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Veröffentlicht: 21.04.2016, 16:06 Uhr

Bedrohtes Weltnaturerbe Korallenbleiche gefährdet Great Barrier Reef

Alarm am Great Barrier Reef: Viel zu warmes Wasser hat die Korallen vielerorts erbleichen lassen. Eine Regeneration ist nur möglich, wenn die Wassertemperatur wieder drastisch sinkt. Die Chancen dafür sinken allerdings.

© Peter Mumby Korallenbleiche am Great Barrier Reef: Ein trauriger Anblick

Die verheerende Korallenbleiche am Great Barrier Reef in Australien hat ein beispielloses Ausmaß erreicht. 93 Prozent der Korallenbänke sind nach Aussagen australischer Meeresbiologen betroffen. Besonders schlimm sei die Lage nördlich von Port Douglas, wo viele Touristenboote zu dem Naturwunder starten, sagte der Meeresbiologe Terry Hughes von der James Cook University in Queensland der Nachrichtenagentur dpa. Die Entwicklung ist fatal, weil in der Region bis nach Papua-Neuguinea die artenreichsten Korallenriffe liege. Je schlimmer die Bleiche, desto geringer ist die Chance, dass ein Riff sich erholt.

„In diesem Ausmaß haben wir so etwas noch nie erlebt“, sagte Hughes. Er hat in den vergangenen Wochen 911 Riffe mit dem Flugzeug überflogen und den Schaden dokumentiert. „Im nördlichen Teil des Riffs ist es, als wären zehn Zyklone gleichzeitig an Land gekommen.“ Der einzige Lichtblick: Im Süden des 2.300 Kilometer langen Naturwunders hält sich die Bleiche in Grenzen. Dort sollten sich die Riffe laut Hughes bald wieder erholen.

Hitze vergiftet Korallen

Grund für die Korallenbleiche sind die hohen Wassertemperaturen, ausgelöst durch den Klimawandel und das Klimaphänomen El Niño, das dieses Jahr besonders starke Hitzewellen verursacht. In der nördlichen Region hatte das Wasser zeitweise eine Temperatur von 33 Grad. Dann produzieren Algen, die in Symbiose mit den Korallen leben und diese Nesseltiere mit Nährstoffen versorgen sowie für die bunten Farben sorgen, Gift und werden abgestoßen. Die Korallenstöcke werden daraufhin weiß. Wenn die Temperatur sinkt und sich neue Algen ansiedeln, können die Korallen überleben. Wie lange das dauert ist, hängt von der Korallenart ab.

„Das Beste, was wir zur Erholung des Riffs tun können, ist, lokale und regionale Stressfaktoren zu reduzieren“, meinte der Chef der für das Riff zuständigen Marineparkbehörde (GBRMPA), Russell Reichelt. So müsse die Wasserqualität besser werden. Sedimentabgänge und Schadstoffe aus der küstennahen Landwirtschaft müssten reduziert werden. Die in den vergangenen Jahren stark vermehrten Dornenkronen, korallenfressende Seesterne, würden weiter rigoros bekämpft.

Korallenbleiche Korallenbleiche am Great Barrier Reef: Diese Koralle hat wegen einer zu hohen Wassertemperatur die Algen abgestoßen, die sie normalerweise mit … © Peter Mumby Bilderstrecke 

Reichelt verwies auf eine neue Studie des Instituts für Meeresbiologie, wonach die Korallendecke am Great Barrier Reef in den vergangenen vier Jahren um 19,3 Prozent gewachsen sei. Das sagt allerdings nichts über die Artenvielfalt. Ähnlich wie Bäume verraten Korallenstöcke über Wachstumsringe, ob sie Stresssituationen ausgesetzt waren. Massive Korallenbleiche gab es am Barrier Reef erstmals 1998, dann 2002. Doch die Folgen waren bisher nicht so drastisch wie dieses Mal.

Die derzeitige Korallenbleiche betrachtet auch Terry Hughes‘ Kollegin Tracy Ainsworth mit Sorge. „Das schiere Ausmaß ist das Problem.“ Riffe auf einer Länge von mehr als 1000 Kilometern seien betroffen. „Wenn die Korallen im Inneren einige Algen behalten, können sie sich regenerieren. Wir untersuchen gerade Proben.“

Korallen immer weniger robust

Korallen am Great Barrier Reef konnten sich bislang mit einer Gewöhnungsphase für einen vorübergehenden Anstieg der Wassertemperaturen wappnen und ihre Widerstandskraft stärken. Dieser Schutzmechanismus gerate aber mit dem allgemeinen Anstieg der Meerestemperaturen in Gefahr, berichten Tracy Ainsworth und ihre Kollegen in der Zeitschrift „Science“.

Die australischen Wissenschaftler haben die Wassertemperaturen im Great Barrier Reef über einen Zeitraum von 27 Jahren ausgewertet und 327 Hitzestress-Situationen registriert. Korallenbleiche droht nach ihren Angaben, wenn das Wasser mehr als zwei Grad wärmer wird. Wenn die Korallen kurz vor einem solchen Temperaturanstieg einen Anstieg von unter zwei Grad und eine darauf folgende Abkühlung erlebten, machte ihnen der größere Anstieg deutlich weniger aus, stellten sie fest. Sie seien dann quasi trainiert für eine solche Erwärmung.

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Dieser Trainingseffekt sei aber bereits kleiner, wenn die Meerestemperatur insgesamt dauerhaft um 0,5 Grad ansteige, wie es innerhalb der kommenden 40 Jahren aufgrund des Klimawandels zu erwarten sei. Bei einer möglichen dauerhaften Wassererwärmung um zwei Grad sei der Effekt noch deutlicher: Während den untersuchten Korallen der Trainingseffekt in 75 Prozent der Hitzestress-Situationen genutzt habe, geschehe dies dann voraussichtlich nur noch bei 22 Prozent. Die Gefahr, dass Korallen bei vorübergehenden Hitze-Events absterben, steige damit deutlich.

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