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Fortpflanzungsmedizin : Es geht auch ohne Sex

Ergebnis: allem Anschein nach putzmuntere Tiere Bild: Katsuhiko Hayashi PhD

Zellen lassen sich umprogrammieren. Sogar zu Ei- und Samenzellen. Das öffnet ganz neue Perspektiven.

          Vergangene Woche hat sich mal wieder die Stammzellforschung zu Wort gemeldet. Man ist daran gewöhnt, allein die Sonntagszeitung hat seit der Jahrtausendwende an die dreihundertmal über Stammzellen berichtet, also im Durchschnitt alle drei Wochen.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So war die Aufregung nicht allzu groß, als ein Team der japanischen Kyushu-Universität unter Leitung von Katsuhiko Hayashi verkündete, sie hätten es erstmals geschafft, den kompletten Reifungsprozess von Eizellen der Maus im Labor nachzuvollziehen. Die Eier seien anschließend befruchtet, in Leihmütter verpflanzt und ausgetragen worden. Elf gesunde Mäuse hätten das Licht der Welt erblickt und ihrerseits schon für gesunden Nachwuchs gesorgt. Der New York Times, sonst immer vornedran, war das nicht mal eine Nachricht wert.

          Man kann mehr als achtzig Jahre zurückgehen, um auf eine ähnliche Erfolgsmeldung zu stoßen. 1934 erschien in den Proceedings of the National Academy of Sciences eine Arbeit des amerikanischen Biologen Gregory Goodwin Pincus, in der er berichtete, dass es ihm gelungen sei, Eizellen von Kaninchen in der Petrischale reifen zu lassen. Zwei Jahre später behauptete er sogar, ihm sei eine Parthenogenese gelungen, also eine Jungfernzeugung ohne jeden männlichen Beitrag.

          Pincus und sein Kaninchen brachten es auf die Titelseite der Publikumszeitschrift Look, allerdings konnte niemand seinen Versuch wiederholen, er ging als märchenhafte „Pincogenese“ in die weniger rühmlichen Annalen der Fortpflanzungsmedizin ein. Seiner weiteren Karriere hat das nur unwesentlich geschadet: Pincus gilt heute als Miterfinder der ersten Antibabypille.

          Science-Fiction-Fans kennen das schon

          Für Literaturfreunde ist die jüngste Kunde aus Japan ebenfalls keine Überraschung. Aldous Huxley hat in seinem 1932 erschienenen Roman „Schöne neue Welt“ eine „Lähmann-Methode“ (im Original: „Podsnap’s Technique“) beschrieben, mit deren Hilfe sich der Reifungsprozess von Eizellen ungeheuer beschleunigen lässt. Binnen zweier Jahre kann man bei Huxley mit hundertfünfzig reifen Eiern rechnen, die man anschließend nur noch „bokanowskysieren“ vulgo klonen muss. Der Rekord liegt bei sechzehntausend Dutzendlingen. Nicht ganz so effektiv ist die Methode, die Katsuhiko Hayashi und seine Kollegen entwickelt haben. Aus dreitausend Eizellen haben sie dreihundert Embryonen und letztlich jene elf Mäuse gewonnen. Für den Menschen scheint das Verfahren auf den ersten Blick also nicht in Frage zu kommen. Menschliche Eizellen sind ein rares Gut, ein derart verschwenderischer Umgang mit menschlichen Embryonen ist in keiner zivilisierten Gesellschaft denkbar.

          Nachwuchs auf Japanisch: Bindegewebszellen entwickeln sich zu reifen Eizellen (Mitte), die befruchtet und von Leihmüttern ausgetragen werden. Rechts ein Neugeborenes nebst Plazenta
          Nachwuchs auf Japanisch: Bindegewebszellen entwickeln sich zu reifen Eizellen (Mitte), die befruchtet und von Leihmüttern ausgetragen werden. Rechts ein Neugeborenes nebst Plazenta : Bild: Katsuhiko Hayashi PhD

          Oder etwa doch? Denn genau darin besteht der entscheidende Unterschied der Hayashi-Methode zur herkömmlichen Gewinnung von Eizellen: Sie stammen nicht aus weiblichen Eierstöcken, wo sie bereits vor der Geburt angelegt werden und ihre endgültige Reifung von der Pubertät bis zur Menopause durchlaufen. Sondern sie sind aus ganz normalen Hautzellen hervorgegangen. Genauer gesagt: aus Bindegewebe, das von der Schwanzspitze junger Mäuse entnommen und in sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen verwandelt wurde, aus denen dann wiederum Eizellen gezüchtet wurden. Auf ähnliche Weise wurden auch schon Samenzellen gewonnen. Zwar hat es an männlichem Samen, der auf natürlichem Wege entstanden ist, den Reproduktionsmedizinern selten gemangelt. Aber die künstliche Methode hat Konsequenzen, die weit über die natürlichen Möglichkeiten hinausgehen.

          Lassen wir die methodischen Feinheiten einmal beiseite. Desgleichen die Frage, ob das, was bei der Maus funktioniert, auch beim Menschen möglich sein wird. Wie lange es dauern könnte, kann man ohnehin schlecht sagen. Von den Pincusschen Kaninchen bis zum ersten Retortenkind Louise Brown hat es fast vierzig Jahre gedauert, von den ersten induzierten Stammzellen 2006 bis zu den jetzt vorgestellten künstlichen Eizellen nur noch zehn Jahre. Sicher ist nur: Die beteiligten Forscher werden alles daran setzen, dass es klappt. Wenn es so weit kommt, stellen sich fundamentale Fragen. Über die man sich besser schon heute Gedanken macht.

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