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Asperger-Patienten : Wie Aliens in die Welt geworfen

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Vernon L. Smith: Der Asperger-Patient erhielt 2002 den Nobelpreis für Wirtschaft Bild: AP

Wer am Asperger-Syndrom leidet, hat wenig Freunde aber meistens einen hellen Kopf. Die Betroffenen wurden lange als seltsame Käuze betrachtet. Heute versteht man ihre Erkrankung besser.

          Mit dem Bus fährt Rainer Deutmann nie. Er hat Angst, der Fahrer könnte das Wort an ihn richten. Wenn er einen waghalsigen Tag hat, traut sich der 34jährige Berliner, der in Wahrheit einen anderen Namen trägt, in die U-Bahn zu steigen. Wenigstens für ein paar Stationen. Meistens läuft er aber, Kilometer um Kilometer, von West nach Ost, vom äußersten Norden in den tiefsten Süden. Dabei murmelt er, was als nächstes kommt: „Wilhelmstraße, Mehringdamm“, und spinnt sich so aus dem Stadtplan einen festen Faden, der ihn sicher ans Ziel führt.

          Sicher? Für Deutmann heißt das: Ohne sich von Millionen von Mündern, Nasen oder Augen in die Flucht schlagen zu lassen. Denn für Menschen, die wie er am Asperger-Syndrom, einer speziellen Form des Autismus, leiden, sind fremde Gesichter nichts weiter als eine bedeutungslose Fläche. Das ganze mutwillige Spiel der acht mimischen Muskeln des Menschen löst bei diesen Patienten nichts anderes aus als Verwunderung, Verunsicherung, manchmal sogar blankes Grauen. Instinkte, die die Mimik des Gegenübers in Bruchteilen von Sekunden erfassen, funktionieren bei ihnen nicht, ebenso nicht die Begabung, Gesichter anhand winziger Variationen zu unterscheiden.

          „Ich bin schon froh, wenn ich mit ein bißchen Rateglück mal einen Bekannten auf der Straße wiedererkenne“, sagt Deutmann. „Was diese ganzen Muskelverrenkungen bedeuten und wie man die in der Schnelle unterscheidet, da bin ich überfragt. Ich bin eben Gesichtslegastheniker.“ Auch das, was bei menschlicher Kommunikation zwischen den Zeilen mitschwingt, ist für ihn nicht wahrnehmbar.

          Die vier kleinen Professoren

          Ein Gespräch mit Rainer Deutmann wirkt irritierend. Schließt man die Augen, so ist ein geistreicher Mann mit angenehmer Stimme zu hören. Öffnet man sie wieder, fühlt man sich unwillkürlich gekränkt von den ziellos umherhuschenden Pupillen, die sich niemals von anderen Pupillenpaaren einfangen lassen. Und man ist seltsam berührt von der Ausdruckslosigkeit dieser statischen Züge.

          Sind Asperger-Patienten Menschen aus reinem Intellekt, ohne die alten, ererbten, ursprünglich äffischen Gefühle? „Sie sind, kraß ausgedrückt, Intelligenzautomaten“, notierte der Wiener Kinderarzt Hans Asperger 1944. Der damalige Leiter der heilpädagogischen Station der Universitätskinderklinik Wien war der erste, der das Syndrom beschrieb. „Die autistischen Psychopathen im Kindesalter“ nannte er seinen Aufsatz über vier kleine Patienten namens Fritz, Harro, Ernst und Hellmuth.

          Sie waren zu ihm geschickt worden, weil sie sich in der Schule aufführten, als wüßten sie nicht, daß der Lehrer eine Respektsperson ist. Intellektuell in keiner Weise beeinträchtigt, überdurchschnittlich begabt, brillierend mit ihrem virtuosen Wortschatz. Aber bei der Interaktion mit anderen Menschen von einer merkwürdigen Instinktlosigkeit, hielten sie sich weder vor Autoritäten zurück noch mit Freundschaften auf.

          Und sie waren mit ihren Händen und Füßen erbarmungswürdig ungeschickt. „Nichts geht bei ihnen natürlich“, beobachtete Asperger. Er nannte die vier „unsere kleinen Professoren“. Jeder von ihnen hatte schon als Grundschüler ein eng umgrenztes Interessengebiet, über das er gern tiefschürfende Belehrungen verbreitete: „Der Knabe redet unentwegt und ungefragt, begleitet alles, was er tut, mit umständlichen Erläuterungen, ob diese Bemerkung jetzt in die Situation paßt oder nicht.“

          Von seltsamen Käuzen zu anerkannt Kranken

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