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Krebsverdacht bei E-Zigaretten : Schwerer Dämpfer für die Dampfer

Kein Qualm, nur Dampf: Lösen E-Zigaretten bald Tabak ab? Bild: AP

Kann der Qualm aus den elektrischen Glimmstängeln doch Krebs auslösen? Die Skepsis wächst bei Wissenschaftlern. Eine neue New Yorker Studie entzaubert den vermeintlich harmlosen Nikotindampf.

          Mit gutem Gewissen qualmen – in diesem Glauben wird der „moderne“ Raucher gerne gelassen, der sich selbst am liebsten als „Dampfer“ bezeichnet, weil er Glimmstängel ohne Tabak verheizt, und damit die schlimmsten Giftstoffe aus den klassischen Zigaretten vermeidet. Allmählich jedoch müssen auch diese Raucher ins Nachdenken kommen. Das Qualmen von E-Zigaretten und E-Pfeifen scheint tatsächlich jede Woche etwas weniger harmlos, als es die Hersteller weismachen wollen.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der jüngste Schock: Das Nikotin, das in den an sich harmlosen Trägerflüssigkeiten Propylenglykol und Glycerin und einigen umstrittenen Chemikalien schwimmt, ist nicht nur Genuss- und Suchtmittel. Es wird im Körper entgegen der weit verbreiteten Meinung möglicherweise doch zu schädlichen Abbauprodukten umgewandelt. Zu solchen, die offenbar das Erbgut in den Zellen verändern können. Und zwar ziemlich exakt so, wie man das von den DNA-Veränderungen in Versuchen mit klassischen Zigaretten kennt – Mutationen also, die nachweislich die Wahrscheinlichkeit von Krebs erhöhen.

          Ein Bruchteil der Giftstoffe, aber!

          Das sind in der Tat alles andere als erfreuliche Befunde, über die amerikanische Umweltmediziner der New York University School of Medicine jetzt in den „Proceedings“ der amerikanischen Akademie der Wissenschaften berichten. Sie reihen sich damit ein in eine Reihe von jüngeren Forschungsergebnissen, die zum großen Teil die anfangs kursierenden positiven Einschätzungen über den Nutzen elektrisch beheizter Glimmstängel relativieren.

          Zunächst klangen die Argumente pro E-Zigarette schlagend, als die ersten elektrischen Glimmstängel vor nicht einmal anderthalb Jahrzehnten auf den Markt kamen. Anstelle der mehr als siebentausend oft unvollständig verbrannten Chemikalien aus dem Tabak, die fast sämtlich im Körper eines Rauchers landen, fand man im elektrisch erzeugten Dampf der elektrischen Zigaretten nur ein Bruchteil dieser Chemikalienvielfalt. Vor allem aber fehlten die Dutzenden von Substanzen, etwa polyzyklische Verbindungen wie PAK, aromatische Amine, Nitrosamine, Benzol oder Formaldehyd, die aus der Tabakverbrennung stammen und im Körper diverse erbgutschädigende Reaktionen auslösen – und damit das Krebsrisiko radikal anheben. E-Zigaretten schienen der perfekte Tabakersatz: Nikotingenuss ohne Reue. Tatsächlich sind die Gesundheitsgefahren durch batteriebetriebenen Nikotinspender, verglichen mit Tabakqualm, sehr viel kleiner. Ein großes Aber blieb jedoch. Die Wissenslücken sind jedenfalls erheblich.

          E-Zigaretten eine sichere Option?

          Es waren ebenfalls Mediziner aus New Yorker, die in einer erst vor zwei Wochen veröffentlichten großen Übersichtsarbeit im „Annual Review of Public Health“ feststellten, dass E-Zigaretten weniger schaden und „die sichere Option im Vergleich mit dem normalen Rauchen sind“. Das klang fast wie aus dem Prospekt der Tabakindustrie, die mittlerweile im großen Stil in das „Dampfer“-Business eingestiegen sind und Milliarden Dollar investiert hat. Ein nach wie vor rasant wachsendes Geschäft: Zwischen anderthalb und dreieinhalb Millionen E-Zigaretten-Konsumenten, je nach Statistik, soll es inzwischen in Deutschland geben. Die Umsätze steigen jährlich im zweistelligen Millionenbereich.  

          Den einen oder anderen Dämpfer gab es freilich längst – vor allem viele heftige Kontroversen: Die drehten sich um Fragen wie die etwa, ob E-Zigaretten wirklich zur Entwöhnung taugen oder – für die Branche wie die Medizin noch wichtiger – ob mit den Elektroglimmern immer mehr junge Nichtraucher zum Qualmen und damit zur Nikotinsucht verleitet werden können, E-Zigaretten quasi als Einstiegsdroge fürs Tabakrauchen?

          Umfangreiche Akademie-Bestandsaufnahme

          Vor wenigen Tagen war in einem Bericht der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Washington zu lesen, mit 800 ausgewerteten Studien die bisher umfangreichste Bestandsaufnahme zum Thema überhaupt, dass sich zumindest im Hinblick auf die Einstiegsfrage klare Tendenzen abzeichnen, ja, die Beweislage spreche „erheblich dafür“: Immer mehr junge und ältere Erwachsen probieren den Nikotingenuss mit E-Zigaretten aus und steigen dann auf klassische Tabakprodukte um. Die Zuwächse am E-Zigarettenmarkt sprechen ebenfalls Bände. Und ja, das Suchtpotential sei ähnlich. Ja aber auch, schreibt die interdisziplinär besetzte Fachgruppe der Wissenschaftsakademie, die „Dampfer“ nehmen deutlich weniger Schadstoffe auf als die Raucher herkömmlicher Zigaretten. Also doch harmlos? In der Hinsicht gibt es nur für jene Konsumenten Entwarnung, die vom Tabak auf E-Glimmstängel umgestiegen sind. Sie verbessern ihre Situation gesundheitlich sehr deutlich. Ungiftig sind die elektrischen Versionen allerdings keineswegs, auch das stellt die Akademie noch einmal klar. Und was das Nikotin angeht, da nehmen im Großen und Ganzen statistisch beide Gruppen ähnlich hohe Mengen auf.

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