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Die Menschen sind verschieden. Kann man deshalb von Rassen reden?

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Das Fremde und das Vertraute

Von JÖRG ALBRECHT

17. November 2015. Alle Menschen seien gleich, heißt es. Aber niemand glaubt das wirklich. Schon von Herkunft sind wir verschieden. Das reicht weit in die Vergangenheit zurück. Kann man deshalb von menschlichen Rassen reden?

Wenn wir eines Tages auf unsere Geschichte zurückblicken, werden wir nicht nur feststellen, wie viel Zeit die Evolution gebraucht hat. Sondern auch die Beschleunigung, mit der das Leben voranschreitet. Im Augenblick überstürzt sich die Entwicklung des Menschen. Seine Fähigkeiten, sein Wissen und seine Willensstärke sind höher entwickelt als je zuvor. Wie wird es weitergehen? Sie denken, dass eine Zeit kommen wird, in der keine weiteren Steigerungen möglich sind? Diese Ansicht ist falsch. Denn sehr vieles, bitte verzeihen Sie, überschreitet Ihr Vorstellungsvermögen.“
Aus: „Die letzten und die ersten Menschen“ von Olaf Stapledon

Am 16. Juli 2009 kehrt der Harvard-Professor Henry Louis Gates von einer Reise in sein Haus in Cambridge, Massachusetts, zurück. Die Tür lässt sich nicht mehr öffnen. Also benutzt er den Hintereingang. Nach wenigen Minuten klingelt ein Polizeibeamter namens James Crowley und fordert Gates auf, herauszukommen. Die Nachbarin habe einen Einbruch gemeldet. Gates protestiert, schließlich sei er der rechtmäßige Bewohner des Hauses: „Sie machen das doch nur, weil ich ein Schwarzer bin!“ Der Beamte nimmt ihn daraufhin fest und bringt ihn in Handschellen zur Wache.

Der Vorfall erregt die Öffentlichkeit. Gates ist nicht irgendwer. Er ist Koproduzent der Fernsehserie „Faces of America“, in der er die Herkunftsgeschichten von Prominenten schildert. Sein akademischer Werdegang füllt zwei Dutzend DIN-A4-Seiten, das Magazin Time hat ihn zu den 25 einflussreichsten Amerikanern gezählt, er gilt als der berühmteste schwarze Gelehrte der Nation. Schon zwei Tage später äußert sich Barack Obama auf einer Pressekonferenz zu der Angelegenheit. Der Präsident lädt Gates und Crowley zu einem beer summit ins Weiße Haus. Obama trinkt Bud Light, Crowley Blue Moon, Gates ein Sam Adams. Die Atmosphäre entspannt sich. Gates erzählt, dass er sich seit dem Tod seines Großvaters als Hobbygenealoge betätigt. Er besitzt das Bild einer Vorfahrin, der 1819 geborenen Sklavin Jane Gates. Genetische Tests haben ergeben, dass sich seine Herkunft einerseits bis zu den afrikanischen Nubiern zurückverfolgen lässt. Andererseits stimmt sein Erbgut in zehn von elf Markern mit den mutmaßlichen Abkömmlingen des irischen Königs Niall Noígíallach aus dem vierten Jahrhundert überein, der nicht nur für seine Erfolge auf dem Schlachtfeld, sondern auch für seine außerordentliche Zeugungskraft berühmt war. Dieselbe Genkombination hat Officer James Crowley, weshalb er und Gates entfernte genetische Cousins sind. Ein paar irische Gene besitzt auch Präsident Obama, außerdem kann er auf kenianische, britische, deutsche und Schweizer Vorfahren zurückblicken.

Das ist nichts Außergewöhnliches, sondern typisch. Bunte Mischungen im Erbgut weist ein Großteil der Weltbevölkerung auf. Dennoch gelten Obama und Gates in ihrem Land als Schwarze und Crowley als Weißer. Das Nachrichtenmagazin US News & Word Report führte nach der Verhaftung eine Umfrage durch, wer wohl im Recht gewesen sei. Nur ein Fünftel glaubte dem Gelehrten, die überwältigende Mehrheit dem Polizisten. Nachdem sich Obama eingemischt hatte, sank die Zustimmung weißer Wähler zu seiner Politik innerhalb kurzer Zeit von 53 auf 46 Prozent.

Der Soziologe Tino Plümecke vom Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin sieht den Fall als Paradebeispiel dafür, dass es sich beim Thema Rasse und Rassismus um „verwickelte Verhältnisse handelt, in denen biologische und politische Bedeutungen sich erst gegenseitig Sinn verleihen und entsprechend schwer zu entwirren sind“. Das ist noch zurückhaltend formuliert. Rassenfragen führen unweigerlich auf vermintes Gelände. Deutschsprachige Soziologen machten einen großen Bogen darum, weil sie das Problem allenfalls an den Rändern der Gesellschaft verorten, als Marotte einiger weniger Altnazis oder desintegrierter Jugendlicher, konstatiert Tino Plümecke.

