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Bedrohte Weizenernte : Getreidepilze auf dem Vormarsch

  • -Aktualisiert am

Bedrohte Weizenernte: Der Getreideschwarzrost kann ganze Landstriche ruinieren, auf denen die Gräser wachsen. Bild: dpa

Der Schwarzrost bedroht die Weizenernte in Europa. Für die Verbreitung des Erregers sorgt die große Reiselust. Doch welche Gefahren gehen von der Pflanzenkrankheit tatsächlich aus?

          Der Erreger, der im vergangenen Jahr große Teile der Weizenernte in Sizilien vernichtet hat, ist eine neue, bisher unbekannte Variante des Getreideschwarzrosts. Verursacht wird die Pflanzenkrankheit durch den Pilz Puccinia graminis, der einen gesunden Weizenbestand im Nu ruinieren kann. Hinter dieser Meldung steckt einiger Zündstoff, denn seine Sporen sind vom Wind über Südeuropa verteilt worden, so dass die neue Variante in diesem Jahr die Weizenernte im Mittelmeerraum und entlang der Adriaküste attackieren könnte. Mit allen Folgen, die der massenhafte Einsatz von Fungiziden und die möglichen Ernteeinbußen nach sich ziehen könnten: höhere Preise für Weizen auf dem Weltmarkt und Hunger bei all denjenigen, die sich den teureren Weizen nicht mehr leisten können.

          Weizen gehört mit Reis und Mais zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln. Über eine Milliarde Menschen ernähren sich von dieser Getreideart. Die „Food and Agriculture Organization“ der Vereinten Nationen hat eine Warnmeldung herausgegeben, nach der die europäischen Landwirte ihren Weizenbestand in diesem Jahr besonders sorgfältig kontrollieren und beim ersten Anzeichen von Schwarzrostbefall mit Fungiziden gegensteuern sollen. Den deutschen Weizenfeldern droht keine Gefahr, weil die Sporen des Getreideschwarzrosts frostempfindlich sind. Die Pilzsporen können die Ernte nur dort ruinieren, wo sie den Winter überlebt haben.

          Auch Getreidegelbrost macht Landwirten zu schaffen

          Die schwere Epidemie auf der italienischen Insel ist eine weitere Etappe bei der Rückkehr einer lange Zeit als besiegt geglaubten Pflanzenkrankheit. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren resistente Weizensorten gezüchtet worden, die den Getreideschwarzrost daraufhin für Jahrzehnte von der Bildfläche tilgten. 1999 wendete sich das Blatt. Damals tauchte in Uganda mit Ug99 eine resistente Variante des Getreideschwarzrosts auf, die sich seitdem in Afrika und dem Nahen Osten ausgebreitet hat. Das Schadpotential der sizilianischen Variante lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.

          Pflanzenpilz Puccinia graminis unter dem Elektronenmikroskop
          Pflanzenpilz Puccinia graminis unter dem Elektronenmikroskop : Bild: Science Photo Library

          Allerdings infiziert diese Variante sowohl Hartweizen als auch Weichweizen. Hartweizen wird für die Herstellung von Nudeln verwendet, Weichweizen für die Herstellung von Backwaren. Das Epizentrum der Infektion lag in der Gegend um Palermo. Modellrechnungen von Chris Gilligan von der Universität Cambridge zeigen, dass die Sporen der neuen Schwarzrostvariante über den Süden Italiens nach Griechenland, Albanien, Montenegro, Bosnien-Hercegovina, Kroatien, Slowenien und nach Libyen und dem Nordosten Tunesiens gezogen sind.

          Bedenklicher Zuwachs an Pilzerregern

          Außer dem Getreideschwarzrost macht den Landwirten auch der Getreidegelbrost zu schaffen. Diese Pflanzenkrankheit wird von Puccinia striiformis verursacht. Seine Sporen vertragen auch niedrigere Temperaturen. Deshalb bedroht Gelbrost auch die Weizenernte in kälteren Gegenden. In Italien, Marokko und Skandinavien ist eine Gelbrost-Variante aufgetreten, die noch keinen festen Namen erhalten hat, nur eine vorläufige Bezeichnung. In Äthiopien, Usbekistan und Afghanistan vernichtet seit dem Jahr 2012 die Variante AF2012 große Teile der Ernte.

          Auch auf Sizilien sind im vergangenen Jahr Felder durch Gelbrost ruiniert worden, obwohl dieser dort bis dahin keine Rolle gespielt hat. Wissenschaftler seien daran gewöhnt, ein bis zwei neue Varianten pro Jahr in Europa zu finden, sagte Mogens Hovmøller vom Referenzzentrum für globale Rosterkrankungen an der Universität Aarhus in Dänemark gegenüber der Zeitschrift „Nature“.

          Verbreitung der Keime mit wachsender Reiselust

          Seit 2010 gebe es jedoch einen deutlichen Zuwachs an den Pflanzenkrankheiten. Hovmøller kennt zwar nicht den Grund dafür, vermutet aber, dass er etwas mit den milderen Wintern zu tun hat. Es sei allerdings auch möglich, dass eine veränderte landwirtschaftliche Praxis etwas mit der Zunahme der Rosterkrankungen zu tun habe. James Brown, Pflanzenpathologe vom John Innes Centre im englischen Norwich, schließt nicht aus, dass die Entwicklung auch etwas mit dem vermehrten Reiseaufkommen zu tun hat. Pilzsporen werden nicht nur durch den Wind weitergetragen, sondern haften auch an Kleidung und Gepäck an. Hovmøller und seine Kollegen wollen sich dafür einsetzen, dass die EU Gelder für ein europäisches Frühwarnsystem bewilligt.

          In den kommenden Monaten werden Einrichtungen prüfen müssen, welche Gefahren tatsächlich von den neuen Schwarz- und Gelbrost-Varianten ausgehen. Da in den unterschiedlichen Regionen der Welt unterschiedliche Weizensorten angebaut werden und Fungizide immer eine Gegenwehr sind, ist nicht mit einer globalen Ernährungskrise zu rechnen. Trotzdem sollte man sich klarmachen, dass Rostpilze das Potential für eine Pandemie haben - genauso wie Grippeviren. Bei einer Rostpilz-Pandemie würden die Menschen nicht an Fieber und Organversagen sterben wie bei der Grippe, sondern an Hunger, weil große Teile der Weizenernte vernichtet werden. Es ist dringend an der Zeit, dass die Pflanzenzüchter den Weizen mit neuen und robusten Resistenzen gegen Schwarz- und Gelbrost ausstatten.

          Quelle: F.A.Z.

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