http://www.faz.net/-gwz-850zz

Crowdsourcing : Der Masse ausgeliefert

  • -Aktualisiert am

Crowdsourcing statt Streik: In Zukunft soll kein Päckchen mehr liegenbleiben. Bürger übernehmen die Zustellung. Bild: Getty

Die Post streikt. Aber vielleicht ist sie bald überflüssig, denn Amazon plant, Bürger zu Boten zu machen. Ist Crowdsourcing die Zukunft?

          Seit drei Wochen streikt die Post jetzt schon. Ein Ende ist nicht in Sicht. Jeden Tag bleiben eine halbe Million Päckchen und zwölf Millionen Briefe liegen. Statt Botschaften zu überbringen, verursacht der Großkonzern in Gelb im Moment selbst vor allem schlechte Nachrichten. Und eine Meldung des Wall Street Journal dürfte jetzt für heftige Kopfschmerzen sorgen. Die Zeitung berichtete vergangene Woche von angeblichen Plänen bei Amazon, die Zustellung von Briefen und Paketen revolutionieren zu wollen.

          Amerika : Amazon darf Drohnen testen

          Das Online-Versandhaus will jeden Bürger zum Postboten machen. Das Projekt soll intern „On My Way“ heißen. Vorbild ist das Modell Uber: Wer in einer Stadt unterwegs ist, soll mit seinem Smartphone prüfen können, ob sich auf seinem Weg ein Paket befindet, das ausgeliefert werden muss. Das holt er dann ab und bringt es für einen kleinen Lohn zum Empfänger. Bestätigen will Amazon den Bericht nicht, aber neu ist die Idee keineswegs. Walmart hat bereits mit diesem Konzept experimentiert, und auch die Post hat sich damit beschäftigt. Die Idee folgt dem Trend zum Crowdsourcing. Das Phänomen der virtuellen Welt etabliert sich immer häufiger in der echten Welt und hat das Potential, ganze Wirtschaftszweige aufzumischen.

          Vögel zählen, Straßennamen entziffern, Leben retten

          Der Begriff Crowdsourcing kombiniert Crowd (Menschenmenge) mit Outsourcing (Auslagerung): Simple Aufgaben sollen nicht mehr von Angestellten erledigt werden, sondern an sehr viele Menschen ausgelagert werden. Der amerikanische Journalist Jeff Howe hat die Bezeichnung im Jahr 2006 erfunden, doch das Konzept selbst gibt es schon länger, beispielsweise in der Wissenschaft. So kann auf der Online-Plattform Zooniverse.org jeder kleine Aufgaben für Forscher übernehmen. Über 150000 Freiwillige werten dort Aufnahmen des Hubble-Weltraumteleskops aus; andere klassifizieren Tiere auf Bildern von 225 Fotofallen, die in der Serengeti verteilt sind. Mit Hilfe von Freiwilligen konnten Forscher mittlerweile über hundert wissenschaftliche Artikel veröffentlichen.

          Nicht nur die Wissenschaft profitiert vom Crowdsourcing. Im Netz beschreiben Nutzer auf verschiedensten Plattformen Bilder und übersetzen Textschnipsel. Viele werden sogar zum Crowdsourcing eingespannt, ohne es zu wissen. Regelmäßig entziffern Internetnutzer verzerrte, schwer lesbare Zeichenfolgen, die sogenannten Recaptcha. Eigentlich soll damit geprüft werden, ob wirklich ein Mensch am Rechner sitzt. Auf diese Weise schützen sich Internetseitenbetreiber vor Computerprogrammen, die sich Zugang zu ihren Angeboten verschaffen wollen. Wer die Zeichenfolge erkennt, weist sich aber nicht nur als Mensch aus. Was viele nicht wissen: Google mischt auch Fotos von Straßenschildern und Hausnummern unter die verzerrten Zeichen. Sie stammen aus dem hauseigenen Kartendienst. Ganz nebenbei tippen Internetnutzer also Straßenschilder ab und verbessern dadurch Googles Karten. Darüber hinaus kann Crowdsourcing unstrittig von öffentlichem Nutzen sein, wie sich kürzlich etwa nach dem Erdbeben in Nepal zeigte. Über 4000 Freiwillige werteten Satellitenbilder aus und kartierten Straßen und Gebäude, um die Helfer vor Ort zu unterstützen.

          Weitere Themen

          Immer zu Diensten

          Start-ups und Gig-Economy : Immer zu Diensten

          Plattformen wie der Essenslieferant Deliveroo oder das Putzkräfteunternehmen Helpling vermitteln selbständige Arbeitskräfte. Aber wie diese dann abgesichert sind, ist häufig unklar. Wie reguliert man eine komplett neue Berufsgruppe?

          Topmeldungen

          SPD-Parteitag : Das denken die Delegierten

          Wird die SPD auf ihrem Sonderparteitag in Bonn für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen stimmen – oder nicht? Fünf Parteimitglieder, fünf Meinungen.

          Livestream : Groko-Showdown beim SPD-Sonderparteitag

          Stimmen die Delegierten des Sonderparteitags für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der Union? Oder lehnen sie die Groko ab – und stürzen damit die SPD noch tiefer in die Krise? Verfolgen Sie den Parteitag im Phoenix-Livestream.
          Die amerikanische Yogalehrerin Jessamyn Stanley hat eine umfangreiche Fangemeinde. Hier demonstriert sie die Übung „Nach unten schauender Hund“.

          Übergewicht : Ist rund am Ende doch gesund?

          Jedes Kilo zu viel verkürzt das Leben, heißt es immer. Aber es gibt Hinweise darauf, dass ein bisschen mehr auf den Rippen sogar nützt. Das eine oder andere zu beweisen fällt schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.