  • © Science Photo Library/Agentur Focus
    Bunte Verwandtschaft. Von links nach rechts: Homo habilis, Homo ergaster,ein Homo georgicus-Paar, im Hintergrund zwei männliche Neandertaler samt einer Frau und einem Kind und ein Cro-Magnon-Jäger. Davor eine Gruppe von Vormenschen: Australopithecus africanus, Paranthropus boisei und Sahelanthropus tchadensis. Vorne rechts zwei Australopitheci afarenses. Sie alle stammen mitnichten von Affen ab, sondern teilen sie sich mit den Schimpansen einen gemeinsamen Vorfahren, der vor sechs bis sieben Millionen Jahren lebte und sich in Aussehen und Verhalten sehr von einem Schimpansen unterschieden haben muss. Wie sehr, das wurde 2009 durch „Ardi“ deutlich, dem bisher vollständigsten Skelett einer bereits aufrecht gehenden Frühmenschenform. Ardipithecus ramidus lebte vor 4,4 Millionen Jahren in offenem Waldland und konnte auch gut klettern – allerdings nicht hangelnd nach Affenart. Es gibt vage Hinweise darauf, dass beim Ardipithecus die Geschlechter enger zusammenarbeiteten und vielleicht die beim späteren Menschen dominierenden stabilen Paarbeziehungen bereits entwickelt waren.
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    Australopithecus:
    Vor „Ardis“ Entdeckung war „Lucy“ die Ikone des Frühmenschentums. Die Dame lebte vor 3,2 Millionen Jahren im Pliozän und gehörte zur Gattung Australopithecus, von der bislang mindestens sechs verschiedene Spezies beschrieben wurden, deren Fossilien zwischen 4,2 (Au. anamensis) und 2,5 Millionen (Au. Africanus und Au. garhi) Jahren alt sind, aber teilweise gleichzeitig in denselben Gegenden lebten. Ob es sich wirklich um sechs verschiedene biologische Arten handelte oder ob es sogar noch mehr waren, ist in Fachkreisen heftig umstritten. So oder so war die Frühmenschheit im späten Pliozän eine diverse Gruppe, denn neben den Australopithecinen gab es damals noch den robusten Paranthropus (den manche Forscher gleichwohl zum Australopithecus rechnen) und die ersten Vertreter unserer eigenen Gattung Homo. Und mindestens eine dieser Gruppen verwendete bereits Steinwerkzeuge.
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    Gattung Homo:
    Unsere eigene Gattung Homo zeichnet sich unter anderem durch eine große Hirnkapsel aus, größere Fleischanteile in der Nahrung und den ersten sicheren Beleg für Werkzeuganfertigung. Das früheste Fossil, das ihr zugerechnet wird, ist 2,8 Millionen Jahre alt. Auch danach bleiben die Funde aber so spärlich, dass sich nicht mit Sicherheit sagen lässt, ob die verschiedenen beschriebenen Formen, etwa H. habilis oder H. rudolfensis, nicht in Wahrheit eine biologische Art darstellen. Jedenfalls lassen sich 1,8 Millionen Jahre alte Funde aus Georgien dahin gehend deuten, dass es bis dahin tatsächlich nur eine einzige Homo-Spezies gab – jene, die sich schließlich aus Afrika hinauswagte.
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    Homo erectus:
    Als der aufrecht gehende Mensch wird Homo erectus bezeichnet, wobei er nicht der erste war – und sich die Archäologen noch streiten, welche der weltweit entdeckten, regional stark variierenden Fossilien nun dazu zählen. Was sich aber vor rund zwei Millionen Jahren in Afrika als fortschrittlicher, uns ähnlich proportionierter Menschentyp entwickelte, schuf Faustkeile und lernte, das Feuer zu nutzen. Er war der erste Hominide, der den Kontinent verließ, drang bis zum Kaukasus vor und weiter nach Asien. Die bei Dmanisi in Georgien entdeckten Knochen wurden eine Weile als ein Homo georgicus klassifiziert, gelten inzwischen aber wieder als lokale Gruppe des Homo erectus und als mögliches Bindeglied zu seinen asiatischen Varianten.
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    Peking-Mensch:
    Nicht weit von Peking entfernt liegt das Höhlensystem von Zhoukoudian. So werden die dort entdeckten Schädel und Knochen vierzig „Peking-Menschen“ zugeordnet, Vertretern des H. erectus. Und ihr Alter wird auf 750 000 Jahre datiert. Fünftausend Kilometer südlich davon wurden die Überreste von fast achtzig Individuen ausgegraben: Diese „Java-Menschen“ lebten vor 1,6 Millionen Jahren und stammen wohl von einer anderen Wandergruppe des H. erectus ab.
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    Homo heidelbergensis:
    Die Ära des Homo heidelbergensis ist das mittlere Pleistozän. Vor 700 000 bis 200 000 Jahren lebten seine Vertreter in Afrika und Europa, wobei über diese Benennung sowie über mögliche Nachfahren (wir, die Neandertaler) bis heute diskutiert wird. Sie hatten einen kompakten Körper, fertigten Steinwerkzeuge und Holzspeere wie die bei Schöningen geborgenen. Lange zählte man rund 430 000 Jahre alte Fossilien der spanischen Fundstätte Sima de los Huesos dazu, doch die besitzen weiterentwickelte Merkmale. Inzwischen ließen sich Erbinformationen von Zellkern und Mitochondrien gewinnen. Genanalysen rücken ihre Verwandtschaft nun enger an den Homo neanderthalensis als zum Denisova-Mensch oder H. sapiens. Es sind frühe Neandertaler oder deren Vorläufer, also müssen sich unsere Stammlinien eher getrennt haben als bisher gedacht. Allerdings bestanden Verbindungen zwischen diesen archaischen Hominiden und den Denisova-Menschen: Eine der Proben aus Spanien weist verblüffende Ähnlichkeit mit dem sibirischen Fund auf.
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    Neandertaler:
    Dass unsere nächsten Verwandten, die Neandertaler, zwar massive Knochen besaßen, sich hinter ihren Augenwulsten aber Gedanken über den Tod machten – darauf deuten ihre Gräber hin. Anatomie und Physiologie waren an kühlere Klimazonen angepasst. Als mobile Steinzeitjäger dominierten die Neandertaler über Hunderttausende von Jahren Europa, bis sich unsere eigene Abstammungslinie dort breitmachte. Sie zogen bis nach Zentralasien, wo sie auf Denisova-Menschen trafen und mit ihnen Kinder zeugten. Auch Begegnungen mit dem Homo sapiens blieben nicht ohne Folgen: Als der moderne Mensch Afrika verließ und in Europa und Asien einwanderte, trugen zumindest unsere Vorfahren das Erbe des Neandertalers mit sich: Ein bis drei Prozent des menschlichen Genoms stammen vom Neandertaler, sucht man heute außerhalb Afrikas. Vermutlich fand das Tête-à-tête vor 60 000 Jahren im Nahen Osten statt, spätere Rendezvous sind ebenfalls belegt.
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    Denisova-Mensch:
    Über ihre Anatomie ist wenig bekannt. Es blieben nur zwei Backenzähne nebst einem winzigen Fingerknochen erhalten. Aus diesen Überresten, die in einer Höhle des Altai-Gebirges gefunden wurden, ließen sich jedoch Erbinformationen gewinnen, die einiges über diese einst dort beheimateten Denisova-Menschen erzählen – und über uns alle. Sie sind näher mit dem Neandertaler als mit modernen Menschen verwandt und gelten als dessen Schwestern-Gruppe. Diese existierte bis vor rund 40 000 Jahren und war in Asien verbreitet. Ihre genetischen Spuren zeigen sich noch heute in Südostasien, Ozeanien und Australien: Die Denisova-Menschen haben sich unter die Ahnen der Urbevölkerung etwa von Neuguinea oder den Aborigines gemischt. Dass sie sich auch mit Neandertalern paarten und Gene einer weiteren, frühen Menschenform besaßen, belegen die Funde aus Sibirien außerdem. Das Erbgut bildet die Evolutionsgeschichte ab und weist auf – rare – menschliche Verflechtungen hin, wenn die Abkömmlinge unseres Stammbaumes zeitlich wie räumlich überlappten, und zahlreiche tote Äste. Wobei unsere Linie schon schätzungsweise vor 765 000 bis 550 000 Jahren von jener abzweigte, die noch den Neandertalern und Denisova-Menschen gemein ist.
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    Homo floresiensis:
    Menschlich sind die Überreste, die Archäologen 2003 in der Höhle Liang Bua auf der indonesischen Insel Flores entdeckten, zweifellos. Nur welcher Art? Nach wie vor streiten Experten, ob es sich bei diesen „Hobbits“ um kleinwüchsige Homo sapiens handelt – der australomelanesischen Population in dieser Region durchaus entsprechend und nur in einem Fall mit krankhaft verändertem Skelett. Oder um die Abkömmlinge anderer, früher eingewanderter Hominiden. Die Spuren von rund fünfzehn Individuen fanden sich in der Höhle, sie umfassen einen Zeitraum von vor 74 000 bis 12 000 Jahren. Ein Vulkanausbruch besiegelte offenbar ihr Schicksal.
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    Europas Magdalénien:
    Im „Zeitalter des Rentieres“, wie das Magdalénien einst genannt wurde, lebte eine ausgeprägte Jäger- und Sammler-Kultur in Mittel- und Westeuropa – der Neandertaler war längst ausgestorben. Aus dieser späten Phase der Altsteinzeit, vor etwa 18 000 bis 9000 Jahren, stammen die Höhlenmalereien von Altamira. Berühmt sind auch abstrahierte Venusfiguren und Ritzbilder, wie die von Gönnersdorf am Rhein. Dort siedelte man in steinumgrenzten Zelten, kochte in Gruben. Zur Beute zählten Fisch, Rentier, Geflügel, Pferd; Werkzeuge wurden aus Elfenbein, Knochen, Horn und Stein gefertigt – und Schmuck, dazu dienten auch Krallen, Zähne oder Schneckenhäuser.
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    Gletschermann Ötzi:
    Der 45-jährige tätowierte Bergwanderer, den die Welt „Ötzi“ nennt, könnte einer alpinen Gruppierung oder der Remedello-Kultur angehört haben. Die Ausrüstung weist einige typische Merkmale auf, zum Beispiel das wertvolle Kupferbeil, das bei seiner Gletschermumie auf 3210 Metern Höhe in Südtirol gefunden wurde. Beil sowie die Bekleidung aus Fell und Leder zeugen von der Handwerkskunst der Menschen, die um 3350 bis 3100 v. Chr. mit ihren Großfamilien in Siedlungsgemeinschaften lebten. Damals differenzierte sich die Gesellschaft zunehmend: Es entstanden soziale Gruppen
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    Homo sapiens:
    Rund 30 000 Jahre alte Funde aus der Dordogne begründeten den Ruhm des Homo sapiens im eiszeitlichen Europa: in der Gestalt des Cro-Magnon-Menschen. Während seine kunstfertige Sippschaft in die Stammgebiete des Neandertalers vordrang und dessen Stelle einnahm, bevölkerten andere Populationen des H. sapiens Nordafrika. Dazu zählt „Mechta-Afalou“ – so genannt in Anlehnung an die beiden Ausgrabungsstätten Mechta el-Arbi und Afalou bou Rhummel in Algerien. Die Männer dieser frühen Bevölkerung des Maghreb waren etwa 1,72 bis 1,74 Meter groß, Frauen zehn Zentimeter kleiner.

