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Glosse: Stress mit den Jahren : Alte Eltern

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Wenn Eltern ihre erwachsenen Kinder noch unterstützen müssen, kann das für Stress sorgen. Irgendwann muss Schluss sein, oder spricht noch irgend etwas fürs späte Kinderaufziehen?

          Irgendwann muss Schluss sein. Mit dem Kinderkriegen. Und mit dem Kinderaufziehen sowieso. Auf diese Formel lassen sich gleich mehrere wissenschaftliche Studien bringen, die in diesen Tagen erschienen sind. Lauren Bangerter von der Pennsylvania State University und ihre Kollegen untersuchten mehr als 300 Eltern, die im Schnitt 76 Jahre alt waren. Für viele dieser alten Eltern bedeutete es Stress und in der Folge ein beachtliches Risiko für Depressivität, wenn sie ihre erwachsenen Kinder noch immer unterstützen mussten. Das war doch klar, könnte man jetzt denken. Zu erleben, dass die Nachkommen mit dem Einkommen nicht auskommen, kann ja einfach keine positive Erfahrung sein. Doch Bangerters Untersuchung im Fachmagazin „The Gerontologist“ bezieht sich nicht nur auf finanzielle Hilfen. Auch Ratschlage und Gespräche, das Zuhören und Trösten verbuchen die amerikanischen Wissenschaftler als Unterstützung erwachsener Kinder. Und interessanterweise ergab sich ein großer Unterschied im Hinblick auf materielle und nicht-materielle Unterstützung: Gaben die Eltern ihren Kindern Geld oder andere materielle Hilfen, bedeutete das nur dann ein höheres Depressionsrisiko, wenn die Eltern es als Stress empfanden. Es gab auch Eltern, die ihr eigenes Verhalten verdienstvoll fanden. Je mehr finanzielle Hilfen diese Eltern zur Verfügung stellten, desto besser fühlten sie sich.

          Anders sah es aus im Hinblick auf nicht-materielle Hilfe, also Ratschläge und Gespräche. Eltern, die ihren Kindern wenig Zuwendung dieser Art zukommen lassen mussten, waren erstaunlicherweise besonders davon gestresst. Je mehr aber Eltern auf diese Weise von ihren Kindern beansprucht wurden, desto weniger gestresst waren sie. Die Forscher mutmaßen, dass Eltern, die nur selten eine Schulter zum Anlehnen bieten müssen, nur in schwierigen Situationen einbezogen werden, wenn es um negative Gefühle, um Niederlagen und Konflikte geht. Eltern, die ihren Kindern oft ein Ohr leihen, werden vielleicht auch kontaktiert, wenn die Kinder positive Erlebnisse teilen möchten.

          Gestresste Großeltern

          Eine andere amerikanische Studie wirft noch mehr Licht darauf, warum es Stress bedeuten kann, spät im Leben Sorge für Kinder zu tragen: Im „Journal of Gerontological Nursing“ erschien eine Übersichtsstudie über Arbeiten, die untersucht haben, wie belastet Großeltern sind, die ihre Enkelkinder aufziehen. Auch bei diesen „alten Eltern“ zeigte sich durchgängig ein hohes Risiko für Depressionen. Allerdings konzentrierten sich die Studien bisher nur auf Großmütter – wie es den Großvätern geht, wurde ausgespart. Die Rolle von nicht mehr ganz jungen Männern bei der Kinderaufzucht untersuchte dafür eine amerikanisch-schwedische Forschergruppe im Fachmagazin „Jama Psychiatry“ genauer. Sind Väter bei der Zeugung über 45 Jahre alt, ist das Autismus-Risiko der Nachkommen im Vergleich zu Kindern von 20 bis 24 Jahre alten Vätern um den Faktor 3,45 erhöht. Auch Hyperaktivität, Psychosen, bipolare Störungen, Suizidversuche und Süchte kamen häufiger vor. Mutationen während der Spermatogenese seien schuld, unterstützen die Autoren eine alte These. Alter kann also durchaus eine psychiatrische Hypothek sein – manchmal auch für den Nachwuchs.

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