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Geburt eines Rieseneisbergs : Auflösungstendenzen am Südpol

Satellitenaufnahme vom 12. Juli von der Antarktischen Halbinsel. Bild: JPL MISR Tea/REX/Shutterstock

Ökologisches Menetekel oder Alltag am Südpol? Das Abbrechen eines gigantischen Eisbergs bestätigt die Klimaforscher. Dabei sind die Folgen völlig ungewiss.

          Es war eine Trennung mit Ansage und eine, die Folgen haben kann für das vermeintlich ewige Eis am Südpol: Von Larsen C, der größten Schelfeisfläche auf der Antarktischen Halbinsel, hat sich irgendwann zwischen Montag und Mittwoch dieser Woche eine gut 5800 Quadratkilometer große, eine Billion Tonnen schwere Eisfläche gelöst und damit einen der größten je beobachteten Eisberge produziert. Mit A68, so die Bezeichnung des im Polarmeer driftenden Eiskolosses, hat das Schelf rund zehn Prozent seiner Fläche eingebüßt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für viele Polarforscher und Glaziologen ist das Kalben eines gigantischen Eisbergs nichts Besonderes. „Der große wissenschaftliche Wert der Beobachtungen von Larsen C liegt für mich in den hochaufgelösten Satellitenbildern, die zum ersten Mal die Ausbreitung von Spalten und zugehörige Veränderungen in der Eisgeschwindigkeit wöchentlich erfassen“, sagt etwa Reinhard Drews, Geologe an der Universtät Tübingen. „Wir haben keine solide Theorie für das Kalben, und unsere heutigen Beobachtungen sind unvollständig und auf wenige Jahrzehnte begrenzt.“ Von Klimaforschern  wird das Abbrechen des Rieseneisbergs hingegen als dramatisches Zeugnis - als eines von vielen - für die Veränderungen des Planeten gewertet. Vor allem zeigt es, dass nach dem Auseinanderbrechen von Larsen A im Jahr 1995 und Larsen B im Jahr 2002 die Destabilisierung der Eismassen immer weiter südwärts wandert in Richtung der noch sehr viel gewaltigeren Polargletscher der Westantarktis.

          Nasa-Satellitenaufnahmen von heute, 12. Juli: Der Eiskoloss A68 hat sich vom Larsen-C-Schelf abgelöst.

          Grundsätzlich ist das Abbrechen – das Kalben – von Eisbergen rund um die Antarktis ein alltäglicher Vorgang. Das Eis der stellenweise mehrere Kilometer dicken Eispanzer strömt kontinuierlich zum Meer hin, freilich mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit. Wo die Eiszungen das Meer erreichen und auf dem Wasser schwimmen, spricht man von Schelfeis. Wie stabil diese Eisfläche schwimmt und wie stark damit auch der Widerstand gegen das nachdrängende Gletschereis ist, hängt davon ab, wie schnell es von Warmwassermassen von unten oder von warmen Luftmassen und Schmelzwasseransammlungen von oben her abgeschmolzen wird, oder eben auch, wie stark es durch neuen Schnee und Eis wieder aufgebaut wird. Larsen C mit seinen ursprünglich rund 51.000 Quadratkilometern Fläche soll mindestens 500 Jahre lang einigermaßen stabil gewesen sein, wie an der Struktur des Gletschers abgelesen werden konnte. Das änderte sich jedoch in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten radikal. Wie schon beim Auseinanderbrechen von Larsen B wurde auch bei Larsen C am Ende eine enorme Beschleunigung der Schmelzraten der Gletscherzunge gemessen: Von durchschnittlich drei bis fünf Meter pro Dekade auf zuletzt 9 bis maximal 24 Meter. Bis 2009 war schon ein Areal von gut fünftausend Quadratkilometer Eis abgeschmolzen. Schließlich bildete sich ein Riss, der sich seit 2013 immer schneller auf mehr als hundertfünfzig Kilometer quer über das Schelf ausbreitete.

          Das undatierte Handout-Foto zeigt ein optisches Satellitenbild vom März 2017 mit der ganzen Länge des Risses das Larsen-C-Schelfeises.

          Am 31 Mai war der Riss im Innern nur noch 13 Kilometer von der Eiskante entfernt. Das Kalben stand unmittelbar bevor. Und doch dauerste es noch einige Wochen, weil das vergleichsweise weiche Eis an der Stelle nicht so schnell bricht – es ist „stressresistenter“ – wie härteres Eis weiter landwärts. Spätestens Ende Juni jedoch, als die Geschwindigkeit des Eisstromes sich nochmal verdreifachte, war klar: Larsen C bricht in Kürze auseinander.

          Was die Folgen des Schelfeiskollaps angeht, so ist ein Anstieg des Meeresspiegels fürs Erste nicht zu befürchten, selbst wenn der Rieseneisberg nördlich driften und schnell schmelzen würde. Da Schelfeis bereits auf dem Wasser schwimmt, trägt der Eisberg selbst praktisch null zum Meeresspiegelanstieg bei. Allerdings könnte das Abbrechen der Rieseneismasse dazu führen, dass der dahinter liegende Eispanzer nun weniger Widerstand hat und schneller Eis und Schmelzwasser ins Meer nachströmt. „Wie weit der Eisberg treiben wird, hängt unter anderem von der Bodentopographie ab“, sagt Thomas Rackow vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, „er könnte als ganzer Eisberg erhalten bleiben oder schnell in viele kleinere Stücke zerfallen. Im ersten Fall stehen die Chancen gut, dass er zunächst für etwa ein Jahr entlang der Antarktischen Halbinsel durch das Weddell-Meer treiben wird. Dann dürfte er Kurs Richtung Nordosten nehmen. Das heißt, er würde in etwa Südgeorgien oder die Süd-Sandwich-Inseln ansteuern und hier verstärkt schmelzen.“

          Selbst aber in dem extremen Fall, das das Larsen-C-Schelf  komplett destabilisiert wird, bedeutet das nur wenige Millimeter Meeresspiegelanstieg. Die gesamten Eismassen der Antarktischen Halbinsel enthalten Süßwasser für einen globalen Meeresanstieg von maximal sechs bis acht Zentimetern. Bis es dazu kommt, dürfte allerdings längst auch das südlich gelegene und durch Erwärmung nicht minder anfällige Westantarktische Eisschild, insbesondere die beiden Riesengletscher Pine Island Glacier und Thwaites Glacier, ihren Schmelzwasserbeitrag leisten. Ihr Meeresanstiegspotential liegt bei einigen Dutzend Zentimetern, das der Westantarktis insgesamt bei gut drei Metern. Tatsächlich hat man in Modellanalysen ermittelt, dass die gegenwärtige Erwärmung und die Schmelzraten ausreichen würden, den Großteil des Westantarktischen Eisschildes in einigen hundert Jahren komplett zu verlieren.

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