07.11.2006 · Schmerzhafte Schleimhautveränderungen sind eine Nebenwirkung der Strahlentherapie. Patienten, deren Kopf und Hals bestrahlt werden, leiden deshalb oft doppelt. Jetzt versprechen Tierversuche mit Stammzellen Linderung.
Von Martina Lenzen-SchultePatienten, die im Bereich von Kopf und Hals wegen eines bösartigen Tumors bestrahlt werden, müssen mit schmerzhaften Veränderungen ihrer Mundschleimhaut rechnen. Die Betroffenen sind beim Sprechen, Schlucken und Essen zum Teil massiv beeinträchtigt, sie nehmen in der Folge auch an Gewicht ab, überdies werden Infektionen begünstigt. Das ist außerdem nicht selten ein Grund dafür, daß die Bestrahlung unterbrochen werden muß und sich dadurch die Heilungsaussichten dramatisch verschlechtern.
Zudem sind die auch als Mukositis bezeichneten Veränderungen an der Mundschleimhaut ein Risikofaktor dafür, daß sich später chronische Schäden an der Knochensubstanz entwickeln. Seit langem suchen Ärzte daher nach Möglichkeiten, den unerwünschten Folgen der Bestrahlung vorzubeugen. Dabei sind auch Stammzellen ins Visier der Radioonkologen geraten. Untersuchungen hierzu fördert die Europäische Union mit dem Projekt First (Further improvement of radiotherapy through side effect reduction by stem cell transplantation).
Adulte Stammzellen vermindern Nebenwirkungen
Welche Bedeutung den Stammzellen beim Schutz der Mundschleimhaut künftig zukommen könnte, wurde auf dem Kongreß der europäischen Strahlentherapeuten deutlich, der unlängst in Leipzig stattgefunden hat. So berichtete Wolfgang Dörr von der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der Technischen Universität Dresden über erfolgversprechende Untersuchungen an Mäusen. Mit seiner Arbeitsgruppe hat er herausgefunden, daß durch adulte Stammzellen aus dem Knochenmark von ausgewachsenen Tieren die Nebenwirkungen einer Bestrahlung an der Mundschleimhaut deutlich vermindert werden können. Entweder injizierte man den Mäusen - wie dies bei einer Knochenmarkstransplantation geschieht - Knochenmark mit den darin enthaltenen Stammzellen in die Blutbahn, oder man behandelte sie mit dem Wachstumsfaktor G-CSF (Granulocyte-Colony Stimulating Factor). Dieser bewirkt, daß mehr eigene Stammzellen aus dem Knochenmark in das zirkulierende Blut befördert werden.
Stammzellen können auch helfen, die Speicheldrüsen der Tiere besser vor den Folgen der Strahlung zu bewahren. Das hat eine Forschergruppe um den Strahlenbiologen Rob Coppes von der Universitätsklinik in Groningen (Niederlande) nachgewiesen. In diesen Drüsen versagt infolge der Bestrahlung häufig die Speichelproduktion. Die Patienten, die durch die Veränderungen an den Schleimhäuten ohnehin schon stark beeinträchtigt sind, leiden dann zusätzlich noch unter einem trockenen Mund.
Wachstumsstimulierender Cocktail
Schleimhäute benötigen ständig Nachschub an Zellen, der jedoch infolge der Strahlenwirkung zunehmend versiegt. Wie Dörr in einem Gespräch erläuterte, glaubte man zunächst, die teilungsfreudigen Stammzellen würden sich in der Schleimhaut ansiedeln und dort die Neubildung von Zellen unterstützen. Die Untersuchungen an den Tieren hätten aber gezeigt, daß diese Annahme nicht zutreffe. Denn offenbar sind es allenfalls einige wenige Stammzellen, die den Weg in die Mundschleimhaut finden. Daher vermutet man nun, daß es ein wachstumsstimulierender Cocktail von Mediatoren sein könnte, der von den Stammzellen freigesetzt wird und durch den letztlich die schützenden Regenerationsvorgänge in der Schleimhaut forciert werden.
Wie viele Faktoren beteiligt sind, wissen die Forscher noch nicht. Einige aussichtsreiche Kandidaten wurden aber bereits erfolgversprechend getestet. Zu ihnen zählt zum Beispiel der Keratinozyten-stimulierende Wachstumsfaktor KGF. Ersten klinischen Studien zufolge vermag er die Folgen einer Bestrahlung, aber auch einer Chemotherapie an der Mundschleimhaut deutlich besser zu lindern, als das mit anderen Verfahren zuvor möglich war. Für Patienten, die mittels Ganzkörperbestrahlung und Chemotherapie auf eine Knochenmarkstransplantation vorbereitet werden, ist er zur Verhinderung der in diesen Fällen oft schwerwiegend verlaufenden Mukositis bereits zugelassen. Für die Linderung der Komplikationen durch Bestrahlung von Tumoren im Kopf- und Halsbereich ist eine große Studie im Gange.
Gefahr, daß auch Tumorzellen angeregt werden
Vorausgesetzt, man kann ausschließen, daß KGF seinerseits das Wachstum von Tumoren begünstigt, scheint diese Therapie einen großen Fortschritt zu bedeuten. Denn bislang steht für die Linderung der Beschwerden keine wirklich überzeugende Substanz zur Verfügung. Man ist auf die Vorbeugung durch strikte Mundhygiene und häufiges Spülen angewiesen. Allenfalls Schmerzmittel oder Antibiotika finden bei Bedarf Verwendung. Daß man Stammzellen direkt verwenden wird, statt sich auf Wachstumsfaktoren wie KGF zu beschränken, ist in nächster Zeit nicht zu erwarten.
Neben den hohen Kosten einer solchen Behandlung bestünde zudem die Gefahr, daß auch hierdurch Tumorzellen zum Wuchern angeregt werden könnten. Die Forscher versuchen nun, möglichst genau Aufschluß über die Art und Weise zu erhalten, mit der Stammzellen die Schleimhäute schützen. Das verbinden sie mit der Hoffnung, diese Strategie dann möglichst erfolgreich kopieren zu können.