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Veröffentlicht: 02.06.2008, 14:20 Uhr

Gedächtnisforschung Mein Freund, der Seehase

Er begann mit der Psychoanalyse, doch sein Weg führte ihn zur Neurowissenschaft und zur Erforschung der Grundlagen des Gedächtnisses. Eine Begegnung mit dem Neurobiologen und Nobelpreisträger Eric Kandel.

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© Siedler Verlag Von Wien nach New York: Eric Kandel

Es ist ein seltener Moment. Sonst keineswegs um Worte verlegen, zuckt der zierliche Herr jetzt nur mit den Schultern, hebt die Arme, die Hände kopfhoch. Lediglich sein Lächeln beantwortet die Frage klar, ob er sich über den Nobelpreis gefreut hätte. Wer nicht?

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Im Jahr 2000 erhielt Eric Kandel diese höchste Auszeichnung für seine Arbeit zur Gedächtnisforschung, nun steht er vor hundert Grundschülern im Wiener Kindermuseum "Zoom" und spricht über sein Leben. Seine Erfahrungen als jüdisches Kind im Wien der dreißiger Jahre, die Jugend in New York, seine eigenen Kinder und Enkel, die Reise nach Stockholm und die Leidenschaft für Wissenschaft, die ihn bis heute antreibt. Arbeitet er noch? "Ja, natürlich", sagt Eric Kandel, als ob es für den mittlerweile 78-Jährigen keine Alternative gebe. Diese Woche aber muss sein Labor an der Columbia University in New York ohne ihn auskommen. Kandel ist in Österreich, um den hier anlaufenden Dokumentarfilm "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" zur Fernseh- und Kinopremiere vorzustellen.

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Vertrieben aus Wien

In 95 Filmminuten porträtiert die deutsche Regisseurin Petra Seeger den Hirnforscher. Die Nähe ihrer Kamera ist selbst für einen Nobelpreisträger ungewohnt. Trotzdem beweist Eric Kandel als schier unermüdlicher Hauptdarsteller geradezu komödiantisches Talent. Er öffnet Labor und Haus, teilt Erinnerungen. Ihm liegt die Kommunikation am Herzen: "Wissenschaft bedeutet nicht, in einem dunklen Raum zu sitzen und durch ein Mikroskop zu starren. Es ist ein gesellschaftliches Unternehmen und fordert engen Austausch zwischen Forschern." Neben der familiären Spurensuche in Europa will der Film genau diese soziale Dimension des Forschens vermitteln.

aplysia nature © "Nature", INterantional Weekly Thoms J. Carew, Nature 417 (2002) Vergrößern So sieht sie aus: Aplysia californica, auch Meerhase geannt

In Wien spricht Kandel mit Bedacht - und den Kindern im "Zoom" zuliebe - auf Deutsch, dessen sanfte Melodie seine Herkunft aus jener Stadt verrät, für die er ambivalente Gefühle hegt: Kandel wurde in Wien geboren, muss aber mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen und gelangt vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach New York. Heute ist er amerikanischer Staatsbürger und fühlt sich den Vereinigten Staaten dankbar verbunden. "Hast du Österreich vermisst?", fragt ein Kind. "Nein, überhaupt nicht. Wir wurden nicht gut behandelt und haben alles verloren."

Mit dem Seehasen als Modellorganismus

Kandel erzählt, wie sein Vater in der Kristallnacht verhaftet und die elterliche Wohnung im 9. Bezirk geplündert wurde: Alle Wertsachen, aber auch sein neues Spielzeugauto, ein Geburtstagsgeschenk, sind danach verschwunden. Schulkameraden hätten ihn gemieden und zusammengeschlagen. Warum? "Ich bin Jude", sagt Eric Kandel und versucht eine traumatisch erlebte, von Antisemitismus beherrschte Zeit zu beschreiben, die den Kindern an diesem sonnigen Dienstagmorgen im Mai 2008 fremd und fern erscheinen muss.

Einfacher fällt es heute, zu verstehen, was den weißhaarigen Mann mit der roten Fliege am Hemdkragen so sehr an der Hirnforschung reizt, dass er am liebsten rund um die Uhr nichts anderes täte, als herauszufinden, wie Gedächtnis und Lernen en detail funktionieren. Kandel hat bei der Meeresschnecke Aplysia californica, dem kalifornischen Seehasen, entdeckt, welche Umbauprozesse in und an den Nervenzellen des Gehirns nötig sind, damit sich Erinnerungen festsetzen.

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