Nur ein kleines Bild erinnert an den Tag, der vieles für den Klimarat änderte. Gerahmt steht es in einem Büro hinter einem Schreibtisch in einem Bücherregal. Männer in Anzügen und Frauen in Kleidern sind darauf zu sehen. In ihrer Mitte eine Urkunde und eine Medaille. Fast alle lächeln, es sind Mitarbeiter der Zentrale des Klimarats. Sie halten die Urkunde, auf der der Namenszug Nobel zu lesen ist - es ist ein Bild aus dem Jahr 2007. Das Jahr, in dem der Klimarat zusammen mit Al Gore den Friedensnobelpreis erhalten hat. In der Begründung des Preiskomitees hieß es damals: „Für die Anstrengungen, ein breiteres Wissen über den menschengemachten Klimawandel zu schaffen und zu verbreiten und die notwendigen Grundlagen für die Anpassungen zu legen, die nötig sind, um diesem Wandel zu begegnen.“
„Das Jahr war in der Geschichte des Klimarats der Höhepunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit“, sagt Brenda Abrar vom Klimarat. Es war ein Jahr, das vieles veränderte. 2010 könnte wieder so ein Jahr werden.
Seit vielen Wochen schon sieht sich der Klimarat so heftiger Kritik ausgesetzt wie noch nie in seiner Geschichte - Schlagworte wie Pfusch, Arroganz und Panikmache prasseln unaufhörlich auf ihn ein. Die Reihen der Kritiker reichen von jenen, die schon immer an der Arbeit des Klimarats zweifelten, bis zu jenen, die schon für ihn gearbeitet haben. Als wissenschaftliche Politikberatung sollte es die Aufgabe des Intergovernmental Panel on Climate Change (kurz IPCC genannt oder eben Klimarat) sein, die Forschung aus aller Welt zum Klimawandel zusammenzutragen, um daraus einen einzigen Bericht zu destillieren. Auf dessen Grundlage sollten die Vereinten Nationen dann über den Schutz des Klimas verhandeln. Jetzt sagen immer mehr Kritiker, der Klimarat sei seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen.
Die Zentrale des Klimarats, das Sekretariat, liegt in Genf in einem Neubau, der wie ein Schiff aus grünem Glas anmutet. Kein Schild deutet auf den Klimarat hin, von seinen zehn schmalen Büros im achten Stock mit Blick hinaus auf den Genfer See muss man wissen. Der Klimarat ist hier nur Untermieter, Hausherr ist die „World Meteorological Organization“ der Vereinten Nationen. Das Jahr 2007 hat auch für Brenda Abrar vieles verändert - seit diesem Jahr arbeitet sie hier im achten Stock. Der Klimarat hatte entschieden, seine Hälfte des Preisgeldes in einer Studienstiftung anzulegen. Brenda Abrar leitet das Studienprogramm. In den Flyern, mit denen sie um junge Wissenschaftler wirbt, ist das Bild mit dem Nobelpreis-Zertifikat abgedruckt.
„Wir waren 2007 nicht auf das plötzliche Interesse vorbereitet“, sagt sie. In dem Sekretariat werden vor allem Termine und Reisen der Wissenschaftler koordiniert, Kontakte zu den Regierungen gehalten. Öffentlichkeitsarbeit und Krisenmanagement sind kaum vorgesehen. „2010 verspüren wir wieder einen ähnlichen Druck - nur diesmal nicht so angenehm.“
Kurz vor der Klimakonferenz in Kopenhagen hatte die Kritik an den Klimawissenschaftlern Fahrt aufgenommen: Hacker knackten Ende November vergangenen Jahres die Server der Universität East Anglia und veröffentlichten Tausende E-Mails und Daten von Wissenschaftlern im Internet. Das Material weist zumindest aus der Sicht vieler Kritiker auf den Versuch hin, Datensätze zu manipulieren. Beweise dafür gibt es bislang nicht, noch werden die Vorfälle untersucht. Sicher aber offenbarten die E-Mails Einblick in einen exklusiven Kreis von Wissenschaftlern, ihren Umgang mit Kritikern - „Idioten“ - und den eigenen Datensätzen - „Ich werde die Datei lieber löschen, als sie irgendjemandem zu senden“. Phil Jones, eine der zentralen Figuren in dem „climategate“ getauften Skandal, kommentierte vor einem Komitee im britischen Unterhaus die Vorwürfe so: „Ich habe ganz offenbar einige fürchterliche E-Mails geschrieben.“ Jones und die Forscher, mit denen er E-Mails schrieb, waren wichtige Datenlieferanten auch für den Klimarat. Die Glaubwürdigkeit hatte einen Riss bekommen.
