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DNA-Forensik : Annähernd tatverdächtig

Noch dürfen DNA-Spuren den Ermittlern nichts über das Aussehen von möglichen Tätern verraten. Das könnte sich bald ändern. Bild: Getty

Von den einen erwünscht, von den anderen kritisiert: Über die Ausweitung der DNA-Forensik in Deutschland wird heftig diskutiert. Lässt sich mit Hilfe genetischer Spuren überhaupt eine Art Phantombild erstellen?

          Der Freiburger Mordfall Maria L. hat dazu geführt, dass man mittlerweile nicht nur in Baden-Württemberg, sondern bundesweit über eine Ausweitung der DNA-Analyse in der Forensik spricht. Drei Gesetzesanträge liegen dazu vor, über die wohl nicht mehr in dieser Legislaturperiode entschieden wird. Während sich die Politik durch die Änderungen mehr Erfolge in Ermittlungsverfahren erhofft, haben Kritiker juristische und ethische Einwände und befürchten die Diskriminierung von Minderheiten. Zugleich dämpfen selbst Forscher, die gerade das neue europäische Projekt namens VISAGE starten, die hohen Erwartungen: Nur in bestimmten Einzelfällen und bei schweren Straftaten sei es sinnvoll und nützlich, bei der Analyse über die konventionellen DNA-Profile hinauszugehen, sagt Peter Schneider vom Kölner Institut für Rechtsmedizin.

          Sonja Kastilan

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein genetisches Phantombild, von dem jetzt manche träumen, und das die amerikanische Firma Parabon als Ergebnis ihrer – nicht nachprüfbaren – Analysen verspricht, ist Utopie: „Solche Gesichtsbilder wecken beim Laien Interesse, aber ob das etwas taugt, steht auf einem anderen Blatt. Es werden eher ethnische Stereotypen entwickelt“, kritisiert Schneider. Das bisschen, was man stattdessen sicher vorhersagen könne, sei mit einem echten Phantombild nicht zu vergleichen. Dennoch soll nun das mit fünf Millionen Euro finanzierte VISAGE-Projekt der Anwendung dienen und wissenschaftlich erprobte Werkzeuge liefern, mit denen sich aus genetischen Spuren dann Daten zum Erscheinungsbild, Alter und Herkunft herausarbeiten lassen: zuverlässig und nutzerfreundlich. Wie das später in der Praxis aussehen soll, ist Ländersache.

          Skepsis ist angebracht

          Zur Vorsicht rät hingegen Veronika Lipphardt, die an der Universität Freiburg einen Lehrstuhl für Science and Technology Studies innehat. Mit deutschen und internationalen Kollegen engagiert sich Lipphardt in der Debatte: „Die Methoden sind in der Anwendung nicht so zuverlässig, wie oft behauptet wird. Ihre wissenschaftlichen Schwächen können zu gravierenden Ermittlungsfehlern führen. Wir meinen, dass das Spektrum dessen, was man berücksichtigen müsste, noch nicht erkannt wurde. Das wollen wir ändern und eine Qualitätsoffensive anstoßen.“ Aus diesem Grund haben Lipphardt und ihre Mitstreiter nun ein Symposion initiiert, zu dem sie Experten aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichen Positionen nach Freiburg laden. So sollen dort in der kommenden Woche Juristen mit Sozial- und Naturwissenschaftlern diskutieren. Außerdem will man jene in die Diskussion einbinden, die in der Praxis mit den neuen Verfahren zu tun hätten, etwa Ermittler und Datenschützer. Man wehre sich nicht grundsätzlich gegen eine Einführung der Technologien, doch seien hohe wissenschaftliche Standards und eine umsichtige Regulierung erforderlich, die wissenschaftliche, rechtliche und ethische Bedenken einbeziehe: „Wenn über die DNA-Methoden entschieden werden soll, dann mit breit aufgestellter, hochqualitativer Expertise“, fasst Lipphardt zusammen.

          Nach Freiburg wird unter anderen Lutz Roewer vom Institut für Rechtsmedizin und Forensische Wissenschaften an der Berliner Charité reisen. Er wünscht sich Forschungsvorhaben zur forensischen DNA-Analyse in Deutschland, und seine Befürchtung, dass Aufträge zur Merkmalsfindung später einmal an private Firmen vergeben werden, deren Methoden niemand kontrollieren kann, ist nicht unbegründet. Sein Labor bearbeitet für die Berliner Polizei rund 4500 Fälle im Jahr – erstellt also für an die 30.000 DNA-Spuren die typischen Profile anhand von 16 sogenannten STR-Markern, die nichts über den Phänotyp aussagen.

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