http://www.faz.net/-gwz-8yhqg

Vorratsschädlinge : Die wollen doch nur knabbern

  • -Aktualisiert am

Die Hausmaus hinterlässt in Vorräten ihre typischen Kotknödel, die Krankheitserreger enthalten können. Der Mensch ersann ein ganzes Arsenal von Fallen, heute nutzt er meist Gift. Bild: Cramers Gallery of Nature

Seit der Mensch begonnen hat, seine Ernte für schlechtere Zeiten einzulagern, muss er sie mit einer Schar hungriger Mäuler teilen. Die Vorratsschädlinge lösen bei vielen nicht nur Ekel aus, sondern können auch zu einer echten Gefahr für die Bevölkerung werden.

          Insekten haben es im Allgemeinen schwer. Schmetterlinge und Bienen mögen durchaus noch willkommen sein, solange sie draußen im Garten bleiben. Im Haus sind Gliedertiere dagegen nicht gern gesehen. Und nichts als Ekel haben die meisten Menschen für Getier übrig, das ihnen aus Mehltüten, Müslipackungen oder Keksdosen entgegenkrabbelt.

          Wer schon angesichts einer Motteninvasion im heimischen Küchenschrank das kalte Grausen bekommt, sollte von einem Besuch des Julius-Kühn-Instituts (JKI) in Berlin lieber absehen. Denn im ehrwürdigen Dahlemer Altbau des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen züchten Wissenschaftler in großen Gläsern so ziemlich alles, was sechs Beine und in unseren Breiten Appetit auf Nahrungsvorräte des Menschen hat. „Wir haben momentan knapp fünfzig Vorratsschädlinge in Kultur, Arten also, die an trockene, zur längeren Lagerung geeignete Nahrungsmittel gehen“, sagt Cornel Adler. Der Biologe ist einer von nur noch drei Forschern, die sich am JKI mit Vorratsschutz beschäftigen. Das Thema sei in den letzten Jahren weltweit aus dem Fokus geraten, klagt Adler. Dabei sind sich regendes Müsli oder von weißen Maden nur so wimmelnde Pralinenschachteln nicht die Hauptsorge der verbliebenen Forscher. Zur echten Gefahr werden Vorratsschädlinge, wenn es um die professionelle Lagerung von Getreide und anderen Feldfrüchten geht, welche die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln sicherstellen soll.

          Kleiner Käfer, große Wirkung

          Neu ist das Problem wahrhaftig nicht. Seit unsere Vorfahren vor mehr als zehntausend Jahren damit begannen, Ackerbau zu betreiben und Teile der Ernte für schlechtere Zeiten einzulagern, freuen sich auch zahlreiche Tiere über so viele Kalorien auf einem Haufen. Arten, die es schon zuvor auf Wildgrassamen oder Nüsse abgesehen hatten, passten sich nun an ein Leben im Überfluss an. Der Mensch war von den ungebetenen Gästen natürlich weniger angetan. Assyrische Wörterbücher in Form von Tontafeln aus dem siebten vorchristlichen Jahrhundert unterscheiden bereits zwischen mehreren Klassen von Schadinsekten, darunter „uh.se.ku“, die sich in gelagertem Getreide breitmachten.

          Welche Arten es genau waren, die den Assyrern an die Gerste gingen, ist heute schwer nachzuvollziehen. Doch schon damals dürfte der Kornkäfer einer von ihnen gewesen sein, ein Winzling aus der Familie der Rüsselkäfer, der bis heute weltweit zu den wichtigsten Getreideschädlingen gehört. Sitophilus granarius verbringt seinen gesamten Lebenszyklus zwischen den eingelagerten Körnern, in der Küche geht er außerdem an Nudeln. Nach der Paarung legt das Weibchen jeweils ein einzelnes Ei in ein Getreidekorn, das die schlüpfende Larve von innen aushöhlt. Im Anschluss an die Puppenruhe nagt sich der fertige Jungkäfer dann nach außen und geht auf die Suche nach einem Partner für die Zeugung der Folgegeneration. Unter günstigen Bedingungen kann ein einziges Weibchen so innerhalb eines Jahres Hunderttausende Nachkommen haben, die ebenso viele Körner zernagen. Wird das Lager geleert, brauchen nur wenige Exemplare zu überleben, und der Befall der nächsten Ernte ist unausweichlich.

          Auf antiken Handelsrouten wurde der Kornkäfer wie viele andere Vorratsschädlinge schon früh zum Kosmopoliten. Dabei passte er sich an ein sorgloses Leben im Gefolge des Menschen an und verlor seine Flugfähigkeit – offenbar war die passive Ausbreitung durch den Transport von befallenem Getreide effizienter, als selbst aktiv nach neuen Nahrungsvorkommen zu suchen. Heute ist das winzige Rüsseltier ausschließlich in menschlichen Getreidevorräten zu finden, Vorkommen in freier Natur sind nicht bekannt. Das macht die Ursprünge des Kornkäfers zu einem bis heute ungelösten zoologischen Rätsel. Einige Indizien deuten darauf hin, dass seine Urahnen zunächst in Vorderasien an den wilden Vorfahren heutiger Getreidearten nagten und sich dann mit dem Siegeszug des Ackerbaus ausbreiteten. Überreste der Käfer und auf typische Weise ausgehöhlte Weizenkörner fanden sich jedenfalls in zahlreichen Ausgrabungen, in einem jungsteinzeitlichen Dorf nahe Göttingen ebenso wie in altägyptischen Grabbeigaben. Im Proviant der Pharaonen für das Jenseits ließ sich neben Sitophilus bereits ein ganzes Who’s who der Vorratsschädlingskunde nachweisen, von Speck-, Kugel-, Brot- und Reismehlkäfer bis zur Speichermotte.

          Weitere Themen

          „Das Problem sind die Monokulturen“

          Artenvielfalt : „Das Problem sind die Monokulturen“

          Ausgeräumte Landschaften und einige Herbizide schaden Insekten, dabei sind die Tiere wichtig für die Landwirtschaft. Ein Gespräch mit Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen zum Insektensterben.

          René Adlers Jungbrunnen

          Mainz 05 : René Adlers Jungbrunnen

          René Adler blüht bei Mainz 05 auf: Der Abschied vom kommenden Gegner HSV hat dem früheren Nationaltorwart gut getan. Ihm fehlt nur das eigene Bett beim prominenten Vermieter in Mainz.

          Topmeldungen

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Madrid greift in Katalonien härter als erwartet durch, aus Protest gehen viele Katalanen auf die Straße. Regionalpräsident Puigdemont, der entmachtet werden soll, will sich noch am Samstagabend erklären.
          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Mayers Weltwirtschaft : Griechenlands Bankrott

          Es ist nicht zu erwarten, dass Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen wird. Europa muss aufhören, sich etwas vorzumachen.

          Parlamentswahl in Tschechien : Populist Babis klarer Sieger

          Nichts scheint Andrej Babis aufzuhalten. Trotz zahlreicher Affären gewinnt der umstrittene Milliardär die Wahl in Tschechien klar. Wohin steuert der „tschechische Donald Trump“ das Land in der Mitte Europas nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.