Doch konnte trotz der E-Mails keine direkte Verbindung zu den Berichten des Klimarats gezogen werden. Die Qualitätsprüfungen - die stetige Prüfung der Texte durch Gutachter zum Beispiel - hätten standgehalten, hieß es. Brisant wurde die Situation jedoch, als auch der erste gravierende Fehler in dem jüngsten Bericht des Klimarats publik wurde: Die Gletscher des Himalaja könnten bis zum Jahr 2035 abschmelzen, heißt es da. Wissenschaftliche Belege für diese Zahl gibt es nicht, ungeprüft wurde sie übernommen. Der Riss weitete sich.
„Wenn Tausende Menschen an einem Bericht arbeiten, ist kaum zu vermeiden, dass später Fehler auftauchen“, sagt Brenda Abrar. Und: „Die Fehler haben aber keine Auswirkungen auf die Schlussfolgerungen im Bericht.“
Die erste Reaktion des Vorsitzenden des Klimarats, Rajendra Pachauri, klang weniger galant: Kritiker bezichtigte er der „Voodoo-Wissenschaft“. Als dann der Gletscherfehler schon durch die Medien ging, antwortete er in einem Interview mit dem Fachmagazin „Nature“ auf die Frage, ob all die Diskussionen der vergangenen Wochen die Glaubwürdigkeit des IPCC beschädigten: „Ich glaube nicht, dass die Glaubwürdigkeit des IPCC beschädigt werden kann. Wenn es den IPCC nicht gäbe, warum sollte sich dann irgendjemand um den Klimawandel sorgen?“ Seitdem forderten auch IPCC-Wissenschaftler seinen Rücktritt, und Kritiker mahnten, hier werde offenbar, dass Wissenschaftler auch Politik machen wollten. Wo einst nach dem Friedensnobelpreis die Glaubwürdigkeit glänzend und rein den Klimarat wie eine Mauer zu umgeben schien, klaffte plötzlich ein riesiges Loch.
„Wenn sie Jahre forschen, dann schätzen sie es auch, wenn ihre Ergebnisse wahrgenommen und beachtet werden“, sagt Brenda Abrar. Seine Rede bei der Konferenz in Kopenhagen eröffnete Pachauri mit den Worten, er freue sich, zu Beginn der historischen Konferenz sprechen zu dürfen - „welche, wie wir alle hoffen, zu Taten führt - Taten, wie sie dringend nötig sind auf der Basis der wissenschaftlichen Einschätzungen zum Klimawandel, festgehalten im vierten Sachstandsbericht des IPCC“.
Als der Klimarat 1988 gegründet wurde, waren ein von Menschen verursachter Klimawandel und dessen Folgen noch nicht auf der politischen Tagesordnung. Der Rat sollte dazu nicht forschen, sondern die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus aller Welt sammeln und in Berichten konzentrieren. Bislang gibt es vier dieser Sachstandsberichte - der jüngste erschien 2007, war Grundlage für Al Gores Film „Eine unbequeme Wahrheit“ und hatte den Friedensnobelpreis zur Folge. Die Berichte sollen Politikern wissenschaftlich fundierte Entscheidungen ermöglichen, diese aber nicht vorwegnehmen. Das Motto heißt „policy relevant, but not policy prescriptive“. Von Anfang an aber war es ein schmaler Grat zwischen wissenschaftlichem Anspruch und politischer Logik.
