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Alles im grünen Bereich : Wo das Chaos regiert

Bild: Charlotte Wagner

Wird ein Grundstück sich selbst überlassen, keimt dort alles Mögliche. Nur nicht das, was die Lehrbücher schreiben.

          In einem dichtbesiedelten Land wie Deutschland gibt es wahrscheinlich keinen Quadratmeter Boden, der von menschlicher Aktivität unberührt geblieben ist. Es kommt aber vor, dass einzelne Areale wieder aufgegeben und sich selbst überlassen werden. Ehemalige Truppenübungsplätze sind ein Beispiel. Oder urbane Brachen, für die sich kein Investor findet. Häufig sind das schmuddelige Ecken, die von der Bevölkerung gern als „Schandfleck“ tituliert werden. Man kann sie neutraler als „Unland“ bezeichnen, die amtliche Statistik versteht darunter „unbebaute Flächen, die nicht geordnet genutzt werden“.

          Würde es nach den Lehrbüchern gehen, müsste hier alsbald eine Sukzession einsetzen, die von einer Staudenflora über die Verbuschung bis zur geschlossenen Waldgesellschaft führt. Geht es aber nicht. Denn erst einmal dominiert das Zeug, das ohnehin im Boden geschlummert hat; der Botaniker spricht von einer Diasporenbank. Dann folgen kurzlebige Pflanzen, die auf rasche Ausbreitung setzen. Und schließlich gesellen sich Gewächse hinzu, die eine längerfristige Strategie verfolgen. Was dabei am Ende herauskommt, lässt sich nicht vorhersagen.

          Der Biologe und Physiker Robert May hat das vor vierzig Jahren in einem Artikel zum Thema Chaostheorie demonstriert. Schon eine einfache nichtlineare Gleichung, wie sie zur Beschreibung einer sich entwickelnden Population verwendet wird, liefert die überraschendsten Ergebnisse. Wer unbedingt möchte, dass sich eine Brachfläche in die gewünschte Richtung entwickelt, muss also ganz am Anfang, aber auch später noch tätig eingreifen.

          Die Margerite macht das Rennen

          Vegetationskundler der Technischen Universität Berlin haben das im Berliner Bezirk Hellersdorf-Marzahn vorexerziert. Dort war eine in die Jahre gekommene Plattenbausiedlung im Zuge des „Stadtumbau Ost“ zurückgebaut worden. Als Starthilfe verwendeten sie eine Mischung aus zwei Dutzend verschiedenen Wiesenkräutern. Dann beobachteten sie drei Jahre lang, welche davon sich durchsetzen konnten und welche nicht. Platz eins auf der Liste der Erfolgreichen belegte die Wiesenmargerite (Leucathemum ircutianum), die an fast allen untersuchten Standorten blühte. Ähnlich wacker schlugen sich das Labkraut (Galium mollugo), die Karthäusernelke (Dianthus carthusianorum) und das Taubenkropf-Leimkraut (Silene vulgaris). Noch zäher zeigte sich die Gemeine Schafgarbe (Achillea millefolium), die allerdings aus der Wertung genommen wurde, weil sich nicht entscheiden ließ, ob sie nun ausgesät war, von allein zugewandert oder zuvor schon im Boden geruht hatte.

          Es gab auch Verlierer. Das Rote Straußgras (Agrostis capillaris) erwies sich als völliger Versager, genauso wie die Kuckucks-Lichtnelke (Silene flos-cuculi) und die Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia). Nur vereinzelt ließen sich Hasen-Klee (Trifolium arvense), Berg-Sandglöckchen (Jasione montana) und Kleiner Sauerampfer (Rumex acetosella) blicken. Alle Ergebnisse finden sich im Internet unter der Kurzadresse https://tinyurl.com/n46jco7.

          Bei mir übrigens hat sich in diesem Jahr das Schöllkraut behauptet. Warum, weiß ich nicht. Aber es ist eine interessante Pflanze. Dazu nächste Woche mehr.

          Quelle: F.A.S.

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