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Gentests : In mir wohnt ein Neandertaler

  • -Aktualisiert am

Eine künstlerische Rekonstruktion von Neandertalern. Bild: Javier Trueba, MADRID SCIENTIFIC FILMS

Die Biotechnikfirma 23andme will ihren Kunden Einblicke in deren Genkonstellation verschaffen. Unser Autor hat’s ausprobiert.

          Vor sieben Wochen bekam ich eine E-Mail von Anne Wojcicki. Die Frau ist nicht irgendwer, sondern mit dem Google-Gründer Sergey Brin verheiratet. Und außerdem Gründerin von 23andme, einer kalifornischen Biotechnikfirma, die das Geschäftsmodell verfolgt, jedem einzelnen ihrer Kunden Einblicke in seine 23 Chromosomen zu verschaffen. Außer mir sind das rund eine halbe Million Menschen. Und alle erhielten dieselbe Nachricht: Machen Sie sich keine Sorgen, Sie kommen weiter an ihre Daten heran. 99 Dollar plus Versandkosten, die ich im vergangenen Sommer für den Gentest bezahlt hatte, waren also nicht restlos verloren.

          Hätte ich ihn vier Monate später bestellt, wäre das anders gewesen. Denn am 22. November vergangenen Jahres gab die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA einen Warnbrief heraus. 23andme sei nicht im Besitz einer Zulassung für die medizinische Auswertung der genetischen Selbsttests. Das Unternehmen könne nicht garantieren, dass die Testergebnisse sicher seien. Fehldiagnosen wären demnach möglich. Menschen, die tatsächlich ein erhöhtes Risiko einer Erbkrankheit besäßen, könnten sich in falscher Sicherheit wiegen. Umgekehrt könnte Kerngesunden fälschlicherweise ein Krankheitsrisiko attestiert werden, was gefährliche Konsequenzen mit sich brächte.

          Platz für ihre Gene: In der Biobank von 23andme können Interessenten ihre DNA auswerten lassen
          Platz für ihre Gene: In der Biobank von 23andme können Interessenten ihre DNA auswerten lassen : Bild: REUTERS

          Seit diesem Brandbrief bekommen Neukunden nur noch begrenzt Informationen. Analysen zur genetischen Abstammung sind zwar weiterhin möglich, auch werden weiterhin DNA-Rohdaten herausgegeben. Aber keine Angaben mehr über persönliche medizinischen Risiken.

          Als ich im Sommer meine Speichelprobe nach Kalifornien geschickt hatte, war das noch anders gewesen. Die Ergebnisse konnte ich wenige Wochen später online einsehen. Demnach besteht für mich unter anderem ein erhöhtes Risiko, an folgenden Dingen zu erkranken: Gicht, Diabetes Typ 1 und 2, Prostata- und Lungenkrebs, rheumatische Arthritis. Außerdem könnte ich unruhige Beine und eine bipolare Störung entwickeln. Weniger Sorgen müsste ich mir um eine altersbedingte Makuladegeneration, um Demenz, schwarzen Hautkrebs oder multiple Sklerose machen.

          Zu 99,8 Prozent Europäer

          Wie kommen solche Angaben zustande? Mit meiner individuellen DNA allein kann 23andme nicht viel anfangen. Um Aussagen über Krankheitsrisiken oder Herkunft zu treffen, stützt sich die Firma bislang hauptsächlich auf Material aus öffentlich zugänglichen Datenbanken sowie auf Studienergebnisse. Zwar lautet das langfristige Ziel, irgendwann bis zu 25 Millionen eigene Datensätze zu generieren. Doch wenn die behördliche Warnung aufrechterhalten bleibt, rückt das in weite Ferne.

          Um die eigenen Daten besser zu strukturieren, können die Kunden jetzt schon persönliche Angaben zur geographischen Herkunft, zum Lebenswandel und zu familiären Erkrankungen machen. Auch Alter und Gewicht gehen in das erstellte Profil ein. Automatisch ergeben sich dann die grobe mütterliche Line (über das Muster der mitochondrialen DNA) und die väterliche Herkunft (über das Y-Chromosom). Besonders aufschlussreich ist das aber nicht. In meinem Fall lautet die Auskunft: Ich bin zu 99,8 Prozent Europäer.

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