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Veröffentlicht: 24.08.2010, 12:58 Uhr

Buchstaben mit Zukunft Schreibschrift, ade?

Tastaturen haben das Schreiben von Hand in Nischen verdrängt. Welche Schrift sollen Grundschüler in Zukunft lernen? Während darüber noch gestritten wird, fordern Wissenschaftler und Pädagogen das Ende des Schönschreibens.

von Georg Rüschemeyer
© Michael Hauri Wird die Schulschrift bald der Druckschrift weichen?

„Tres digiti scribunt et totum corpus laborat“ - „Drei Finger schreiben, aber der ganze Körper arbeitet“, klagten schon die zum Kopieren von Büchern abgestellten Mönche des Mittelalters über ihren kräftezehrenden Beruf, der die Augen trübe, die Lenden breche, den Nacken krumm werden und überhaupt alle Glieder leiden lasse.

Der Spruch passt auch auf so manchen modernen Abc-Schützen, der sein Heft unter höchster Konzentration mit schnörkeligen Buchstaben füllt. Auch wenn dabei nicht gleich der Nacken krumm wird: Vor allem das Einüben der sogenannten Lateinischen Ausgangsschrift (LA) ist für viele Kinder eine feinmotorische Herausforderung. Seit dem Jahr 1953 wurde diese Schrift in den meisten deutschen Volksschulen unterrichtet und löste die seit den zwanziger Jahren gebräuchliche Sütterlinschrift schnell ab.

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Anfang der siebziger Jahre entwickelte dann der Göttinger Grundschullehrer Heinrich Grünewald eine Variante dieser Schrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA). Vor allem eine starke Annäherung der Großbuchstaben an die Druckschrift, der einheitliche Beginn der Kleinbuchstaben an der Mittellinie, sowie eine geringere Zahl abrupter Wechsel der Schreibrichtung sollen den Kindern das Schreibenlernen erleichtern. Zudem soll die stärkere Gliederung der Buchstaben dem Kind helfen, Wörter analytisch in ihre Einzelteile zu zerlegen und so ihre Schreibweise besser zu verstehen.

Eine flüssige und leserliche Erwachsenenschrift

Grünewald ging für seine Schrift von der Analyse von Erwachsenenhandschriften aus, die zumeist ebenfalls mit Druck-Großbuchstaben schreiben. Das Entwickeln einer individuellen Handschrift ist im Konzept jeder „Ausgangsschrift“ durchaus gewollt und unterscheidet sie von Normschriften wie dem Sütterlin, das im Idealfall ein Leben lang in immer gleichen Formen geschrieben werden sollte.

Grünewalds VA breitete sich in den Achtzigern an westdeutschen Schulen aus und hat heute die barocke LA an vielen Schulen verdrängt. Mit der Wiedervereinigung ging schließlich noch die 1968 in der DDR eingeführte Schulausgangsschrift (SAS) ins Rennen. 1994 forderte die Kultusministerkonferenz lediglich eine verbundene Schrift (im Gegensatz zur aus einzelnen Lettern bestehenden Druckschrift), überließ die Wahl einer der drei Ausgangsschriften aber den Ländern, von denen viele ihren Schulen wiederum mehr oder minder viel Wahlfreiheit gewähren. Damit war die heutige Schriftenverwirrung perfekt, die Schülern vor allem nach einem Schulwechsel erheblich zu schaffen machen kann.

Welche der drei Schriften am leichtesten zu erlernen ist und später zur flüssigsten und leserlichsten Erwachsenenschrift wird, ist dabei vor allem eine Glaubensfrage. „Es gibt dazu in Deutschland einen erstaunlichen Mangel an Empirie“, sagt Sigrun Richter, Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität Regensburg. Einer der wenigen Versuche, die Vorteile einer Schrift in Sachen Leserlichkeit, Schreibgeschwindigkeit und Rechtschreibung mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu vergleichen, stammt von Heinrich Grünewald selbst. Im Rahmen eines Schulversuchs verglich er Anfang der siebziger Jahre sechs Klassen, die in der LA unterrichtet wurden, mit ebenso vielen Klassen, die seine VA erlernten. Grünewald schloss, dass seine VA sowohl Leserlichkeit, Schreibtempo und Rechtschreibung begünstige. Damit war die VA auch wissenschaftlich abgesegnet, wenn es auch schon damals nicht unbedingt guter Stil war, dass der Entwickler sein Produkt selbst evaluiert.

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