In Deutschland ist schon das Wort „Rasse“ durch den Holocaust an den Juden zum Unwort geworden. Fällt es ausnahmsweise doch einmal, wird es automatisch in Anführungszeichen gesetzt, damit klar ist, dass sich der Autor davon distanziert. Manche behelfen sich mit dem englischen Begriff race und schreiben ihn vorsichtshalber kursiv. Aber insgesamt hat sich die Sprachregelung der Unesco durchgesetzt, die 1950 gefordert hat, den Ausdruck Rasse ausnahmslos durch „Ethnie“ oder „Ethnizität“ zu ersetzen. Wer es noch neutraler haben will, spricht von „Populationen“ und „Subpopulationen“. Oder neuerdings von „Humandiversität“, um zu unterstreichen, dass genetische Vielfalt auf diesem Planeten nicht nur gewünscht ist, wenn es um Sumpffrösche oder Ackerwildkräuter geht. Ironischerweise kommen gerade dadurch wieder die Unterschiede ins Spiel, die es zwischen den Menschen gibt. Variationen im Erbgut waren überhaupt die Voraussetzung dafür, dass sich der Mensch so erfolgreich entwickeln konnte.

Die Frage ist nicht, ob heute noch genetische Unterschiede zwischen den Menschen vorhanden sind. Sie sind zahlreicher als je zuvor. Nie gab es eine solche Vielfalt. Das 2002 ins Leben gerufene HapMap Project hat sich zum Ziel gesetzt, den genetischen Reichtum der gesamten Weltbevölkerung zu sichten. Untersucht werden kurze Abschnitte, sogenannte Snips (single nucleotide polymorphisms), deren jeweilige Ausprägung sich von Mensch zu Mensch unterscheidet. Man kann aus ihnen ablesen, welche Wanderungen der Homo sapiens unternommen hat, seit er vor rund zweihunderttausend Jahren beschloss, seine Urheimat Afrika zu verlassen. Und man kann daraus Rückschlüsse ziehen, mit welchem Tempo sich verschiedene DNA-Profile entwickelt haben.

Dieser Prozess hat sich beschleunigt. Eine Genvariante beispielsweise, die dazu beiträgt, Alkohol schneller abzubauen, ist wahrscheinlich erstmals vor rund zehntausend Jahren entstanden, als in China damit begonnen wurde, Reis anzubauen, der bei längerer Lagerung vergor. Eine andere Variante, die den Organismus besser an das Leben bei geringerem Sauerstoffgehalt in großer Höhe anpasst, scheint sich in noch jüngerer Zeit in Tibet durchgesetzt zu haben. Auch die Laktosetoleranz, die dafür sorgt, dass Erwachsene Kuhmilch vertragen, ist jüngeren Datums; im nördlichen Mitteleuropa tauchte diese Eigenschaft erst vor fünf- bis sechstausend Jahren auf. Hinzu kommen zahlreiche Veränderungen, die sich auf den ersten Blick weniger dramatisch ausgewirkt haben, weil sie nicht ein einzelnes Gen betrafen, sondern Merkmale, für die Dutzende bis Hunderte Gene verantwortlich sind, wie es etwa bei der Körpergröße der Fall ist.

Der Grund dafür ist vor allem ein demographischer. Lebten am Ende der Eiszeit vielleicht fünf Millionen Menschen, so waren es zur Zeit der Römer bereits mehr als zweihundert Millionen und zu Beginn der Industrialisierung eine Milliarde. Man schätzt, dass jeder einzelne Neugeborene um die hundert Mutationen mit auf die Welt bringt, die er weder vom Vater noch von der Mutter geerbt hat. Der ursprünglich kleine Genpool der Menschheit hat sich in einen Ozean verwandelt. Die Frage ist, ob es gelingen kann, darin charakteristische Merkmale zu finden, die sich bestimmten Großgruppen zuordnen ließen. Also generell Afrikaner von Europäern zu unterscheiden, Chinesen von Japanern, Basken von Franzosen oder Beduinen von Palästinensern. Die politisch korrekte Antwort darauf lautete lange Zeit: nein.

Hier war nun ein einzigartiges Volk, von der Erbmasse her mit Fähigkeiten ausgestattet wie kein anderes. Es war aus allen Rassen zusammengesetzt. Man fand dort angelsächsische Hartnäckigkeit, deutsches Talent für Details, italienischen Frohsinn, das Feuer der Spanier, die Sensibilität der Slawen, eine verjüngende negroide Infusion, eine schwache, aber stimulierende Spur der Indianer und ein paar Tropfen mongolischen Blutes. Was hätte Amerika mit dieser Mischung nicht alles erreichen können?“
Olaf Stapledon

„Eine Einteilung der Menschheit nach Rassen hat keine biologische Grundlage.“ So und ähnlich lautet das Credo, auf das sich die große Mehrheit nicht nur der Anthropologen geeinigt hat. Diese Behauptung stützt sich auf eine vielzitierte Arbeit des emeritierten Harvard-Genetikers Richard Lewontin (siehe „Lewontins Fehlschluss“). Aber je tiefer die Molekularbiologie ins Erbgut vorstößt, desto deutlicher wird, wo Differenzen und Gemeinsamkeiten liegen. Das hat zunächst ganz pragmatische Folgen. In den Vereinigten Staaten gehört es in der Forensik und in der Medizin mittlerweile zum Alltag, zwischen Afroamerikanern, Hispaniern, Asiaten und Europäern zu unterscheiden. Kein Kriminaltechniker würde darauf verzichten, Tatortspuren auf ethnische Herkunft zu prüfen. Klinische Studien, die nicht nachweisen können, einen repräsentativen Teil der Bevölkerung zu erfassen, werden von den National Institutes of Health gar nicht erst gefördert. Und die Betroffenen fühlen sich in dieser Hinsicht auch nicht diskriminiert: Minderheiten fordern heute ganz selbstverständlich, dass eigens für sie Medikamente entwickelt werden.

Für Patienten mit afrikanischer Abstammung wurde zum Beispiel das Herzmittel BiDil auf den Markt gebracht, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie wesentlich häufiger eine bestimmte Genvariante für das Gewebshormon Angiotensin besitzen, das eine Schlüsselrolle bei der Regulation des Blutdrucks spielt. Nur sieben Prozent aller Asiaten, aber mehr als ein Viertel der Europäer besitzen eine Genkombination, die dazu führt, dass codeinhaltige Schmerzmittel weniger gut wirken. Gene für Blutkrankheiten wie Sichelzellenanämie und Thalassämie, die gleichzeitig einen gewissen Schutz gegen Malaria bieten, sind südlich der Sahara und im Mittelmeerraum verbreiteter als anderswo. Das alles ist nicht neu und wird von niemandem bestritten. Heikel wird es erst, wenn es um Befunde geht, die menschliches Verhalten betreffen.

Quelle: Nature Genetics 2004; F.A.Z.-Grafik Sieber Unterschiede zwischen verschiedenen Völkern, wie sie anhand von 100 Genmarkern konstruiert wurden. Die größte Vielfalt findet sich in Afrika, die geringste in Europa und Indien.

