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Klimawandel : Horrortrip fürs Welterbe

Nach dem Hurrikan Sandy im Jahr 2012 hat New York bereits 100 Millionen Dollar in den Schutz vor weiteren Wetterextremen gesteckt. Bild: AFP

Die Klimapolitik ist längst nicht aus dem Gröbsten raus. 136 Kulturdenkmäler stehen unter Wasser, es gibt Milliardeneinbußen für den Tourismus – und die schlechten Prognosen reißen nicht ab.

          Sind die Klimaschützer wirklich so entspannt, wie sie sich heute in Bonn präsentiert haben? Von „konstruktiven“ Verhandlungen war auf dem ersten großen Zusammentreffen der UN-Verhandler nach dem Pariser Vertragsabschluss die Rede, endlich würde die Absichts- und Ankündigungspolitik der alten Tage beendet, würden konkrete Ziele verfolgt. Die Richtung stimme. Begegnen sich Umweltschützer und Politiker nach dem diplomatischen Triumph von Paris also tatsächlich versöhnlicher?

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Schwer zu sagen, wie lange das Lob der Dauerkritiker hält und ob es nicht bloß eine Motivationshilfe für die Regierungsverantwortlichen sein soll. Sicher ist nur: Der klimapolitische Druck dürfte kaum nachlassen. Denn die Welt wird, selbst für den Fall, dass die 190 Vertragsstaaten ihre Hausaufgaben machen, in eine globale Erwärmung um die drei Grad über dem vorindustriellen Niveau steuern. Was das konkret bedeutet, machen zwei neue Publikationen zur Gefährdung der Unesco-Welterbe deutlich, die zeitgleich mit dem Abschluss der Bonner Konferenz veröffentlicht wurden.

          Die Djenné-Moschee in Mali gilt als eines der Kulturdenkmäler, die von zunehmender Hitze und Feuchtigkeit bedroht ist.
          Die Djenné-Moschee in Mali gilt als eines der Kulturdenkmäler, die von zunehmender Hitze und Feuchtigkeit bedroht ist. : Bild: Carlo Drechsel

          In dem einen Bericht,„Welterbe und Tourismus im Klimwandel“, zieht die Unesco als Hüter der mehr als tausend Welterbestätten zusammen mit dem Umweltprogramm Unep und den „Union of Conncerned Scientists“ auf knapp hundert Seiten eine beunruhigende ökologische Bilanz anhand von zwei Dutzend ausgesuchten Welterbestätten - darunter die Freiheitsstatue in New York und das Wattenmeer an der Nordseeküste. Nicht nur die Welterbestätten selbst, so wird in dem Bericht gewarnt, sind von beschleunigten und teueren physikalischen und sozialen Veränderungsprozessen bedroht, der Wandel sei auch für den Tourismus der Länder, der immerhin neun Prozent des weltweiten Sozialproduktes erzeugt,  mittlerweile eines der stärksten ökonomischen Gifte. Bei der Einschätzung des Welterbestatus sollten deshalb künftig verstärkt die Maßnahmen der betreffenden Bewerberländer gegen die Auswirkungen und Ursachen des Klimawandels mit berücksichtigt werden.

          Der Hafen von Ilulissat in Grönland ist einer von einem halben Dutzend Welterbestätten, die in dem UN-Bericht als Beispiel für schon heute stark betroffene „Klimawandelopfer“ gelistet werden.
          Der Hafen von Ilulissat in Grönland ist einer von einem halben Dutzend Welterbestätten, die in dem UN-Bericht als Beispiel für schon heute stark betroffene „Klimawandelopfer“ gelistet werden. : Bild: obs

          In dem zweiten Bericht haben zwei Klimaforscher, Ben Marzeion von der Universität Innsbruck und Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, die mehr als 700 Kulturdenkmäler in der Unesco-Liste in den Blick genommen. Basierend auf paläoklimatologischen Daten und Klimawandelmodellen haben sie versucht zu ermitteln, wie stark die kulturellen Touristenmagneten von einem steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Hochgerechnet wurde dabei für nicht weniger als zweitausend Jahre, also gut hundert Generationen. Fazit: Selbst wenn die Kulturdenkmäler bis dahin nicht schon anderweitig unwiderbringlich verloren wären, ist ein Großteil aufgrund seiner Lage  von den ansteigenden Fluten direkt bedroht.

          Schon die bereits erreichte Erwärmung um ein Grad über dem vorindustriellen Niveau bewirkt durch die Wärmeausdehnung des Wassers und durch die Gletscherschmelzen in den Bergen sowie der Arktis ein gefährliches Ansteigen des Meerespegels. Mindestens 40 Kulturdenkmäler seien also unmittelbar in ihrer Substanz bedroht. Steigt die globale Temperatur um drei Grad und schafft es also die Weltgemeinschaft mit den für das Pariser Klimaabkommen zugesagten Klimaschutzmaßnahmen, die Beschleunigung des Klimawandels nicht noch weiter als jene drei Grad zu erwärmen, würden unwiderbringlich große Teile Grönlands und der West-Antarktis abschmelzen. Auf lange Sicht heisst das: 136 Welterbestätten sind bedroht, darunter auch viele historische Stadtzentren mit ihren unersetzlichen Denkmälern wie jene Neapels, Istanbuls, Brügges oder St. Petersburgs. Drei Grad Erwärmung würde also schon einen Minimalerfolg der Klimapolitik nach Paris voraussetzen.

          Doppelte Bedrohung: Mensch und Klima setzen dem Wattenmeer stark zu.
          Doppelte Bedrohung: Mensch und Klima setzen dem Wattenmeer stark zu. : Bild: dpa

            „Steigen die Treibhausgasemissionen weiter an wie bisher, müssen wir schon bis Ende des Jahrhunderts mit einer globalen Erwärmung um bis zu fünf Grad rechnen“, so Levermann. Die drei Grad Erwärmung könnten den Berechnungen zufolge für zwölf Länder der Welt bedeuten: Land unter auf mehr als der Hälfte der Landesfläche. Das betrifft insbesondere kleinere Inselstaaten, aber auch so bekannte Touristenziele wie die Malediven und die Seychellen im Indischen Ozean.  Fast ein Drittel aller Länder mit Kulturdenkmälern würde mindestens ein Zehntel der Fläche verlieren. Dabei werden regional allerdings sehr wohl Unterschiede erwartet. Denn der Meeresspiegel steigt nicht gleichgmäßig, sondern wird sich wie heute schon abhängig von den Wassermassen und geologischen Strukturen unterschiedlich stark erhöhen.

          Rechnerisch, so schreiben die beiden Autoren in der Zeitschrift „Environmental Research Letters“, leben heute sieben Prozent der Weltbevölkerung in küstennahen Regionen, die unter dem Meerespiegel liegen würden,  sofern sich die Welt um drei Grad erwärmt. Mindestens 600 Millionen Menschen müssten sich eine neue Heimat suchen. Nicht zuletzt auch, weil vielerorts nicht allein der Wasserpegel für die Unbewohnbarkeit vieler Küstenstreifen sorgt, sondern die Folgen von Stürmen und Fluten, die noch deutlich zerstörerischer wirken als das Wasser allein.

          Quelle: FAZ.NET

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