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Crowdsourcing : Der Masse ausgeliefert

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Crowdsourcing statt Streik: In Zukunft soll kein Päckchen mehr liegenbleiben. Bürger übernehmen die Zustellung. Bild: Getty

Die Post streikt. Aber vielleicht ist sie bald überflüssig, denn Amazon plant, Bürger zu Boten zu machen. Ist Crowdsourcing die Zukunft?

          Seit drei Wochen streikt die Post jetzt schon. Ein Ende ist nicht in Sicht. Jeden Tag bleiben eine halbe Million Päckchen und zwölf Millionen Briefe liegen. Statt Botschaften zu überbringen, verursacht der Großkonzern in Gelb im Moment selbst vor allem schlechte Nachrichten. Und eine Meldung des Wall Street Journal dürfte jetzt für heftige Kopfschmerzen sorgen. Die Zeitung berichtete vergangene Woche von angeblichen Plänen bei Amazon, die Zustellung von Briefen und Paketen revolutionieren zu wollen.

          Das Online-Versandhaus will jeden Bürger zum Postboten machen. Das Projekt soll intern „On My Way“ heißen. Vorbild ist das Modell Uber: Wer in einer Stadt unterwegs ist, soll mit seinem Smartphone prüfen können, ob sich auf seinem Weg ein Paket befindet, das ausgeliefert werden muss. Das holt er dann ab und bringt es für einen kleinen Lohn zum Empfänger. Bestätigen will Amazon den Bericht nicht, aber neu ist die Idee keineswegs. Walmart hat bereits mit diesem Konzept experimentiert, und auch die Post hat sich damit beschäftigt. Die Idee folgt dem Trend zum Crowdsourcing. Das Phänomen der virtuellen Welt etabliert sich immer häufiger in der echten Welt und hat das Potential, ganze Wirtschaftszweige aufzumischen.

          Vögel zählen, Straßennamen entziffern, Leben retten

          Der Begriff Crowdsourcing kombiniert Crowd (Menschenmenge) mit Outsourcing (Auslagerung): Simple Aufgaben sollen nicht mehr von Angestellten erledigt werden, sondern an sehr viele Menschen ausgelagert werden. Der amerikanische Journalist Jeff Howe hat die Bezeichnung im Jahr 2006 erfunden, doch das Konzept selbst gibt es schon länger, beispielsweise in der Wissenschaft. So kann auf der Online-Plattform Zooniverse.org jeder kleine Aufgaben für Forscher übernehmen. Über 150000 Freiwillige werten dort Aufnahmen des Hubble-Weltraumteleskops aus; andere klassifizieren Tiere auf Bildern von 225 Fotofallen, die in der Serengeti verteilt sind. Mit Hilfe von Freiwilligen konnten Forscher mittlerweile über hundert wissenschaftliche Artikel veröffentlichen.

          Nicht nur die Wissenschaft profitiert vom Crowdsourcing. Im Netz beschreiben Nutzer auf verschiedensten Plattformen Bilder und übersetzen Textschnipsel. Viele werden sogar zum Crowdsourcing eingespannt, ohne es zu wissen. Regelmäßig entziffern Internetnutzer verzerrte, schwer lesbare Zeichenfolgen, die sogenannten Recaptcha. Eigentlich soll damit geprüft werden, ob wirklich ein Mensch am Rechner sitzt. Auf diese Weise schützen sich Internetseitenbetreiber vor Computerprogrammen, die sich Zugang zu ihren Angeboten verschaffen wollen. Wer die Zeichenfolge erkennt, weist sich aber nicht nur als Mensch aus. Was viele nicht wissen: Google mischt auch Fotos von Straßenschildern und Hausnummern unter die verzerrten Zeichen. Sie stammen aus dem hauseigenen Kartendienst. Ganz nebenbei tippen Internetnutzer also Straßenschilder ab und verbessern dadurch Googles Karten. Darüber hinaus kann Crowdsourcing unstrittig von öffentlichem Nutzen sein, wie sich kürzlich etwa nach dem Erdbeben in Nepal zeigte. Über 4000 Freiwillige werteten Satellitenbilder aus und kartierten Straßen und Gebäude, um die Helfer vor Ort zu unterstützen.

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