Hier kommt die Verhaltensgenetik ins Spiel. Ein schlüpfriges Fach, wie man leider sagen muss. Das hat nicht erst die deutsche Debatte um Thilo Sarrazins Auslassungen zur Andersartigkeit von Migranten gezeigt. Vom Schwulen-Gen bis zum Treue-Gen und vom Gottes-Gen bis zum Mathematik-Gen ist auf diesem Gebiet schon manche steile Behauptung an den Haaren herbeigezogen worden. Seit den Zeiten des britischen Naturforschers Francis Galton im 19. Jahrhundert hat man empirisch nachzuweisen versucht, dass Genie erblich sei. Ihm misslang das ebenso wie seinen zahlreichen Nachfolgern, die sich wahlweise mit Eigenschaften wie Charakter, Intelligenz, Fleiß oder Sparsamkeit befassten. Aber die Hoffnung blieb. In der Psychiatrie sucht man bis heute nach den erblichen Ursachen komplexer Abweichungen von der geistigen Norm.

Schon seit langem wird beispielsweise nach den Genen gefahndet, die für manische Depression verantwortlich sein könnten. Als vielversprechendes Untersuchungsobjekt boten sich die Amish People an, eine religiöse Gemeinschaft, die vor mehr als zweihundert Jahren von Deutschland nach Amerika ausgewandert ist. Ein besonders orthodoxer Teil von ihnen, die Old Order Amish, hat sich, streng abgeschlossen von der Welt, mehrheitlich im Lancaster County im Bundesstaat Pennsylvania niedergelassen. Sie heiraten nur untereinander, verzichten auf elektrisches Licht, Autos, Telefon, Fernsehen, Alkohol und laute Reden. Ihre Familiengeschichten lassen sich bis in die Anfangstage der Gemeinde zurückverfolgen. Das macht sie zu idealen Kandidaten für humangenetische Studien, denn der hohe Grad an Blutsverwandtschaft lässt erwarten, dass erbliche Merkmale bei ihnen deutlicher hervortreten als in einer buntgemischten Bevölkerungsgruppe.

Der Humangenetiker Victor McKusick war auf die Old Order Amish in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufmerksam geworden, weil bei ihnen häufig Zwergwuchs auftrat. Durch das Studium lang zurückreichender, gut dokumentierter Stammbäume von knapp viertausend Familien gelang es tatsächlich, eine ganze Reihe von seltenen, rezessiv vererbten Krankheiten unter den Amischen auszumachen. In den sechziger Jahren fiel der Doktorandin Janice Egeland auf, dass in manchen Familien nicht nur von Zwergwuchs oder anderen klinischen Merkmalen die Rede war, sondern häufiger auch von Verrücktheiten, die sich die gläubigen Farmer sonst nicht leisteten. Manche verschwanden kurz vor der Ernte oder bestellten sich einen Straßenkreuzer mit Weißwandreifen, wo doch bei den Amischen nicht einmal Gummibereifung an Pferdekutschen gestattet ist. Auch von psychischen Krankheiten wurde berichtet, von Selbstmord gar, der größten Sünde wider die Heilige Schrift. „’S iss im Blut“, hieß es dann resignierend im altertümlichen Pennsylvaniadeutsch.

Janice Egeland machte sich daran, „Stammbaum 110“ zu untersuchen. So nannten die Wissenschaftler eine Familie, deren Ahnentafel besonders umfangreich war. Von 81 Angehörigen hatten 19 im Laufe der Jahrzehnte Depressionen entwickelt, meist in der bipolaren Form, bei der es zu extremen Stimmungsschwankungen kommt. Egeland und ihre Kollegen glaubten, dass ein einziges Gen dafür verantwortlich sei. „Die Chancen standen zwar nur eins zu einer Million“, gab eine der beteiligten Forscherinnen später zu. „Aber nach ein paar Monaten hatten wir es.“

Das angebliche Gen für manische Depression wurde auf dem menschlichen Chromosom Nummer 11 geortet. Genauer gesagt: auf seinem kurzen Arm. Noch genauer: Es sollte zwischen einem Gen sitzen, das irgendetwas mit der Entstehung von Zuckerkrankheit zu tun hat, und einem, das auf noch nicht geklärte Weise an erblichen Formen von Krebs beteiligt ist.

© Science Photo Library/Agentur Focus Paranthropus boisei, ein affenähnlicher Typ der Vergangenheit. Die Frage ist, was die Zukunft bringt.

Im Februar 1987 erschien in Nature ein fünfseitiger Bericht, der geradezu Begeisterungsstürme auslöste. Denn bis dato hatte noch niemand einen Erbgang für eine klassische Affektstörung gefunden. Janice Egeland, die bis dahin eine Handvoll wenig beachteter Aufsätze in einigen Spezialorganen veröffentlicht hatte, wurde zu einer vielzitierten Autorin. Doch schon zwei Jahre später druckte Nature abermals einen Artikel, der alle Ergebnisse in den wissenschaftlichen Orkus beförderte. Zwölf angesehene Autoren hatten weitere Kandidaten des „Stammbaums 110“ ausfindig gemacht, die nicht ins Schema passten. Zwei Familienangehörige, die der Theorie nach hätten gesund sein müssen, hatten die fatalen Symptome entwickelt. Und ein kompletter Zweig in der näheren Verwandtschaft wies ein völlig anderes Vererbungsmuster auf. Mit anderen Worten: Egeland hatte geschlampt. Die schöne Hypothese vom Depressionsgen gehörte danach auf den Müllhaufen.

Dreißig Jahre später sind wir immer noch nicht viel schlauer. Man hat auf mindestens sechs verschiedenen Chromosomen alle möglichen DNA-Abschnitte entdeckt, die in verschiedenen Familien mit bipolaren Angehörigen verschieden vererbt werden. Aber manche Nachkommen, die sie tragen, werden trotzdem nicht krank. Und manche werden krank, obwohl sie keine tragen. Die Verhaltensgenetik ist nicht nur in diesem Fall auf dem Holzweg gewesen. Denn nur sehr wenige Merkmale des Menschen lassen sich so einfach aus den Genen ableiten wie die Augenfarbe oder die Zusammensetzung des Ohrenschmalzes.

Wenn schon die Verhaltensgenetik an ihre Grenzen stößt, indem sie Familienstammbäume analysiert, gilt das umso mehr für ein weiteres Spezialfach: die Populationsgenetik. Wer sich vornimmt, Rassen zu definieren (oder Subpopulationen, Ethnien, Volksgruppen, wie immer man das nennen mag), der bekommt es mit statistischen Fallstricken aller Art zu tun. Es gibt Hunderte von Computerprogrammen, die geschrieben wurden, um die Myriaden von Gendaten zu sichten, die sich inzwischen angesammelt haben. Eines dieser Programme wurde vom Biomathematiker Jonathan Pritchard entwickelt und heißt „Structure“. Es dient dazu, sogenannte Cluster ausfindig zu machen, also Gruppen von Individuen, die mit einer mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeit bestimmte Allele teilen; das können verschiedene Ausprägungen von Genen oder sonstigen DNA-Abschnitten sein. Dort, wo sich Gemeinsamkeiten häufen, darf man eine kollektive Abstammung vermuten.

Wer sich auf solche Analysen einlässt, muss schon vorab etliche Randbedingungen festlegen. Im Falle von „Structure“ muss er beispielsweise in den Computer eingeben, wie viele Subpopulationen (oder Rassen) er finden will. Außerdem muss er berücksichtigen, ob sich die Gesamtpopulation im sogenannten Hardy-Weinberg-Gleichgewicht befindet oder nicht. Dieses nach einem Arzt und einem Mathematiker benannte Gesetz beschreibt, mit welcher Frequenz zwei verschiedene Allele in einer Idealbevölkerung verteilt sind. Ferner spielt noch eine Rolle, ob die untersuchten Allele sich im „linkage disequilibrium“ befinden, ob sie also mehr oder weniger eng aneinander gekoppelt sind oder unabhängig voneinander vererbt werden. Je nachdem, wie sich der Forscher festlegt, kommen bei der Untersuchung von Populationen völlig unterschiedliche Resultate zustande.

