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Veröffentlicht: 31.07.2015, 23:39 Uhr

Soziale Systeme Freie Wissenschaftler sind verblüffungsfest

Wie Professoren in den Jahren nach 1968 mit der Randale der Studentenbewegung umgingen.

von André Kieserling
© dpa Wenn Studenten ihrem Dagegensein lediglich durch Abwesenheit Ausdruck verleihen, kann das dem Professor egal sein. Was aber tun, wenn sie zu drastischeren Mitteln greifen?

Heute irritiert es bereits, wenn ungenannt bleibende Studenten sich nach der Vorlesung im Internet beschweren und dabei stark übertreiben. Aber auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung würde in den Hörsälen selbst protestiert, und auch gezielte Angriffe gegen missliebige Dozenten gehörten bis weit in die siebziger Jahren hinein zum akademischen Alltag. Der Philosoph Hermann Lübbe hatte den Professoren damals empfohlen, die Tugend der „Verblüffungsfestigkeit“ zu erlernen.

Von einer anderen, weniger stoischen Reaktionsweise berichtet nun ein umfangreiches Buch, in dem der Historiker Nikolai Wehrs die Geschichte des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ nachzeichnet. Die mehreren tausend Professoren, die diesem lockeren Zusammenschluss aus dem Jahre 1970 angehörten, unter ihnen auch Lübbe selbst, standen den Studentenprotesten ablehnend gegenüber, fühlten sich aber mit dieser Meinung zunehmend alleingelassen, nicht zuletzt von ihrer Hochschulleitung, und schlossen sich darum zu einer publizistischen Front zusammen: Durch regelmäßige Berichte wollte man die Öffentlichkeit über den linksradikalen Meinungsdruck auf dem Campus informieren, um auf diesem Umweg dann auch die Hochschulpolitik zum Einschreiten zu veranlassen. Den seit 1972 geltenden Radikalenerlass, der den Mitgliedern kommunistischer Parteien den Zugang zur Professur verwehrte, kann man bei einigem Augenmaß nicht gut dieser Gruppierung zurechnen. Aber er bietet doch ein Modell für das, was ihr vorschwebte, und widerspricht damit zugleich ihrer These, die Politik sei untätig und schaue nur zu.

Neoliberales von links

Allein schon die Vorgeschichte dieser Bewegung, die Wehrs aus den bildungspolitischen Verlautbarungen der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte herausliest, lohnt die Lektüre. Sie zeigt nämlich, dass Reformideen, die heute als „neoliberal“ gelten, damals Fürsprecher hatten, die man so nicht wird nennen wollen. Die Idee einer Zweiteilung des Studiums mit einer allgemeinen Berufsvorbereitung für alle und einem wissenschaftlichen Aufbaustudium für eine kleine Minderheit hatte der Wissenschaftsrat schon 1966 erwogen - gegen den Protest der älteren Professoren, aber dafür mit Unterstützung Ralf Dahrendorfs; und für die Einrichtung eines Hochschulrates setzte sich damals auch Jürgen Habermas ein.

An der eigentlichen Geschichte des Bundes ist vor allem zu lernen, wie sehr der Kampf gegen die Krise den Kämpfer von den Anzeichen ihrer Fortdauer abhängig macht: Hat der Mahner sich erst einmal öffentlich darauf festgelegt, einer zu sein, dann braucht er zur Fortsetzung seiner Darstellung immer neue Belege dafür, dass die Gefahr sich unablässig verschärft.

Der Professor als Schmerzensmann

Über ein mangelndes Entgegenkommen konnten sich die Professoren zunächst nicht beklagen. Aus der Nachricht, dass es den Bund gibt und wer ihm angehört, machten die Studenten nämlich sogleich eine Liste von besonders lohnenden Angriffszielen. Wer einen der Bundesgenossen attackiert hatte, der konnte sich fortan rühmen, einem besonders mächtigen, da bundesweit organisierten Gegner mutig die Stirn geboten zu haben. Den Attackierten wiederum bot dies die Gelegenheit, sich in der Weltgeschichte der verfolgten Minderheiten zu spiegeln - wobei zugunsten der Gruppe immerhin gesagt werden muss, dass der Selbstvergleich mit den Verfolgten des Naziregimes auch in ihren eigenen Reihen umstritten blieb.

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Als aber schon wenig später die Tumulte an vielen Orten zurückgingen, entstand für die Warner eine ambivalente Situation. Hätten sie die Entspannung der Lage sich selbst zugerechnet, wäre es nur konsequent gewesen, den Betrieb der Warnanlage mit einer Erfolgsmeldung einzustellen. Da sie aber das Weitermachen vorzogen, mussten sie den Mangel an objektiver Krise irgendwie wettmachen - wenn nicht durch eigenes Handeln, dann durch eigenes Unterlassen. Diese zweite Strategie illustriert das Buch an dem in Köln lehrenden Soziologen Erwin Scheuch: Er nimmt die Unterbrechungen seiner Lehrveranstaltungen in vollendeter Passivität hin, führt dabei aber sorgfältig Buch und publiziert den Bericht darüber in der Haltung dessen, der sich angesichts einer Übermacht anders nicht mehr zu helfen weiß.

Am Anfang dieser Geschichte des Dagegenseins sollten die Professoren lernen, wie man verblüffungsfest leidet, ohne zu klagen. Aber um sie fortsetzen zu können, mussten sie immer öfter auch Klagen anstimmen, denen man das dazu passende Leiden nicht wirklich abnimmt.

Nikolai Wehrs, „Protest der Professoren: Der ,Bund Freiheit der Wissenschaft‘ in den 1970er Jahren“, Wallstein Verlag, Göttingen 2014.

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