Die Sozialwissenschaftlerin Silke Beck hat eine Dissertation über den Klimarat geschrieben. Das Anliegen des Klimarats als Politikberatung, schreibt sie da, habe dazu geführt, dass die Wissenschaft politisiert und die Politik entpolitisiert worden sei - politische Konflikte wurden in die Wissenschaft abgeschoben. Diese musste Fakten liefern, mit denen sich die Politik um Diskussionen drücken konnte - was wissenschaftlich belegt scheint, muss nicht verhandelt werden. Die Wissenschaft musste sich dabei stets der politischen Einflussnahme erwehren. Schon über die Erstellung des ersten Berichts hat der erste Vorsitzende des IPCC, Bert Bolin, in einem Buch geschrieben: „Die politischen Instruktionen einiger Delegierter der dritten Gruppe waren deutlich.“ Regierungsvertreter durften damals noch direkt an den Berichtstexten mitverhandeln. Bis heute werden die führenden Wissenschaftler des IPCC von Regierungen nominiert. Immer wieder wurden die Strukturen und Arbeitsweisen des Klimarats angepasst, um politisch verwertbare Fakten liefern zu können, dabei aber den wissenschaftlichen Standards zu genügen. Seitdem haben viele tausend Wissenschaftler an den Berichten des Klimarats mitgearbeitet - unentgeltlich als Gutachter oder Autoren. 2007 haben sie alle eine Kopie des Friedensnobelpreis-Zertifikats zugesandt bekommen.
Thomas Stocker hat die Kopie in seinem Büro hängen. Stocker ist einer der prominentesten Wissenschaftler des Klimarats, seit 2008 ist er einer der Leiter der ersten Arbeitsgruppe. Stocker ist Umweltphysiker. Sein Büro hat er an der Universität Bern, in dem Haus für exakte Wissenschaften. Stolz sei er schon auf die Reproduktion der Urkunde, sagt er. Nie aber würde er sich in seinem Lebenslauf als Mitempfänger des Nobelpreises bezeichnen, so wie manche seiner Kollegen es täten. Wenn er Vorträge hält, lässt er aus den Ankündigungen der Veranstalter den Nobelpreis streichen.
Stocker kennt die Grauzone zwischen Wissenschaft und Politik bei der Arbeit für den IPCC genau. Er kann dazu auch eine Anekdote über den Arbeitsschritt erzählen, bei dem diese Linie wohl am schnellsten überschritten ist: bei der Zusammenfassung für die Politiker - einem wenige Seiten starken Papier, das aus dem Bericht mit mehreren tausend Seiten gewonnen wird. Ein Destillat aus dem Destillat also. Satz für Satz mit Regierungsvertretern abgestimmt.
Stockers Anekdote geht wie folgt: Mehrere Tage sollten die Abstimmungen für die jüngste Handreichung in Paris andauern. In einem Konferenzsaal sitzen in den Reihen Delegationen von mehr als hundert Staaten. Stocker sitzt auf dem Podium, als eine Passage zu den Veränderungen des Golfstroms abgestimmt wird, für die er verantwortlich ist. Ein Delegierter eines betroffenen Staates meldet sich, er sagt, es gebe Studien, die die Ausmaße weit dramatischer zeichneten - dies solle man doch deutlicher machen. Stocker erklärt, warum er zurückhaltend formuliert habe. Kein weiterer Einwand. Der Satz bleibt im Bericht. Stocker sagt: „Ich kann nur in die Zusammenfassung schreiben, was ich auch durch mehrere unabhängige Arbeiten wissenschaftlich belegen kann.“ Manchmal seien nur wenige Studien zu einzelnen Problemen vorhanden oder deren Ergebnisse sehr verschieden. „Dann liegt es in der Verantwortung der Forscher, das auch kenntlich zu machen.“
In dem Haus der exakten Wissenschaften werben in der Teeküche vor Stockers Büro Flyer um neue Masterstudenten der Klimawissenschaften. Der Punkt „Berufschancen“ beginnt mit dem Satz: „Der Klimawandel eröffnet neue wirtschaftliche, wissenschaftliche und administrative Aufgaben.“
Auch Hans von Storch hat eine Kopie des Nobelpreises erhalten. Er forscht in Deutschland zum Klimawandel, und er sagt, dass viele Wissenschaftler bei der Arbeit für den IPCC ihrer Verantwortung nicht immer gerecht geworden seien. Seine Kritik bezieht sich dabei fast ausschließlich auf die Arbeit der zweiten von drei Arbeitsgruppen. Die erste befasst sich mit den physikalischen Grundlagen des Klimawandels und ist kaum umstritten, bei der dritten werden Strategien behandelt, wie die Folgen des Klimawandels gemindert werden können. Bei der zweiten Arbeitsgruppe aber geht es um die direkten Auswirkungen des Klimawandels - der politisch und wissenschaftlich brisanteste Abschnitt des IPCC-Reports.