Das alles ist schon diffizil genug. Wer nun aber wirklich in methodische Schwierigkeiten kommen will, nimmt sich vor, auf verschiedenen Kontinenten verschiedene Rassen zu orten und ihnen jeweils bestimmte Charaktere und Verhaltensmuster zuzuschreiben. Dann kombiniert er in unguter Weise die inhärenten Schwächen der Verhaltensgenetik mit den statistischen Tücken der Populationsgenetik.

Nicholas Wade hätte das eigentlich wissen müssen. Er ist ein renommierter Wissenschaftsjournalist, der seine Karriere zwei Jahre vor der ersten Mondlandung begonnen hat. Wade war nacheinander Redakteur bei Nature und Science, den beiden wichtigsten Wissenschaftsjournalen, und er hat seit 1982 für die New York Times gearbeitet. Das Archiv weist mehr als tausend Artikel vor, die unter seinem Namen erschienen sind. Wade hat über alle wichtigen Entdeckungen berichtet, die seit einem halben Jahrhundert in den Biowissenschaften gemacht worden sind.

© Science Photo Library/Agentur Focus Der Homo heidelbergensis entwickelte sich vor 600000 bis 200000 Jahren vom Homo erectus zum Neandertaler.

Man könnte demnach erwarten, dass er nun, wo er in Rente gegangen ist, ein Buch schreibt, das von einer gewissen Altersweisheit zeugt. Es ist im vorigen Jahr erschienen und trägt den Titel „A Troublesome Inheritance: Genes, Race and Human History“. Für Ärger hat es in der Tat schon reichlich gesorgt; sein letzter Arbeitgeber nannte das Werk in einer Rezension „fehlerhaft, irreführend, gefährlich“ und obendrein dünkelhaft geschrieben.

Seit das Buch auf dem Markt ist, wird in Amerika eine Neuauflage jener Diskussion geführt, wie sie vor zwanzig Jahren zuletzt der Psychologe Richard Herrnstein und der Politologe Charles Murray ausgelöst haben. Deren Botschaft, ausgebreitet in einem 800-Seiten-Wälzer mit dem Titel „Die Glockenkurve“, konnte man etwas verkürzt wiedergeben mit der Aussage, dass Neger im Schnitt dümmer seien als Weiße, und zwar von Geburt an, weshalb es auch keinen großen Sinn habe, in ihre Bildung zu investieren.

Nicht ganz so grobschlächtig geht es bei Nicholas Wade zu. Immerhin erhebt er den Anspruch, auf dem allerneuesten Stand der Genomforschung zu sein. Seine Kernthese kann man so zusammenfassen: Afrika, Asien und der Westen hätten verschiedene Gesellschaftsformen hervorgebracht, weil sich unterschiedliche Verhaltensgene durchgesetzt hätten, als der Homo sapiens nach und nach alle Regionen des Erdballs eroberte. Selektion und Auslese hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass sich in Afrika Stammeskulturen entwickelten, in Asien autoritäre Zentralstaaten und in Europa offene Gesellschaften.

„Differenzen im Charakter waren nicht die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale der damaligen Zeit. Obwohl alle Angehörigen einer Nation durch Tradition und Kultur uniforme Züge erkennen ließen, war doch in allen der intellektuelle Typ präsent. Der bedeutsamste aller Unterschiede jedoch, nämlich der zwischen Rassisten und Kosmopoliten, ging quer über die Grenzen der Völker hinweg.“
Olaf Stapledon

„A Troublesome Inheritance“ besteht zur Hälfte aus dem, was Nicholas Wade Fakten nennt. Und zur anderen Hälfte aus dem, was er für begründete Spekulation hält. Sehen wir uns zunächst die Fakten an.

Zunächst einmal fällt auf, dass Wade sich nicht entscheiden kann, wie viele Rassen es überhaupt gibt auf dieser Welt. Mal sind es drei, die er im Afrika südlich der Sahara, in Asien und in Europa lokalisiert. Dann sind es unter Hinzufügung der australischen Ureinwohner vier, später inklusive der indigenen Völker Südamerikas fünf. Studiert man die Originalarbeit, auf die sich Wade mehrmals beruft (Science v. 20. 12. 2002), könnten es genauso gut zwei oder sechs Rassen sein, denn durch geeignete Wahl der Parameter lassen sich auch noch die Einwohner Papua-Neuguineas und der melanesischen Inselgruppen als eigenständige Population herausfiltern. Dies ist eben die Eigenschaft des verwendeten Computerprogramms „Structure“, dass man schon vorher definieren muss, was hinten herauskommen soll. Die amerikanische Anthropologin Jennifer A. Raff hat Wade deshalb auch vorgeworfen, er habe wohl nur den Abstract der Veröffentlichung gelesen – eine Praxis, die unter Wissenschaftsjournalisten zwar verpönt, aber gleichwohl gang und gäbe ist.

Ebenso unscharf geht Wade mit dem Begriff Rasse selbst um. Mal schreibt er von Clustern oder Populationen, mal von Gruppen, mal von Unterrassen, und auch der politisch salonfähige Ausdruck Ethnizität taucht gelegentlich auf. Eine Menge heiße Luft ließe sich aus der Debatte schon allein dadurch entfernen, dass man sich darauf verständigt, dass jeder Pulk von Leuten, die geographisch weit genug entfernt voneinander leben, wie etwa Finnen, Marokkaner und Aserbaidschaner, genügend genetische Charakteristika besitzt, um sie auseinanderzuhalten. Auch Dialekte und Sprachen trennen Bevölkerungsgruppen, was nur ein Ausdruck dafür ist, dass sie sich irgendwann an einer bestimmten Stelle niedergelassen haben.

Die Differenzen, um die es hier geht, sind ohnehin nicht besonders groß. Während sich der Mensch vom Schimpansen in einem von hundert Nukleotiden seiner DNA unterscheidet, weicht er nur in einem von tausend Nukleotiden von einem x-beliebigen Mitmenschen ab. Da wir andererseits nur knapp zwanzigtausend menschliche Gene im herkömmlichen Sinne kennen, das menschliche Genom aber aus drei Milliarden Basenpaaren besteht, ist die Chance, dass es sich bei dem fraglichen Nukleotid um eines handelt, das gar keine oder jedenfalls keine tragende Rolle spielt, außerordentlich groß. Wenn es aber keine Funktion hat, kann es auch nicht der natürlichen Auslese unterliegen, sondern nur dem Zufall der Vererbung. Der aber führt in alle möglichen Richtungen, nur nicht zur Entstehung von Rassen. Zahlreiche Wissenschaftler haben nach dem Erscheinen von „A Troublesome Inheritence“ noch viel mehr fachliche Einwände erhoben, als sich an dieser Stelle aufzählen lassen. Knapp 150 Forscher haben in einem offenen Brief an die New York Times betont, dass sich Wade keineswegs auf ihre Arbeit beziehen könne; speziell die Populationsgenetik stütze seine Thesen keineswegs. Das hat den Autor nicht davon abgehalten, im Vorwort zu einer zweiten Auflage nachzulegen: Wer seine Schlussfolgerungen in Frage stelle, könne nur eine politische Agenda haben, während er sich ausschließlich an Fakten halte.

© Science Photo Library/Agentur Focus Der Cro-Magnon-Mensch bewohnte vor 35000 Jahren Europa.

