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Vom Klonpionier zum Genheiler? : „In einem Jahr kann es hoffentlich losgehen“

Einer Eizelle, gehalten von einer Pipette, wird der Kern entfernt Bild: dpa

Der amerikanische Klonpionier Shoukhrat Mitalipov will die Medizin umkrempeln. Embryonen mit genmanipulierten „gesunden“ Mitochondrien erzeugen ist sein erstes Großziel. Wir haben ihn in Bonn getroffen und befragt.

          Der wissenschaftlichen Medizin stehen schwere Zeiten bevor. Wie schwer, lässt sich heute kaum ermessen, denn morgen kann schon wieder alles anders sein. Gestern blies den Ärzten in ihren Praxen noch der Gegenwind von Alternativmedizinern oder Quacksalbern entgegen, heute müssen sie die Pseudoweisheiten aus dem Internet und vor allem den extremen Rückenwind der Wissenschaft selbst fürchten. Die Forschung bringt buchstäblich alles ins Wanken. Wie massiv sich die Medizin vor dem Forschritt fürchten muss, ist in der zurückliegenden Woche mehr als deutlich geworden. Und dafür stehen Namen wie Shoukhrat Mitalipov.

          Interview : Klonpionier Mitalipov über seine Therapiepläne

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der gebürtige Kasache, der längst eine amerikanische Karriere an der Oregon Health and Science University in Portland eingeschlagen hat, war vor wenigen Tagen in Bonn zu Besuch. Er war eines der Zugpferde auf dem achten Internationalen Treffen des nordrhein-westfälischen Kompetenznetzwerks Stammzellforschung. Vor knapp zwei Jahren hat Mitalipov sein biomedizinisches Meisterstück mit dem Protokoll für das sogenannte therapeutische Klonen von menschlichen Embryonen abgeliefert. Was Jahre davor diskutiert und bioethisch hin- und hergewälzt worden war, was auch Gegenstand des gewaltigen Klonskandals um den Südkoreaners Woo-suk Hwang war, hatte Mitalipov nun praktisch möglich gemacht. Aber nicht nur das. Mitalipov war davor schon eine treibende Kraft hinter den akademischen wie auch den biopolitischen Veränderungen.

          Bild: F.A.Z.

          In seinem Labor war eine Methode entwickelt worden, zuerst bei Mäusen, schließlich bei Rhesusaffen und schließlich beim Menschen, die es möglich macht, Erbkrankheiten aus der Keimbahn zu eliminieren. Zumindest ganz bestimmte. Mitalipov hatte Mitochondrien – die lebensnotwendigen Energielieferanten – aus den Eizellen eliminiert. Jede dieser kleinen Zellorganellen enthält ein eigenes kleines Erbgut mit 37 Genen, die extrem wichtige Protein-Bausteine für Oxidationsprozesse, die Atmungskette und den programmierten Zelltod liefern. Krankheiten, die auf genetischen Defekten oder Fehlregulationen beruhen, sind zwar selten – etwa eins von fünftausend Kindern wird mit mehr oder weniger stark geschädigten Mitochondrien geboren. Therapien gibt es aber auch praktisch keine. Gleichzeitig werden immer mehr Altersleiden, von der Alzheimer- bis zur Parkinsonkrankheit und das Altern selbst mit Fehlfunktionen der Mitochondrien in Verbindung gebracht. Shoukhrat Mitalipov hat sein wissenschaftliches Leben diesen Zellorganellen gewidmet – und den Patienten, von denen viele schon im Kindesalter sterben.

          Der Forscher lässt nichts unversucht, die Anwendung seiner in Tausenden Tierexperimenten gewonnenen Erfahrungen in die Klinik zu bringen. Sein Ziel: Die defekten Mitochondrien noch in den allerersten Stadien der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas durch gesunde Mitochondrien zu ersetzen. Zwei Verfahren hat er dazu entwickelt. Im Prinzip wird der Embryo mit Hilfe einer Eizellspenderin von den Mitochondrien befreit – entweder, indem der Zellkern der „kranken“ Eizelle vor der Befruchtung auf eine Spendereizelle mit gesunden Mitochondrien im Zellplasma übertragen wird. Oder eben etwas später, wenn die beiden elterlichen Genome schon verschmolzen sind. In beiden Fällen kommt, genetisch gesehen, ein drittes Elternteil hinzu. Zweifellos eine Manipulation der Keimbahn, wenn auch eine geringfügige. Dass es sich tatsächlich nur um die extrem kleinen Genome der Mitochondrien handelt, dürfte die Abgeordneten im britischen Parlament überzeugt und schließlich kürzlich zu einer Gesetzesänderung geführt haben. Keimbahntherapien sind somit in Großbritannien zumindest ausnahmsweise für diese speziellen Anwendungen erlaubt.

          Fehlende Finanzmittel für forschende Finger
          Fehlende Finanzmittel für forschende Finger : Bild: picture-alliance / obs

          Auch was die Umsetzung seiner Ergebnisse in seiner amerikanischen Heimat angeht, ist Mitalipov optimistisch: „Ich erwarte die Zulassung durch die FDA innerhalb eines Jahres.“ Der Forscher lässt nichts unversucht, seinen Wirkungskreis auszudehnen. Vor einigen Wochen hat er eine Kooperation mit der chinesischen Genomfirma „Boyalife“ bekanntgegeben – ein Projekt, an dem sich finanziell auch ausgerechnet die inzwischen aufs Tierklonen spezialisierte Firma des koreanischen Klonbetrügers Hwang beteiligt hat.

          Mitalipov, könnte man also meinen, ist allen meilenweit voraus. Doch nicht einmal er ist dagegen gefeit, Opfer des galoppierenden Fortschritts zu werden. Noch während die Bonner Stammzellkonferenz lief, wurden zwei weitere Pfähle in den biomedizinischen Grund geschlagen: Zuerst beschrieben in einer Arbeit in „Protein & Cell“ chinesische Forscher, was schon länger als Gerücht in der Branche umgeht: dass in menschlichen Embryonen versuchsweise defekte Hämoglobin-Gene durch das noch einigermaßen neue „Genome editing“ manipuliert wurden. Und in „Cell“ beschrieb Juan Carlos Belmonte vom kalifornischen Salk Institute kurz danach, wie man mit ähnlichen genchirurgischen Methoden die Mutationen in defekten Mitochondrien von In-vitro-Embryonen eliminierte. Spendereizellen, wie bei Mitalipovs Verfahren, sind nicht mehr nötig. Mitalipov lässt das vorerst kalt: Erstens sei das bisher nur in Mäusen gelungen, und zweitens „ist die Effizienz noch zu gering, dass am Ende ausreichend viele defekte Mitochondrien ausgeschaltet werden“. Konkurrenz belebt das Keimbahngeschäft. Die bioethische Debatte indes kommt, einmal mehr, kaum noch hinterher.

          Quelle: F.A.Z.

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