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Klimagipfel : Ist das die Formel für die globale Energiewende?

Was steht drin? Am Rande der Klimakonferenz in Paris arbeiten zwei Beobachterinnen den Vertragsentwurf durch. Bild: AFP

Noch ist der Klimavertrag nicht in trockenen Tüchern, auch wenn manche schon den „historischen Moment“ beschwören – die Staaten müssen noch zustimmen. Aber schon jetzt ist klar: Hier wurde in entscheidenden Passagen ein diplomatisches Meisterwerk abgeliefert.

          Geschichte schreiben, das war das gemeinsame Anliegen und die große Hoffnung nach dürren Verhandlungsjahren der Klimapolitiker, und der Pariser Klimagipfel Cop21 steht kurz davor. Allerdings ist das 31-seitige Vertragswerk noch längst nicht in trockenen Tüchern. Die Abstimmung beginnt erst am späten Nachmittag. So oder so, die französische Verhandlungsführung unter Laurent Fabius hat ihr glückliches Händchen behalten und auf den Druck der einen oder der anderen Seite mit einigen semantischen Künststückchen reagiert. Besondere Formulierungskunst war bei dem lange umstrittenen Langfristziel des Klimavertrags nötig.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          An einigen Passagen wurde in den vergangenen drei Tagen und Nächten gefeilt, aber diese eine Passage – Artikel 4, Absatz 1 – könnte die entscheidende Formel sein, die den völkerrechtlich verbindlichen Vertrag auf lange Sicht zur Messlatte für die Klimapolitik macht. Um das  langfristige Ziel der 196 Vertragsstaaten zu erreichen, die weltweite Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen und möglichst 1,5 Grad zu schaffe, steht da: „Der Höhepunkt der Treibhausgasemissionen sollte so schnell wie möglich erreicht werden, wobei es für die Entwicklungsländer länger dauern könnte. Danach muss es in Übereinstimmung mit den besten wissenschaftlichen Erkenntnissen eine schnelle Verringerung der Emissionen geben, um in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine Balance zwischen den menschengemachten Emissionen und den mithilfe von Kohlenstoffspeichern erreichbaren Entzug von Treibhausgasen zu erreichen. Grundlage dafür sind die Gleichbehandlung, eine nachhaltige Entwicklung und die Bemühungen aller, Armut auszurotten.“

          Allein dieser Vertrag zeigt, wie schwierig die Suche nach einem Kompromiss war. Es steht nichts da von einem Ausstieg oder Null-Emissionen, und dennoch ist die Richtung eindeutig und quasi unumkehrbar. Anfangs noch, im ersten Vertragsentwurf, war vor allem bei den stärker ambitionierten Staaten die Hoffnung, dass das von der deutschen Delegation stark favorisierte Langfristziel „Dekarbonisierung“ im Vertrag auftaucht. Das heißt: der Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe in den nächsten Jahrzehnten, spätestens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Das war ein klares Signal an die Länder, die von Erdöl, Kohle und Gas abhängen und darauf setzen, dass die Ära der klimabelastenden Wirtschaftsweise allmählich zu Ende geht. Es wäre der Übergang in die neue Epoche der „low carbon future“, wie UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon in seiner Rede am Samstag zur Verabschiedung des Klimavertragsentwurfs nochmals wiederholte – als einziger allerdings, der das vor der abschließenden Abstimmung so deutlich aussprach.

          Dekarbonisierung wurde allerdings schon im vorletzten Vertragsentwurf zugunsten einer schwächeren „Emissionsneutralität“ ersetzt, die viele Schlupflöcher für die Anrechnung von natürlichen Kohlenstoffspeichern und vor allem eine Einladung für Klimamanipulations-Maßnahmen wie Geoengineering – großtechnologische Lösungen zur Minderung der Erderwärmung – war. Der „Koalition der Hochambitionierten“, die sich in Paris unter anderem mit Deutschland, der EU, den Vereinigten Staaten, den Inselstaaten und am Ende mehr als hundert Staaten gebildet hatte, war das zu wenig ehrgeizig. Anderen wie Saudi Arabien, China und Indien allerdings auch zu schon zu viel.

          Der Kompromiss, nun so schnell wie möglich aus der Fossilwirtschaft auszusteigen, ist ein klares Signal an Investoren. Das glaubt jedenfalls der Klimaberater Hans Joachim Schellnhuber, der sich als einer der ersten über die neue Lösung zufrieden gezeigt hat: „Wenn das hier so verabschiedet wird, bedeutet das, dass die Treibhausgasemissionen innerhalb der nächsten Jahrzehnte auf netto null gedrückt werden. Das deckt sich mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen, die zeigen, was getan werden muss, um Klimarisiken wie Wetterextreme und Meeresspiegelanstieg zu begrenzen.“ Möglichst vor 2030 sollten die Emissionen ihren Höhepunkt erreicht haben und nach 2050 rasch auf null sinken, was den starken und raschen Ausbau von regenerativen Energiequellen überall auf der Welt erforderlich machen dürfte. „Die Formulierung im Vertragstext“, so Schellnhuber, „schließt nicht aus, dass auch Geoengineering-Verfahren wie CCS oder der Ausbau von Biotreibstoffen genutzt werden können, doch der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Begrenzung der Kohlendioxidemissionen.“

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