Kommen wir zum zweiten Teil des Buches und damit zu den Spekulationen. Wade zufolge hat die westliche Zivilisation seit dem ersten Jahrtausend enorme Fortschritte gegenüber der afrikanischen und der asiatischen gemacht, weil sich in in Europa genetische Anlagen durchgesetzt hätten, die vertrauensvolles Sozialverhalten fördern. Begünstigt seien Individuen gewesen, die es durch Fleiß und Ausdauer zu etwas gebracht hätten, was ihnen eine größere Nachkommenschaft gesichert habe. Ausgangspunkt dieser Entwicklung sei England gewesen, wo die Oberschicht so erfolgreich war, dass ihre vorteilhaften Gene allmählich auch in die unteren Schichten einsickerten, bis es dann zur industriellen Revolution mit all ihren Folgen kam und das Erfolgsmodell England von allen Nationen des Westens übernommen wurde.

Nicholas Wade folgt hier im Wesentlichen einer These, die der Wirtschaftshistoriker Gregory Clark 2007 mit seinem Buch „A Farewell to Alms“ (Abschied von den Almosen) entwickelt hat. Wo Clark von Werten und Bankkonten schreibt, sind es bei Wade die Genome. Und es geht geradewegs in die entgegengesetzte Richtung von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Bloß die Qualität der Argumente ist genauso dürftig.

Betrachtet man den Aufstieg Japans, Chinas und zahlreicher anderer asiatischer Staaten zu ökonomischen und politischen Schwergewichten, könnte man auch fragen, wie sie es trotz ihrer genetisch fixierten Prädisponiertheit zu rigiden, autoritären und wenig innovativen Formen des Zusammenlebens geschafft haben. Man könnte auch bezweifeln, dass Reichtum mit den Genen vererbt wird. Oder dass der Adel und das gehobene Bürgertum vom englischen Mittelalter bis zur Neuzeit sonderlich sozial, friedlich oder auch nur exzeptionell fleißig gewesen ist. Man könnte tausend Einwände nennen gegen die Vorstellung, irgendwelche nicht näher definierten Verhaltensgene hätten einen größeren Einfluss auf die Gesellschaft als Geographie, Klima, Rohstoffverteilung, Machtverhältnisse und Glück oder Zufall zusammen.

Allein, es ist nicht zu erwarten, dass das zu Wade und seinen Mitstreitern durchdringt. Charles Murray, der Autor der „Glockenkurve“, hat Wade bereits gratuliert, er habe endlich den Vorhang weggerissen, den eine verblendete Hohepriesterschaft von politisch irregeleiteten Wissenschaftlern der Welt vorhalte und damit der Wahrheit zu einem historischen Sieg verholfen. Kleiner geht es offenbar nicht.

„Etwa zehn Millionen Jahre nach der Katastrophe zeigten sich die ersten Grundzüge des Zweiten Menschen. Diese Wesen ähnelten in ihren Proportionen durchaus ihren Vorfahren. Allerdings war ihr Kopf ungewöhnlich groß und ihr Hals recht massiv. Sie hatten große und meist jadegrüne Augen, ihr Gesicht war wie aus Granit gemeißelt, aber trotzdem beweglich und leuchtend. Man könnte sagen, dass die Natur eine Neuauflage jenes unglücklichen Typs schuf, der vor Urzeiten in den vorgeschichtlichen Höhlen gelebt hatte, ihn aber bei weitem übertraf.“
Aus: „Der letzte und der erste Mensch“

Olaf Stapledon war ein britischer Science-Fiction-Autor, der in Deutschland kaum bekannt ist und noch weniger gelesen wurde. 1886 in Seacombe in der Grafschaft Cheshire geboren, wuchs er als Kind in Ägypten auf, diente aufgrund seiner pazifistischen Einstellung im Ersten Weltkrieg als Sanitätsfahrer in einer Freiwilligeneinheit, erwarb 1920 einen Doktor in Philosophie und veröffentlichte zehn Jahre danach sein wichtigstes Buch: „Last and First Men“ hat spätere Autoren wie Arthur C. Clarke oder Isaac Asimov und selbst berühmte Evolutionstheoretiker wie John Maynard Smith nachhaltig beeindruckt. Es wird, wenn überhaupt, meist in einem Atemzug mit H. G. Wells „The Time Machine“ genannt.

Bloß reist Stapledon noch viel weiter in die Zukunft, nämlich zwei Milliarden Jahre, und lässt dabei nicht weniger als achtzehn verschiedene Spezies der Gattung Mensch Revue passieren. Ausgehend von den 1920er Jahren gesteht er uns selbst gerade noch einhunderttausend Jahre zu, in denen der Erste Mensch interkontinentale Kriege führt, einen Weltstaat begründet, sämtliche Ressourcen des Planeten plündert, eine neue Zivilisation schafft, die dann aus Dummheit und Versehen eine unterirdische Kettenreaktion auslöst, welche die Erdoberfläche für Millionen von Jahren unbewohnbar macht, mit Ausnahme der Pole und eines Küstenstreifens in Nordsibirien. Nur 28 Männer und sieben Frauen überleben, was eine ziemlich schmale Basis für kommende Geschlechter ist. Aber auch die Voraussetzung dafür, dass sich eine neue menschliche Art herausbilden kann.

Ist so etwas denkbar? Nach den Regeln der Evolution schon. Der Flaschenhals, durch den der Erste Mensch hindurchmuss, ist nur ein Anfang. Das, was folgt, hat der Biologe Ernst Mayr im Rahmen seiner synthetischen Evolutionstheorie den „Gründereffekt“ genannt. Wo bloß ein kleiner Teil der Genvielfalt gerettet werden kann, können einzelne Individuen mit seltenen Erbgutkombinationen zu Stammvätern und -müttern von kommenden Generationen mit gänzlich anderen Eigenschaften werden. Ein bekanntes Beispiel findet man auf den Kerguelen, einer sturmumtosten Gruppe kleiner Inseln am Rande der Antarktis, wohin es einige flugunfähige Fliegen und Schmetterlinge verschlagen hat. Solche Mutationen haben normalerweise keine Chance. Doch unter diesen unwirtlichen Bedingungen überleben sie konkurrenzlos.

Weitere Mechanismen sind bekannt. Durch Wanderungsbewegungen kommt es zur Gendrift. Migration war schon immer ein treibendes Element in der Geschichte der Menschheit. Solange die Mitglieder einer Population in Kontakt miteinander bleiben, entsteht ein Kontinuum von Übergängen, so dass sich keine scharfen Grenzen bilden können. Von neuen Rassen würde man erst dann reden, wenn zum Beispiel eine geographische Isolation hinzukommt. Klimaschwankungen, Seuchen, Nahrungsknappheit können dazu führen, dass andere Fähigkeiten und Merkmale gefragt sind. Mutation und Auslese sind die bekannten Werkzeuge der Evolution, die dafür sorgen, dass die am besten Angepassten überleben. Neu gemischt wird das Erbgut bei der sexuellen Fortpflanzung außerdem durch die Rekombination der elterlichen Gene.

© Science Photo Library/Agentur Focus Ein Steinzeitjäger, wie er vor rund 17 000 Jahren im heutigen Südwestfrankreich auf Beutefang ging.

Man stellt sich das gern als einen gemächlichen Prozess vor, der langsam genug voranschreitet, so dass es nicht zu Sprüngen kommt, die über Nacht eine neue Spezies hervorbringen oder eine andere jäh ins Abseits befördern würden. Aber vor Überraschungen ist man nie sicher. Kürzlich berichteten Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, sie hätten eine neue Tierart benannt. Der Marmorkrebs Procambarus virginalis sei vermutlich vor dreißig Jahren in einem einzigen Evolutionsschritt aus dem Florida-Sumpfkrebs hervorgegangen. Alle bisher untersuchten Tiere seien weiblich, würden sich ohne jede männliche Hilfe durch Jungfernzeugung fortpflanzen und wiesen exakt dasselbe Erbgut auf.

