04.05.2007 · Die nötige Technik ist vorhanden, die Kosten bleiben moderat, das Ziel ist erreichbar: Der dritte Teil des Weltklimaberichts macht Hoffnung, dass die Folgen des Klimawandels in Grenzen gehalten werden können. Nur die Zeit läuft davon.
Von Joachim Müller-Jung und Konrad MrusekDie Ziele der internationalen Klimapolitik, an deren erster Stelle die Begrenzung der globalen Erwärmung um etwa zwei Grad in den kommenden Jahrzehnten steht, sind nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC mit den heute schon verfügbaren Techniken und zu vergleichsweise moderaten Kosten erreichbar. Das besagt der dritte Teil des vierten IPCC-Berichts, dessen „Zusammenfassung für Entscheider“ in den vergangenen Tagen von Wissenschaftlern und Regierungsvertretern aus mehr als hundert Ländern in Bangkok ausgearbeitet wurde.
Die für die Eindämmung des Klimawandels erforderliche Stabilisierung des nach wie vor steigenden Treibhausgasausstoßes müsste allerdings schon im nächsten oder in spätestens zwei Jahrzehnten erreicht werden. Sollte eine Stabilisierung der Emissionen der Treibhausgase gelingen und ein Niveau der Treibhausgasmengen erreicht sein, das etwa 500 Anteilen Kohlendioxid pro Million entspricht und damit etwas über den heutigen Treibhausgaskonzentrationen liegt, müsse der weitere Ausstoß sukzessive bis zur Mitte des Jahrhunderts um 50 bis 85 Prozent verringert werden.
Wachstum nur um 0,1 Prozent verringert
Der dazu erforderliche Umbau der Energieversorgung und -nutzung soll nach Einschätzung der IPCC-Arbeitsgruppe global gesehen im Jahre 2030 weniger als drei Prozent und 2050 etwa 1,3 Prozent des Weltbruttossozialproduktes kosten. Die Wachstumsraten der Länder würden jeweils um weniger als 0,1 Prozent verringert. Unter günstigen Bedingungen könnten nach den im Bericht aufgegriffenen Szenarienberechnungen die Streichung klimaschädlicher Subventionen, die zunehmende Verbreitung energiesparender Umwelttechniken und eine Ausweitung des Emissionshandels dazu führen, dass sich der Rückgang des Bruttosozialprodukts schon im Jahr 2030 auf 0,2 Prozent begrenzen lässt.
Ein weniger ehrgeiziges Stabilisierungsziel auf etwa 710 Anteile pro Million könnte sogar bedeuten, dass der Übergang zu umweltschonenden Techniken zu einem leichten Anstieg des Bruttosozialproduktes weltweit führen würde. Allerdings würde das bedeuten, dass die klimaschädlicheren Techniken länger genutzt und die Klimafolgen drastischer ausfielen.
Energie effizienter produzieren und nutzen
Im neuen Teilbericht des IPCC wird noch einmal deutlich gemacht, dass die jährlichen Emissionen an Treibhausgasen seit 1970 um 70 Prozent auf insgesamt etwa 49 Milliarden Tonnen gestiegen sind und um weitere 25 bis 90 Prozent steigen dürften, wenn keine neuen Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden. In dem in Bangkok beschlossenen 35-seitigen Dokument wird dafür plädiert, auf „allen Sektoren die vorhandenen Einsparpotentiale zu nutzen“.
Die größten Wirkungen verspricht man sich von einer Erhöhung der Effizienz in der Energieproduktion und -nutzung. Hier erwartet der IPCC weltweite Investitionen in Höhe von insgesamt mehr als 20 Billionen Dollar. Ein beträchtlicher Teil davon soll in den Ausbau der erneuerbaren Energien fließen. Mit Spannung war erwartet worden, wie die Nutzung der Kerntechnik in den Zukunftsszenarien berücksichtigt wird. In dem Bericht heißt es, dass die Atomkraft, die derzeit etwa 16 Prozent der Stromversorgung deckt, bis zum Jahr 2030 auf einen Anteil von etwa 18 Prozent kommen könne, „aber als Hindernisse bleiben Fragen der Sicherheit, der Waffenverbreitung und der Entsorgung“.
Bundesregierung fühlt sich bestätigt
In der deutschen Politik hat der neue Klimabericht ein ähnliches Echo ausgelöst wie seine Vorläufer: Die Regierung fühlt sich bestätigt, während die Opposition ein noch rascheres Handeln verlangt. Der Sprecher der Bundesregierung, Wilhelm, bezeichnete den Bericht insofern als ermutigend, weil er beweise, dass anspruchsvoller Klimaschutz wirtschaftlich tragbar sei. Die Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90 /Die Grünen, Künast, forderte die Bundeskanzlerin auf, ihre „warmen Worte“ nun endlich in eine ambitionierte Klimapolitik umzusetzen. Bundeskanzlerin Merkel erhielt Lob vom Direktor des UN-Umweltprogramms (Unep), Steiner. Er sieht im Klimabericht eine Ermutigung für die Kanzlerin und auch für Umweltminister Gabriel (SPD), weiterhin ambitionierte Ziele zu verfolgen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Jüngste Beiträge