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Kommentar Organversprechen

Gesundheitsminister Bahr glaubt, dass Manipulationen von Wartelisten für Transplantationen inzwischen unmöglich geworden sind. Größte Zweifel sind angebracht. An das faule Gewebe im System traut sich die Politik bisher nicht heran.

Zum Beginn des Strafprozesses gegen den ehemaligen Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie hat Bundesgesundheitsminister Bahr eine Vorhersage getroffen, die er bis zur Bundestagswahl wohl nicht bereuen muss: Eine Manipulation der Wartelisten für eine Organspende wie in Göttingen und an anderen Transplantationszentren sei nunmehr ausgeschlossen. Womöglich meinte er: So wie damals wird es nicht mehr gehen können. Damit dürfte der FDP-Politiker auf Dauer recht behalten. Für größere Versprechen sollte er allerdings die eigene Hand lieber nicht ins Feuer legen. Es könnte sein, dass er bald eine neue brauchte.

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Denn dass Manipulationen inzwischen unmöglich geworden sind, glauben auch nach einer verschärften Strafandrohung und zusätzlichen Kontrollen allenfalls die Akteure des Transplantationswesens, nicht zu vergessen auch ihre Verbündeten, Minister Bahr an erster Stelle. Sicher, niemand will die Ärzte in Bausch und Bogen verdammen, sicher retten Transplantationsmediziner täglich Leben, hundertfach jeder einzelne. Aber solange das faule System immer wieder schöngeredet wird, wird sich nicht nur an der stark gesunkenen Bereitschaft zur Organspende kaum etwas ändern. Auch der ehrliche Mediziner wird zum Opfer.

Neues Misstrauen wird geschürt

Der Minister hat sich davon überzeugen lassen, dass die geplante Dokumentation aller Daten in einem Register und ein Sechs-Augen-Gespräch die gewünschte Transparenz herstellen. Wenn das wirklich so wäre, dann hätten sich die medizinischen Vereine, die auf Selbstkontrolle schwören, leicht einer unabhängigen, demokratisch legitimierten Institution anvertrauen können. Die Weigerung hingegen, einen großen Schritt zu wagen und den Bruch mit der Vergangenheit durch ein übergeordnetes staatliches Institut zu signalisieren, schürt nur neues Misstrauen.

Nach wie vor werden den Empfängern Organe nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht zugeteilt. Sogar der Laie erkennt, dass Erfolgsaussicht ein Begriff ist, der fast immer subjektive Wertungen enthält, ob alleine festgestellt oder durch Absprachen von Ärzten untereinander. Auch die ökonomischen Fehlanreize im Fallpauschalensystem, die auch kleinere Kliniken ohne hinreichende Erfahrung zu lukrativen Transplantationen verleiten, bestehen weiter. An das faule Gewebe im System traut sich die Politik bisher nicht heran. Dieses Siechtum kann nicht lange gutgehen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 19.08.2013, 17:06 Uhr