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Denkvermögen im Alter : Ist die Festplatte irgendwann voll?

  • -Aktualisiert am

Eine Frage des Alterns oder des Wissens: „Letzten Sommer wusste ich das noch!“ Bild: mauritius images

Informationsüberflutung: Im Alter wird der Mensch langsamer im Kopf, weil er bereits so viel Wissen erworben hat. Mit dieser These provoziert der Kognitionsforscher Michael Ramscar seine Kollegen.

          Schon wieder versucht, die Haustür mit dem falschen Schlüssel zu öffnen, schon wieder nicht auf den Namen des langjährigen Kollegen vom zweiten Stock gekommen, wieder mal zum Supermarkt gefahren und die Einkaufsliste auf dem Küchentisch liegengelassen - es sind die kleinen Dinge, die einen an der eigenen geistigen Kapazität zweifeln lassen.

          Vor allem, wenn man die Dreißig überschritten hat. Denn dann befindet man sich nach landläufiger Meinung bereits auf dem absteigenden Ast der geistigen Leistungsfähigkeit. Eine Lebensphase, die immer länger wird: In Deutschland liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bereits bei rund 80 Jahren. Das bereitet nicht nur Rentenpolitikern Sorge. Es stellt uns auch vor die Frage, wie man dieses hohe Alter geistig halbwegs fit erleben kann.

          „Der Mythos vom kognitiven Abbau“

          Die Grundlagen dafür liefert die Altersforschung, deren Erkenntnisse über den geistigen Abbau bei ansonsten gesunden Menschen in der zweiten Lebenshälfte nicht unbedingt Vorfreude auf das hohe Alter bereiten. „Die psychologische und neurowissenschaftliche Literatur beschreibt das Erwachsensein als ausgedehnte Phase des mentalen Abbaus, in dem Erinnerungen verblassen, sich das Denken verlangsamt und Problemlösefähigkeiten nachlassen. Selbst Studien, die zeigen, dass ältere Menschen im Durchschnitt glücklicher sind als junge, lassen sich in diesem Licht als Beleg für ihre nachlassenden kognitiven Fähigkeiten deuten“, schreibt der Kognitionsforscher Michael Ramscar vom Seminar für Sprachwissenschaft der Universität Tübingen in der jüngsten Ausgabe von Topics in Cognitive Science.

          Die Studie, die Ramscar zusammen mit vier weiteren Institutskollegen verfasste, trägt den provokativen Titel „Der Mythos vom kognitiven Abbau“. Warum Mythos? Ramscars These zufolge arbeitet das Gehirn im Alter zwar langsamer. Das habe aber nicht unbedingt mit einer veränderten Anatomie des Hirns zu tun. Der Grund sei vielmehr, dass im Laufe der Zeit immer mehr Information im Hirn abgespeichert werde. „Stellen Sie sich ein Kind mit einem Wortschatz von 300 Wörtern vor und einen Erwachsenen mit 30.000 Wörtern“, sagt der Tübinger Linguist.

          Belegt durch komplexe Computersimulationen

          „Um ein neues Wort zu lernen, muss dieses in das semantische Netzwerk des bereits bestehenden Wortschatzes eingebettet werden. Dass dieser Vorgang bei einem stetig wachsenden Vokabular immer komplexer und fehleranfälliger wird, ist eigentlich kaum verwunderlich.“ Kaum anders sei es beim Abrufen von Informationen: In einem Bücherregal mit 20 Büchern lasse sich ein bestimmtes Buch auch sehr viel schneller finden als in einer Bibliothek mit 2.000 Büchern.

          Viele Tests zur Messung der geistigen Leistungsfähigkeit von jungen wie alten Probanden ließen diesen Effekt völlig außer Acht und lieferten deshalb verfälschte Ergebnisse. Am Ende laufe es auf die Frage hinaus, wem man ein besseres Gedächtnis bescheinigen wolle: dem Jungen, der wenig wisse, sich aber an alles erinnere, oder dem Alten, der ein Leben lang gelernt, einen kleinen Teil davon aber wieder vergessen habe.

          Als Beleg für ihre These führen die Tübinger Sprachforscher nicht etwa Probandendaten an, sondern eine Serie komplexer Computersimulationen, in denen beispielsweise das Erlernen von Sprachen nachgestellt wird. Sie zeigen, wie in solchen Lernmodellen ganz von allein die typischen Muster altersbedingter Veränderungen auftauchen und mit wachsendem Wissen langsam zunehmen.

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