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Alles im grünen Bereich : Ein Kraut in der Kritik

Bild: Charlotte Wagner

Schöllkraut ist eine gute Insektenweide und hilft vielleicht auch gegen die Warzen. Trotzdem kein Grund, ihm gleich den ganzen Garten zu überlassen.

          Nun sind auch die Schwalben wieder da. Und mit den Schwalben das Schöllkraut. Sein wissenschaftlicher Name Chelidonium majus leitet sich tatsächlich vom griechischen Wort chelidon, Schwalbe, ab, und es blüht auch ungefähr so lange, bis die Vögel im Frühherbst wieder abziehen. Bei mir hat sich das Schöllkraut in diesem Jahr besonders prächtig entwickelt. Wo es überhandnimmt, versuche ich, es mitsamt der Wurzel herauszuziehen, was meistens nicht gelingt. Dafür bricht der Stengel ab, und es quillt ein gelber Milchsaft hervor, der hartnäckige Flecken hinterlässt. Er hat angeblich einen scharfen, unangenehmen Geschmack, ihn zu probieren habe ich mir bislang verkniffen.

          Die Altvorderen waren mutiger. Der griechische Arzt Dioskurides wollte beobachtet haben, dass die Schwalben mit dem Saft des Chelidonion ihre erblindeten Jungen heilen, ergo empfahl er ihn auch gegen menschliche Augenleiden. Man solle auf der Wurzel des Schöllkrautes herumkauen, wenn man Zahnschmerzen habe, hieß es. Vor allem aber wurde der Pflanzensaft seit eh und je benutzt, um Warzen verschwinden zu lassen. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

          Der Extrakt ist mit Vorsicht zu genießen

          Im Schöllkraut wurden bislang mehr als zwanzig verschiedene Alkaloide nachgewiesen. Manche davon zeigen im Labor antivirale und antibakterielle Wirkung, andere scheinen entzündungshemmend und krampflösend zu sein. Studien an Patienten gibt es nur wenige. „Doppelblind“ und placebokontrolliert, wie es heute gefordert wird, waren bloß zwei. Eine davon ergab, dass Schöllkrautextrakt nachweisbar gegen Magen- und Gallenbeschwerden, Blähungen, Übelkeit und Völlegefühl hilft. Die andere Studie, die zum Ziel hatte, krampfartige Schmerzen im Oberbauch zu lindern, wurde vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als „nicht ausreichender Nachweis“ bewertet.

          Das wiederum hindert natürlich keinen Freund der Naturheilkunde, sich das Zeug zu besorgen. Zu den am häufigsten verkauften „over the counter“, also frei verkäuflichen Präparaten zählt beispielsweise Iberogast, das gegen Magen- und Darmbeschwerden helfen soll. Das Darmstädter Familienunternehmen Steigerwald hatte die pflanzlichen Tropfen in den fünfziger Jahren entwickelt und verkaufte davon zuletzt mehr als acht Millionen Packungen pro Jahr, ehe es vom Branchenriesen Bayer geschluckt wurde. Iberogast ist eine Mischung aus Angelikawurzel, Kamillenblüten, Kümmel, Mariendistel, Melisse, Pfefferminze und Süßholzwurzel, gelöst in dreißigprozentigem Alkohol, also lauter guten Sachen. Nur an den ebenfalls enthaltenen zehn Volumenprozent Schöllkraut stören sich seit Jahren das erwähnte Bundesinstitut und andere Fachkommissionen. Denn es hat Fälle von Leberschäden nach Einnahme von Schöllkrautextrakten gegeben.

          Der Hersteller hat es bislang abgelehnt, entsprechende Warnhinweise in seinen Beipackzettel aufzunehmen – die sensible Kundschaft könnte darauf ähnlich verschreckt reagieren wie beim pflanzlichen Erkältungsmittel Umckaloabo, dessen Umsatz sich halbierte, nachdem auf mögliche Leberschäden hingewiesen werden musste.

          Ich kann nur sagen, dass alle möglichen Bienen, Schwebfliegen und Käfer auf Schöllkraut stehen. Deshalb bleibt es im Garten. Aber nur in Maßen.

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