Der neue Krebs hat sich mit atemberaubender Geschwindigkeit über die ganze Welt verbreitet. Auf Madagaskar frisst er die Reisfelder leer, er fühlt sich aber auch in süddeutschen Badeseen wohl; Aquarianer halten ihn seit vielen Jahren. Vermutlich hat irgendwann ein Kälteschock verhindert, dass die Eizellen der Weibchen die übliche Reifeteilung durchlaufen. So ist ein dreifacher Chromosomensatz entstanden, mit dem die eingeschlechtlichen Marmorkrebse offenbar bestens zurechtkommen. Sie kopulieren zwar noch mit Florida-Sumpfkrebs-Männchen, bringen aber keinen gemeinsamen Nachwuchs mehr hervor, sondern nur den eigenen. Die Heidelberger Krebsforscher hoffen nun, einen neuen Modellorganismus gefunden zu haben, an dem sie besonders gut jene epigenetischen Effekte studieren können, die daran beteiligt sind, dass manche Gene stärker oder weniger stark aktiv sind, was eine große Rolle beim Anpassen des Organismus an veränderte Umweltbedingungen wie Ernährung, Populationsdichte oder Temperatur spielt.

Es gibt noch andere Motoren der Evolution. Zum Beispiel Nischenbildung. Man kann, wie Nicholas Wade es tut, ernsthaft argumentieren, dass sich die europäischen Juden im Mittelalter eine solche Nische geschaffen haben, indem sie sich aufs Kreditwesen verlegten, was eine speziell Art von Intelligenz voraussetzte. Der ökonomische Druck hätte dann einen Selektionsfaktor dargestellt, der die Klügsten unter den Nachkommen befördert hätte.

Der Mensch ist tatsächlich ein wahrer Meister im Auffinden und Anpassen an Nischen. Er hat es verstanden, seine Umwelt noch immer zu seinen Gunsten umzumodeln. Es muss sich allerdings erst noch zeigen, ob und wie wir mit dem anthropogen herbeigeführten Klimawandel fertigwerden. Oder mit den Folgen massenhafter Flucht. Es ist noch nicht ausgemacht, ob wir Infektionskrankheiten wie Grippe, Aids oder Ebola restlos in den Griff bekommen. Möglicherweise hantieren wir mit ihnen in einer Weise, die sie außer Kontrolle geraten lassen können. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es in Zukunft im großen Stil gated communities geben wird, die sich gegen ihre Mitmenschen abschotten und hohe Zäune errichten, um einen Lebensstil zu schützen, der durch Auswahl möglicher Partner, künstliche Befruchtung und gezieltes genome editing auf eine genetische Elite hinsteuert. Noch weniger lässt sich ausschließen, dass infolge des Bevölkerungswachstums in der näheren oder ferneren Zukunft eine derartige Verknappung der Ressourcen eintritt, dass es zu ähnlich brutalen Verteilungskämpfen kommt, wie sie in der Frühphase der Menschheit geherrscht haben müssen. Den weitaus größten Teil der Zeit hat sie am Rande des Existenzminimums gelebt. Überfluss gibt es auch heute nur für eine Minderheit. Sie wird im Zweifelsfall nicht unbedingt die sein, die auf Krisen am besten vorbereitet ist.

Dass alle Menschen gleich sind, ist eine Illusion. Zum Glück: Erst die ungezählten Unterschiede, die in unseren Genomen schlummern, bieten eine Chance, dass unsere Art nicht eines Tages spurlos verschwindet. Es wäre beängstigend, wenn die menschliche Evolution, wie häufig behauptet wird, schon zum Stillstand gekommen wäre. Sie führt immer weiter. Nur können wir nicht wissen, wohin.

Olaf Stapledon war Science-Fiction-Autor, Agnostiker und ein ausgesprochener Humanist. Seine Vision reichte zwei Milliarden Jahre in die Zukunft. Nach dem Ersten und Zweiten Menschen treten bei ihm intelligente Wesen auf, die von Marsianern angegriffen werden, sie zurückschlagen und vernichten, Riesenhirne ausbrüten, die Erde verlassen müssen, auf der Venus eine neue Heimat finden, sich zu robbenartigen Kreaturen entwickeln, alle Fehler des Ersten Menschen wiederholen, sich eine Zeitlang nur noch durch die Lüfte bewegen, diese Fähigkeit aber wieder einbüßen, um erneut hochstehende Technologien zu erfinden. Ein Niedergang setzt ein, als das innere Sonnensystem unbewohnbar wird und der Neunte Mensch sich zum Neptun retten muss. Dort setzt ihm die höhere Schwerkraft zu. Mehrere primitive, kaninchenartige Spezies kommen und gehen, bis der alte, ursprüngliche Homo sapiens wiederaufersteht. Die darauffolgenden Geschlechter studieren gründlich die Vergangenheit und beschließen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie schaffen eine künstliche Spezies, die endlich vollkommen ist, unsterblich und von allen sexuellen Sorgen befreit, in großer Harmonie lebt und dabei ein gewaltiges Gruppenhirn teilt.

Nicht einmal Hollywood hat sich bislang an diesen Stoff herangewagt. Vielleicht liegt es daran, dass Stapledons Epos nur ein halbes Happy End hat. Als der Achtzehnte Mensch sein Paradies gefunden zu haben scheint, rauscht leider eine Supernova in die Sonne und macht alles höhere Leben unmöglich. Dem Menschen bleibt nur noch, ein Virus zu konstruieren, das er auf die Reise ins ferne Weltall schickt, damit dort, irgendwo und irgendwann, die Evolution von neuem beginnen kann.

So ähnlich könnte es kommen. Oder ganz anders.




Jenseits aller Phantasie

© Science Photo Library/Agentur Focus

Mit Kenntnissen aus Anthropologie, Archäologie und Forensik gestaltet Elisabeth Daynès jeweils ein möglichst naturgetreues Äußeres.

© Atelier Daynès

Nachbildungen aus ihrem Atelier, von Lucy bis zum Neandertaler, stehen in Museen auf der ganzen Welt. Die französische Künstlerin formt jeden unserer Ahnen individuell und mit dem Wissen der Forensik. Mit Masken und Gesichtern kennt sich Elisabeth Daynès bestens aus. Sie hat für Theater- und andere Produktionen gearbeitet, bevor ein Museum sie erstmals beauftragte, ein lebensgroßes Mammut nebst Steinzeitmenschen zu gestalten. Das war 1988. Seither hat Daynès zahlreiche Rekonstruktionen anhand von Überresten aus grauer Vorzeit gefertigt.






introbild

Lewontins Fehlschluss

Von ULF VON RAUCHHAUPT

Die Einteilung der Menschen in Rassen hat keine biologische Grundlage, heißt es oft. Leider stimmt das so nicht.

„Eine Klassifikation nach Rassen hat praktisch keine genetische oder taxonomische Bedeutung.“ Dieses Diktum des Genetikers Richard Lewontin aus dem Jahre 1972 steht in einer Veröffentlichung, in welcher der später in Harvard lehrende Forscher Gendaten von Menschen aus sieben traditionell mit dem Begriff „Rasse“ bezeichneten Gruppen untersucht hatte und zu einem seither vielzitierten Ergebnis gekommen war: 85,4 Prozent der genetischen Diversität der Menschen gingen demnach auf die individuelle Verschiedenheit der Menschen innerhalb ihrer ethnischen Gruppe zurück und von dem Rest noch einmal 8,3 Prozent auf Verschiedenheiten von Populationen derselben Ethnie. Für „rassebedingte“ Unterschiede blieben magere 6,3 Prozent. Ein Weißer und ein Schwarzer unterschieden sich also genetisch viel geringfügiger als ein Weißer und irgendein anderer Weißer.

Nicht nur Lewontin hat daraus geschlossen, das politisch zweifellos brandgefährliche Konzept „Rasse“ sei auch biologisch unbrauchbar, weil zur Klassifikation von Lebewesen der Spezies Homo sapiens ungeeignet. Doch das ist nicht richtig. Darauf hat der britische Biostatistiker A.W.F. Edwards 2003 in einer kurzen Abhandlung hingewiesen, die „Lewontin’s Fallacy“ bereits im Titel trägt.

