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Veröffentlicht: 09.12.2015, 11:11 Uhr

Lima am Limit Kein Wasser

Die trockenste Hauptstadt der Welt platzt aus den Nähten, doch Limas Wassernotstand verschärft sich immer schneller. Wir dokumentieren in unserem Film den täglichen Kampf um wertvolle Tropfen.

von Joachim Müller-Jung (Text) und Gabriel Poblete Young (Film)
© Gabriel Poblete Young „Lima sin agua“

So was nennt man dann wohl Tropfen auf den heißen Stein - auch wenn es zuerst anders klingt. Eine Milliarde Euro, sollte man meinen, sind eine Menge Holz. Selbst in den Pariser Kongresshallen von Le Bourget, wo man auf dem Weltklimagipfel in diesen Tagen schon daran gewöhnt hat, um Hunderte Millionen und Milliarden zu feilschen, klingt eine Milliarde nicht eben kleinlich. Das Ganze hat dann auch noch einen durchaus passablen Namen erhalten: „Paris-Pakt“ klingt nach etwas Großem und würde den Zwei-Wochen-Verhandlungsmarathon auch im Abschlussdokument schmücken. Dort aber wird der „Paris-Pakt für Anpassungsmaßnahmen an Wasser- und Klimaveränderungen“ nicht auftauchen.  Der Paris-Pakt ist vielmehr eines dieser Nebenprodukte, wohlmeinende Allianzen, die man auf den Klimakonferenzen schon deshalb gerne sieht, weil sie die Zehntausenden Besucher auch während der stockenden Verhandlungsphasen  in dem halbwegs sicheren Gefühl lassen, dass doch etwas vorangeht.

37608132 © Gabriel Poblete Young Vergrößern Wasserversorgung am Rand von Lima.

Die eine Milliarde jedenfalls, die man für den Paris-Pakt bei Staaten, Megacities und Unternehmen zusammen gekratzt hat, wird am Ende unter so vielen Bedürftigen verteilt, dass sich damit kein einziges Problem wirklich löst. Ein besonders drastisches Beispiel ist Peru. Auch Peru soll – neben Dutzenden anderen Ländern -  aus dem Wasser- und Klimawandeltopf des Paris-Paktes schöpfen dürfen. Zusammen mit Ekuador , Brasilien und Kolumbien wird man Fördermittel der Europäischen Union für ein Dreijahresprogramm erhalten, das die Länder gegen die wachsende Wasserknappheit wappnen soll.

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Wasserknappheit – für Peru und speziell für die Hauptstadt Lima mit ihren nun schon zehn Millionen Einwohnern, ein kaum noch zu beherrschendes Problem. Die bewegenden Bilder und Filmsequenzen des deutsch-peruanischen Fotografen Gabriel Poblete Young zeigen das auf drastische Art: Tausende strömen in der Hoffnung auf ein besseres Leben jedes Jahr aus den Provinzen und den Bergen in die wild wuchernden Außenbezirke einer Stadt, die schon ihrer ungünstigen geografischen und klimatischen Lage wegen eine Wüstenstadt ist. Pro Jahr fallen hier im Schnitt nur neun Liter Wasser pro Quadratmeter (zum Vergleich. Beim Elbhochwasser 2002 fielen im Erzgebirge 312 Lieter an einem Tag) . Lima ist damit die trockenste Hauptstadt der Welt.

Eine Million Siedler am Rande Limas sind bereits heute weder an die Wasserversorgung noch an die Abwasserentsorgung angeschlossen, sie sind auf die Lieferungen der „Aguateros“ angewiesen – Tankwagenfahrer, die mit ihren schrittreifen Tankfahrzeugen das Wasser in die entlegenen Berghänge und Sandwüsten rund um Lima fahren – und sich teuer bezahlen lassen. Vier Fünftel des Abwassers aus Landwirtschaft und Industrie fließen ungeklärt in den Pazifik oder die Flüsse.

37608133 © Gabriel Poblete Young Vergrößern Trockenheit ist eine der größten Herausforderungen.

Als wäre dieser vollkommen ungeregelte Verstädterungsprozess nicht schon soziale Herausforderung genug, kommen nun die Folgen des Klimawandels obendrauf.  Nimmt man die Wasservorräte im ganzen Land, könnte Peru mit dem wertvollen Nass noch für lange Zeit gesegnet sein. 71 Prozent der tropischen Gletscher in den Anden gehören zu Peru, hier entspringt der Amazonas, der längste Fluss der Welt, und hier fließen auch tatsächlich fast fünf Prozent des weltweiten Flusswassers die Berge hinab. Nur: Es fließt fast alles in Richtung Atlantik. 

Auf der extrem trockenen Pazifikseite, dort, wo Küstenstädte wie Lima wuchern, aber schon von Natur aus die geringsten Niederschläge fallen, fehlt zunehmend frisches, verwertbares Süßwasser. Für eine Studie der Universität Zürich, die im August in der Zeitschrift „Environmental Research Letters“ erschienen ist,  sind die Klimadaten der Vergangenheit ausgewertet und die klimabedingten Veränderungen ausgerechnet worden. Ergebnis: Bis zum Ende des Jahrhunderts dürften in den peruanischen und bolivianischen Anden bis zu einem Drittel weniger Niederschläge fallen. Die Wahrscheinlichkeit von Dürrejahren werde sich vervierfachen. Die Niderschlagswahrscheinlichkeit in den Anden ist mehr als anderswo von den Luftströmungen weit über dem Gebirge abhängig, den Jetstreams. Den Schweizer Forschern zufolge dürften diese starken Westwinde über Peru bei steigenden Treibhausgaskonzentrationen deutlich zunehmen. Die Folge wäre, dass noch weniger feuchte Luft aus dem Amazonasgebiet Richtung Pazifikküste gelangt.

37608135 © AFP Vergrößern Schmelzende Anden-Gletscher: Der Pastoruri Mount sitzt auf 5000 Meter imHuascaran National Park in Ancash/Peru.

Damit ist aber vermutlich nicht einmal das größte Wasserproblem für das Millionenvolk in Lima beschrieben. Denn die Peruaner sind nicht nur abhängig vom Wasser, das aus den Wolken abregnet, sondern auch von dem Schmelzwasser, das von den riesigen Gletscherfeldern in den Anden-Hochregionen gebildet wird. In den peruanischen Gebirgen findet man die höchstgelegenen Eisschilder der Erde. Die Höhe schützt die Gletscher allerdings kaum vor den Folgen der galoppierenden Erwärmung: Nach den jüngsten Erhebungen des spätestens seit dem letztjährigen Klimagipfel bekanntesten Glaziologen des Landes, Cesar Portocarrero, schrumpfen die meisten der 2500 peruanischen Gletscher rapide - und schmälern damit sukzessive die Wasserreservoire für Millionen. Um 34 Prozent, sagte Portocarrero jüngst auf einer Veranstaltung der Unesco, seien die Eisschilder in den vergangenen vierzig Jahren geschrumpft. Und wenn die Geschwindigkeit des Gletscherrückzugs so weiter gehe wie bisher, seien die letzten Andengletscher schon in vierzig Jahren weitgehend verschwunden.

Es ist aber keineswegs nur das fehlende Wasser, es sind auch die Naturgefahren, die den Wissenschaftlern und Politikern des Landes Sorgen bereiten. Denn die gewaltigen Schmelzwasserseen, die sich anfangs bilden und auch gestaut werden, drohen bald zu bersten und mit gewaltigen Schlammlawinen ganze Städte wie die Provinzhauptstadt Huaraz mit ihren 120.000 Einwohnern unter sich zu begraben.

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