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Der Mensch als Denker : Luxus Hirn

So viel Hirn - aber brauchen wir das wirklich? Und wenn ja, wozu? Bild: dpa

Der Mensch besitzt ein ungewöhnlich großes Denkorgan. Über die Gründe dafür herrscht jedoch Uneinigkeit: Hätte man die Energie, die evolutionär ins Hirn floss, nicht sinnvoller nutzen können? Eine Glosse.

          Manche biologischen Tatsachen erscheinen selbst für Laien überaus einsichtig: Der Maulwurf hat so große Hände, weil er sie zum Graben braucht, der Schwan hat einen langen Hals, weil er damit Wasserpflanzen vom Gewässergrund pflücken kann, Faultiere der Gattung Thalassocnus besaßen einen Dickschädel, weil sie damit besser tauchen konnten. Eine andere anatomische Besonderheit scheint dagegen weit weniger selbsterklärend: Warum hat der moderne Mensch nur so ein großes Gehirn? Seit der Existenz des Australopithecus hat es seine Größe immerhin verdreifacht, im Vergleich zu anderen ähnlich großen höheren Säugetieren ist es gar sechsmal so groß. Zudem wächst es außergewöhnlich schnell: Bereits im Alter von zehn Jahren ist das Hirnwachstum abgeschlossen – das Körperwachstum ist da noch in vollem Gange.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was für ein Grad der körperlichen Optimierung wäre denkbar, wenn man die fürs Hirnwachstum verpulverte Energie zumindest teilweise in die allgemeine physische Entwicklung umgeleitet hätte? Unsere Spezies indes stellte Geist über Körper. Nur warum? Waren es Herausforderungen der Umwelt oder des menschlichen Zusammenlebens oder eine Kombination aus beidem, die unser Gehirn zur evolutionären Priorität werden ließen? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten: Das komplexe Zusammenspiel zahlreicher Faktoren allein aus anthropologischen Funden zu rekonstruieren ist ein schwieriges Unterfangen.

          Die Biologen Mauricio González-Forero und Andy Gardner von der Universität St. Andrews haben aus diesem Grund in „Nature“ eine neue Strategie vorgeschlagen, um dem Hirn auf die Schliche zu kommen: Ein Computermodell soll dabei helfen, per Stoffwechselanalyse zu ermitteln, welche Gehirn- und Körpergrößen verschiedenen Umweltherausforderungen optimal gerecht werden. Ihre Berechnungen brachten ein eindeutiges Ergebnis. Hätte allein die Konkurrenz unter Gruppen und Individuen das Hirnwachstum zu verantworten, wäre zwar ein großes Hirn vonnöten. Die Menschen hätten sich aber so sehr im Wettkampf aufgerieben, dass das Körperwachstum im Vergleich auf der Strecke geblieben wäre. Hätten sich die Menschen dagegen im Überlebenskampf vor allem auf Kooperation mit anderen verlassen, dann wären die Gehirne kleiner geblieben, die „Schwarmintelligenz“ hätte sozusagen den Einzelnen entlastet. So schließen die Autoren, dass es vor allem natürliche Herausforderungen wie die Nahrungssuche waren, die unsere heutige Hirn- und Körpergröße festgelegt haben. Damit bestätigt die Studie, was wir bereits befürchtet hatten: Sosehr wie wir uns heute arbeitsteilig auf unsere Mitmenschen verlassen, ist unser Gehirn eigentlich zu groß für uns.

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