Dabei irrte der Harvard-Professor keineswegs in seinen Berechnungen. Vergleicht man die Häufigkeit einer Genvariante, eines sogenannten Allels, an einer bestimmten Stelle (dem sogenannten Locus) des Erbmoleküls, so unterscheiden sich im Schnitt zwei Menschen europäischer Abkunft fast genauso wie ein europäischstämmiger von einem mit Wurzeln in Afrika. Doch das bedeutet noch nicht, dass es unmöglich wäre, Menschen rein aufgrund ihrer genetischen Daten bestimmten Gruppen zuzuordnen, die man dann irgendwie nennen kann, also auch „Rassen“. Wie Edwards zeigt, geht dies sehr wohl, wenn man nicht nur ein Allel betrachtet, sondern mehrere. Er demonstriert dies am Beispiel eines Allels (im folgenden „+“ genannt), das 70 Prozent aller Angehörigen einer als „Population I“ bezeichneten Gruppe tragen. 30 Prozent dagegen tragen dort das Allel „-“. Bei einer zweiten Modellgruppe, der „Population II“, ist es gerade umgekehrt

F.A.Z.-Grafik Sieber Einzelne Individuen haben Genvarianten („Allele“) an verschiedenen Orten („Loci“) ihrer DNA. Nimmt man ein einziges Allel als Merkmal, klassifiziert man viele Individuen falsch.

Mit diesen Werten liegt die Variabilität innerhalb dieser Modell-Populationen bei 84 Prozent und damit in der Nähe dessen, was Lewontin aus seinen echten Gendaten gewonnen hatte. Würde man nun das in sieben von zehn Fällen vorliegende „+“–Allel dazu nutzen, um irgendein Individuum der Population I statt der Population II zuzuordnen – also seine Rasse zu bestimmen – läge man in 30 Prozent der Fälle falsch. Denn mit dieser Wahrscheinlichkeit gehören zur Population I auch Leute, denen das betreffende Allel fehlt. Keine Frage, eine Klassifikation, die so oft danebenliegt, ist nicht viel wert.

Was aber, wenn man Allele mehrerer Loci betrachtet, sagen wir drei?

F.A.Z.-Grafik Sieber Betrachtet man dagegen die Allele von gleich drei Loci, sinken die Wahrscheinlichkeiten für die einzelnen Allel-Muster und damit letztlich auch das Risiko einer Fehlklassifikation.

Auch in diesem Fall können 70 Prozent der Individuen der Population I und 30 Prozent der Population II auf ein und demselben Locus ein gleiches genetisches Merkmal tragen, und die Binnenvariabilität betrüge 84 Prozent wie zuvor. Nur läge nun die Zahl der „+“–Allele pro Individuum der Population I im Mittel bei 3 x 0,7 = 2,1, denn alle drei Loci trügen mit jeweils 70 Prozent Wahrscheinlichkeit ein „+“–Allel. Man könnte daher festlegen, ein Individuum gehöre dann zur Population I, wenn es zwei oder mehr „+“–Allele besitzt. Wie hoch ist nun die Wahrscheinlichkeit einer Fehlklassifikation?

Die Wahrscheinlichkeiten für ein Individuum der Population I, drei oder zwei „+“–Allele oder aber nur eins oder gar keins zu besitzen, ergeben sich aus einer Formel der Statistik, einer sogenannten Binomialverteilung. Sie würde auch die Wahrscheinlichkeiten liefern, bei drei Würfelwürfen dreimal, zweimal, einmal oder keinmal eine Eins zu würfeln, wenn der Würfel so manipuliert ist, dass er mit 70 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Eins zeigt. Nach der Binomialverteilung also besäße ein Individuum der Population I mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,027 oder 2,7 Prozent auf keinem der drei untersuchten Loci ein „+“–Allel und mit einer Wahrscheinlichkeit 0,189 oder 18,9 Prozent nur auf einem davon. Insgesamt trügen damit 2,7 + 18,9 = 21,7 Prozent der Individuen trotz ihrer Zugehörigkeit zur Population I weniger als zwei „+“–Allele und würden damit bei einem entsprechenden Gentest fehlklassifiziert.

F.A.Z.-Grafik Sieber Quelle: A.W.F. Edwards Lewontin´s fallacy BioEssays 25.8 (2003)

Das ist immer noch viel. Aber bereits besser als die 30 Prozent Fehlerquote, die man erhält, wenn man nur die Allele eines einzigen Locus betrachtet. Berücksichtigt man nun vier Loci oder fünf oder noch mehr, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Fehlklassifikation immer weiter; bei zwanzig Loci ist sie praktisch nicht mehr vorhanden.

Individuen können damit allein durch Genanalysen sicher bestimmten Gruppen zugeordnet werden. Lewontins Aussage, eine solche Klassifikation habe keine genetische oder taxonomische Bedeutung, ist falsch.

Tatsächlich ist genetische Information auf verschiedenen Loci oft gekoppelt, woraus sich taxonomische, also zur makroskopischen Unterscheidung geeignete Merkmale ergeben können. „Auch wenn der rassenspezifische Anteil an der Gesamtvariationsbreite noch so klein ist“, schreibt der Biologe Richard Dawkins, „so korrelieren solche Rassemerkmale dennoch eng mit anderen Rassemerkmalen, deshalb sind sie definitionsgemäß informativ.“ Wenn wir von einer uns unbekannten Frau gesagt bekommen, sie sei Chinesin, vermindert das nicht nur unsere Unsicherheit hinsichtlich ihrer Muttersprache, sondern auch ihrer Haarfarbe und ihrer Augenform.

Allerdings, Rassisten haben von Edwards’ Argument rein gar nichts. Denn wer Menschen - oder auch jede andere Lebensform - genetisch klassifizieren will, der kann sich den dazu herangezogenen Satz Gen-Loci frei wählen. Statt „Weiße“ oder „Schwarze“ lassen sich genau so gut irgendwelche anderen „Loci-Typ xy“ und „Loci-typ uv“ betrachten. Insofern zum Beispiel rote Haare oder die Anfälligkeit für eine Krankheit auf bestimmte spezifische Allelmuster zurückgehen, kann man auch die Rothaarigen oder die Träger jenes Risikogens zu Rassen erklären, wenn einem danach ist. Trotz der harten biologischen Grundlage, die jede solche Einteilung hätte, bleibt es trotzdem richtig, dass „Rassen“ (wie übrigens auch fast alle anderen taxonomischen Kategorien) zugleich menschliche Erfindungen und am Ende soziale Konstrukte sind.

Lewontin irrte trotzdem. Angesichts des Unheils, den der Rassebegriff schon gestiftet hat, und angesichts der Autorität der Naturwissenschaft in der modernen Gesellschaft ist es verständlich, dass politisch engagierte Forscher wie Lewontin den Kampf für die Gleichbehandlung aller Menschen gerne mit einem rein naturwissenschaftlichen Argument unterstützt sähen. Doch die Vermischung der beiden Diskurse ist nicht nur logisch problematisch, sondern vielleicht auch gerade politisch. „Es ist ein gefährlicher Fehler, die moralische Gleichheit der Menschen aus ihrer biologischen Ähnlichkeit zu begründen“, schreibt A.W.F. Edwards am Ende seines Artikels. „Denn dann würde Verschiedenheit, die sich zeigt, zu einem Argument für moralische Ungleichheit.“

Titelfotos: Rekonstruktion eines Neandertalers, Rekonstruktion eines Homo sapiens, © Science Photo Library/Agentur Focus;
Literatur: A.W.F. Edwards, „Human genetic diversity: Lewontin’s Fallacy“, BioEssays 25: 789-801 (2003) – Richard Dawkins, „Geschichten vom Ursprung des Lebens“, Ullstein Berlin, 2004/2008, S.568ff.
Multimedia: Bernd Helfert

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 17.11.2015 20:16 Uhr