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Glosse: Fragile Intelligenz? : Klug verliert

Leonardo da Vinci, „Schädel in Schnittdarstellung” von 1489, Tusche und Kreide auf Papier Bild: Berkshire, The Royal Collection, Lent By Her Majesty Queen Elizabeth II

Ein Anthropologe aus Stanford sieht schwarz: Die paar tausend Gene, die unseren Intellekt prägen, erodieren seit mehr als hundert Generationen. Was also tun?

          Dass der Grieche vor dreitausend Jahren einer Hochkultur angehörte und heute weltökonomisch auf den Rang eines Sozialhilfeempfängers gerutscht ist, gehört jetzt auch zu den Erscheinungen der menschlichen Geschichte, die genetisch leicht zu erklären sind. Der Athener der Antike war intellektuell einfach in einer besseren Position. Er war uns evolutionspsychologisch sogar haushoch überlegen. In „Trends in Genetics“ rechnet uns der amerikanische Anthropologe Gerald Crabtree von der Stanford-Universität in zwei Teilstudien vor, weshalb der Grieche, aber längst nicht nur er durchaus wehmütig werden darf, wenn er hundert oder zweihundert Generationen zurückblickt.

          Damals waren die zwei- bis fünftausend Gene, die Homo sapiens für die Realisierung seines vollen intellektuellen Potentials benötigt, in ihrer höchsten Blüte. Seitdem geht es langsam, aber stetig bergab, sagt der Genetiker. Der Flynn-Effekt ist schiere Illusion, die Beobachtung, wonach der moderne Mensch in den ersten fünfzig Jahren nach Einführung von Intelligenztests sukzessive um ein paar Punkte besser abgeschnitten hat, ist für den Genforscher neurologisch mit dem Verbot von bleihaltigem Benzin und der Eliminierung kindlicher Schilddrüsenerkrankungen gut erklärbar. Fakt sei vielmehr: Unsere Intelligenz erodiert, und zwar ungebremst. Sie wird einfach nicht mehr gebraucht. Das Übel hat wohl mit der Sesshaftigkeit begonnen, danach geriet der Mensch genetisch auf die schiefe Bahn

          Fatale Mutationen

          Die Erbanlagen, die aus ihm den Überlebenskünstler und das Universalgenie der Evolution machten, wurden von da an nicht mehr benötigt. Entsprechend fielen fatale Mutationen in diesen Genen kaum mehr ins Gewicht. Und wenn wir weiter so bequem und faul in den Tag hineinleben und uns hinter dem Laptop auf den Meriten der frühen Hochkulturen ausruhen, prophezeit der Wissenschaftler, werden in weiteren dreitausend Jahren in jedem unserer Nachkommen mindestens ein bis zwei weitere fatale Genveränderungen verankert sein, die den schlauen Fuchs in uns sukzessive zum Verschwinden bringen.

          Was also ist zu tun? Crabtree rechnet mit technischen Genoptimierungsstrategien der kommenden Generationen. Wir hingegen setzen unsere Hoffnungen vollständig in den genetischen Wildtyp und plädieren dafür, die indigenen Reste von Intellektualität noch konsequenter zu schützen als bisher. Jeder Versuch der Zivilisierung muss als Versuch der Zerstörung unserer intellektueller Reservoire angesehen werden und sollte von höchster Stelle verboten werden.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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