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Glosse : Gedankenflucht

Bundespräsident Wulff: „Ich erkenne an, dass hier ein falscher Eindruck entstehen konnte“. Bild: dpa

In einem Jahr ist alles vergessen. Sprach der Bundespräsident zu einem wachsenden Volk von Demenzgeplagten. Was aber tut er gegen den kognitiven Werteverfall?

          Wenn Bundespräsident Wulff den ihm unterstellten Satz, in einem Jahr sei alles vergessen, nicht auf sich und sein Amtsverständnis bezogen hat, sondern auf seine Kritiker, dann ist das erst mal nur verständlich. Warum soll man sich darüber aufregen? Mit der Hoffnung auf Vergessen wird seit Menschengedenken Politik gemacht. Ehrenrührig wird es erst, wenn er uns gewöhnlichen Bürgern damit ein pflaumenweiches Kollektivgedächtnis unterstellen würde. Das wäre schon moralisch fragwürdig, weil er damit die Ausübung seines Amtes mit der Prämisse versieht, dass die gemeinschaftliche Gedächtnisschwäche seinen politischen Zielen in die Hände spielen könne und deshalb also auch zu befördern sei. Wulff lebt offenbar radikal nach dem berühmten Ausspruch von Balzac: "Die Erinnerungen verschönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich." Und damit ist er durchaus auf der Höhe der Hirnforschung. Es ist doch längst bekannt: Wir werden ein Volk von Vergesslichen. Dafür spricht nicht nur die Demographie. Die wachsende Zahl an Älteren ist das eine.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das andere ist die systematische Ausbreitung der Demenz durch ärztliches Handeln. Britische Mediziner berichten jetzt im "British Medical Journal", wie sie in einer Studie an mehr als fünftausend männlichen und über zweitausend weiblichen Angestellten des öffentlichen Dienstes der Seuche auf die Spur gekommen sind. Dreimal wurden die 45- bis 70-Jährigen im Verlaufe von zehn Jahren rigiden Kognitionstests unterzogen. Fazit: Nicht erst die Senioren, sondern schon die Mitvierziger lassen ein mentales Schwächeln erkennen. Deshalb kriegen die jetzt auch den Stempel aufgedrückt: Demenzgefährdet! Nicht auszumalen, was herauskommt, wenn man demnächst bei Zwanzig- oder Dreißigjährigen anfängt zu suchen oder bei anspruchsloseren Probanden jenseits warmer Beamtenstuben. Eine Art kognitiver Klimawandel fegt durch die Gesellschaft. Das Volk ist in Angst vor der Demenz. Frühwarnsysteme werden installiert. Am Klinikum Darmstadt will man schon bei jungen Leuten Ablagerungen von Tau-Proteinen - typisch für Alzheimer-Gehirne - in der Nase suchen. In Leipzig wiederum sucht man mit Hirnscans an einem Knotenpunkt im Stirnhirn nach frühesten Spuren von Demenz. Und der Bundespräsident? Er taktiert und gibt sich als Hohepriester der Gedankenflucht, statt, wie es seines Amtes wäre, unsere Kultur im Kampf gegen den kognitiven Werteverfall zu unterstützen. Das ist glatte Fahnenflucht.

          Quelle: F.A.Z.

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