang beteiligten Nervenbahnen hemmt. Andererseits stimuliert es einen anderen Dopaminrezeptor, D1, der die Erregbarkeit der am stärksten aktivierten Nervenverbindungen zwischen Hirnrinde und Amygdala erhöht und damit die Lernerfolge effizient steigert. Vor allem aber wird durch die Wirkung des Mittels die Zahl der Nervenverbindungen und der Synapsen zwischen den angeregten Hirnarealen unmittelbar und messbar erhöht. Bei Tieren, die mit einer Salzlösung statt mit Ritalin behandelt wurden, hat man solche Veränderungen auch bei noch so intensivem Lerntraining nicht entdeckt. Unklar ist noch, ob auch in anderen Lernzentren die Hirnarchitektur so spontan und eingreifend durch Ritalin umprogrammiert wird.

          Quelle: F.A.Z.

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