„Bei den Angaben zum Himalaja mag es Schlampereien gegeben haben“, sagt Storch. „Es gibt aber auch deutliche Hinweise auf bewusste Zuspitzung.“ Auch Storch kann dazu eine Anekdote erzählen: Als Gutachter Entwürfe für ein Kapitel des jüngsten IPCC-Berichts sahen, stolperten sie über ein Diagramm. Dort sei eine Grafik zu sehen gewesen, die einen Zusammenhang zwischen steigender Erderwärmung und steigenden Versicherungskosten nach Umweltkatastrophen suggeriert habe. Ein Zusammenhang, der nicht nachweisbar sei - zumindest aus Sicht der Gutachter. Sie wendeten sich an die Autoren, die Reaktion aber sei ernüchternd gewesen. Zwar wurden in der Endfassung des Berichts aus einer Grafik zwei Kurven. „Noch immer aber wird ein unzulässiger Zusammenhang suggeriert“, sagt Storch. Er und sein Kollege Roger Pielke jr. reisen derzeit mit einer Power-Point-Präsentation zu diesem Fall durch die Universitäten. Sie schließen mit der Feststellung, der IPCC habe seine Gutachter ignoriert und unveröffentlichtes, kontroverses Material verwendet - und damit seine Standards verletzt.
Wie viele Wissenschaftler hat auch Storch schon Reformvorschläge für den Klimarat gemacht: klare Trennung von Politik und Wissenschaft, unabhängige Beratung, mehr Mut zum Dissens. Die Reformvorschläge seiner Kollegen reichen bis hin zur Auflösung des Klimarats. Schnell müsse der Klimarat nun reagieren, sagt Storch, „damit er nicht auch die Reste seiner Glaubwürdigkeit verliert“.
„Lange Zeit waren die Wissenschaftler sich nicht bewusst, was für einen großen Einfluss ihre Arbeit hat“, sagt Brenda Abrar. Sie sitzt in ihrem Büro in dem grünen Schiff aus Glas mit Blick auf den Genfer See. Auf ihrem Tisch liegt eine Pressemitteilung der republikanischen Minderheitsgruppe im Umweltkomitee des amerikanischen Senats. Da heißt es, dass nach „climategate“ den Berichten des IPCC nicht mehr vertraut werden könne. Vor gut einer Woche haben die Umweltminister der Welt eine unabhängige Untersuchung der IPCC-Prozeduren beschlossen. Bis zum Oktober könnten die Ergebnisse vorliegen. Der für den amerikanischen Senatsbericht und die Pressemitteilung verantwortliche Senator Jim Inhofe nennt den Film von Al Gore in Radio und Fernsehen nur noch „Science-Fiction“, er spricht von dem größten Wissenschaftsskandal seiner Generation - und davon, dass auf Basis der IPCC-Berichte keine Gesetze mehr beschlossen werden dürften, schon gar keine Steuererhöhungen.
Brenda Abrar sagt: „Wir sind besorgt.“
Kommunikationsexperten sind gefragt
Horst Trummler (Vandale6906)
- 09.03.2010, 16:58 Uhr
Der Klimawandel kommt doch!!!
(zx10)
- 09.03.2010, 17:11 Uhr
Pachauri sagt die Wahrheit
Edgar Gärtner (Edsches)
- 09.03.2010, 18:15 Uhr
Woimien Zweifeln
Hans-Joachim Schulze (Schulze987)
- 09.03.2010, 18:43 Uhr
Nein, Herr Schulz,
Chi Tamago (tamago)
- 09.03.2010, 19:39 Uhr
