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Bootsflüchtlinge : Sie kamen, um zu bleiben

Die Frage, was mit den Boatpeople geschehen solle, hatte weitreichende Folgen. Bereits 1980 verabschiedete der Bundestag das „Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge“ und schuf damit die gesetzliche Grundlage dafür, Menschen aufgrund einer Krisensituation in ihrem Herkunftsland eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erteilen zu können. Dabei wurde erstmals der Begriff des „humanitären Flüchtlings“ gebraucht. Die übliche Unterscheidung zwischen politisch verfolgten Migranten, die ein Recht auf Asyl haben, und Wirtschaftsflüchtlingen, denen dieses Recht fehlt, fiel damit weg. Allerdings verhängte die Bundesregierung bereits 1982 wieder einen Aufnahmestopp, denn Bundesländer wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen waren nicht mehr bereit, weitere Flüchtlinge aufzunehmen.

Wie sah die Integration der Boatpeople und ihrer später nachgezogenen Angehörigen in die deutsche Gesellschaft aus? Einer Studie zufolge, die der Erziehungswissenschaftler Olaf Beuchling knapp 25 Jahre nach der Ankunft der ersten Boatpeople durchgeführt hat, schnitten diese Migranten in den Schulen überdurchschnittlich gut ab - verglichen mit anderen Migrantengruppen, aber auch verglichen mit ihren deutschen Mitschülern. Das betraf nicht nur die Kinder, deren Eltern in Südvietnam zur intellektuellen Elite zählten, sondern auch solche aus bildungsfernen Schichten.

Entscheidend ist, wie wir sie aufnehmen

Dafür gab es mehrere Gründe: Ein Motiv für Migration ist traditionell der Wunsch, den eigenen Kindern bessere Chancen zu eröffnen als in der Heimat. Dass ein gesellschaftlicher Aufstieg über Bildung möglich ist, hatten die Schüler unter anderem am Beispiel von in Westdeutschland lebenden Vietnamesen beobachten können, denen dies als Ärzten, Ingenieuren oder Kaufleuten gelungen ist. Auffällig ist die rasche Integration der Migranten in deutsche Netzwerke. Bei ihrer Ankunft fanden sie oftmals einzelne Deutsche oder auch Gruppen und Vereine vor, die sich als Paten für die vietnamesischen Flüchtlinge zur Verfügung stellten. Gleichzeitig stellte Beuchling auch eine insgesamt hoch ausgeprägte Bereitschaft dieser Flüchtlinge fest, sich zu integrieren. Als hilfreich erwies sich der Umstand, dass sie in Deutschland in der Regel rasch dezentral untergebracht werden konnten, also nicht monatelang in einer Gemeinschaftsunterkunft auf ein Verfahren warten mussten, in dem über ihre Aufenthaltsgenehmigung entschieden wurde. Sie profitierten von Deutschkursen und der Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Und beide Seiten gingen davon aus, dass die Flüchtlinge in der Bundesrepublik bleiben würden.

Ganz anders war die Situation in Ostdeutschland. Anfang der 1980er Jahre kamen etwa 60 000 Vietnamesen als Vertragsarbeiter für die Textil-, Bau- und Metallindustrie in die vom Arbeitskräftemangel gebeutelten DDR. Die meisten von ihnen erhielten keine richtige Ausbildung und wurden nur als Lohnarbeiter eingesetzt. „Die Kontaktaufnahme mit der örtlichen Bevölkerung war durch die strengen Ausgangsregelungen in den Wohnheimen beschränkt, deren Bewohner gaben aber im Laufe der Zeit ihre Erfahrungen weiter und lernten das System besser kennen und Lücken nutzen“, schreibt Kristin Mundt im Nachwort zu dem Band „Die deutschen Vietnamesen“. Nach dem Fall der Mauer wurden ihre Verträge aufgelöst, das Aufenthaltsrecht erlosch. Ihnen blieb die Möglichkeit, Asyl zu beantragen.

Das Problem, Menschen in Not aufzunehmen und in die Gesellschaft zu integrieren, stellt sich heute wieder - nur ist ihre Anzahl jetzt eben ungleich größer. Dass die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer enden, ist unwahrscheinlich, solange die Verhältnisse in den Herkunftsländern so wenig Hoffnung bieten wie jetzt. Selbst wer Migration grundsätzlich mit Sorge beobachtet und Europa am liebsten abschotten würde, wird die Flüchtlinge nicht aufhalten. Das zeigt die schwerbewachte Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko, die trotz der Abschreckung immer wieder von Verzweifelten überwunden wird.

Das Beispiel der vietnamesischen Boatpeople lehrt vor allem eines: Wenn die Flüchtlinge kommen, dann hängt das künftige Zusammenleben mit ihnen entscheidend davon ab, wie wir sie empfangen.

Quelle: F.A.S.

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