Home
http://www.faz.net/-gwz-uq53
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Weltklimabericht Ihr kennt die wahren Gründe nicht

Die Berichte des Weltklimarats erschüttern die Menschen in allen Erdteilen. Der Paläoklimatologe Augusto Mangini erhebt Einspruch gegen die Ergebnisse: Er hält die Katastrophen-Szenarien für eine unnötige Dramatisierung.

© AP Stalagmiten wissen mehr als Baumringe

Die Berichte des Weltklimarats IPCC erschüttern die Menschen und Politiker in allen Erdteilen. Wenn, wie in dem morgen erscheinenden Teilbericht der zweiten Arbeitsgruppe, viele hundert, ja am Ende Tausende Wissenschaftler gemeinsam zu so besorgniserregenden Ergebnissen und Prognosen kommen, dann muss das stimmen, oder? Ich bin einer der Klimaforscher, die trotzdem skeptisch bleiben. Ich halte den Teil des IPCC-Berichts, den ich als Experte wirklich beurteilen kann, nämlich die Rekonstruktion des Paläoklimas, für falsch. Das lässt sich an einigen der bedeutendsten kulturhistorischen Entwicklungen, etwa am Aufstieg und Untergang Trojas, leicht nachvollziehen.

Die Behauptung, dass die jetzt stattfindende Erwärmung des Klimas nur mit der Erwärmung vor 120.000 Jahren vergleichbar ist, stimmt einfach nicht. Wir verfügen über Daten, die zeigen, dass es während der letzten zehntausend Jahre Perioden gab, die ähnlich warm oder sogar noch wärmer waren als heute. Ebenso ist es falsch zu behaupten, dass die jetzige Erwärmung sehr viel schneller abläuft als frühere Erwärmungen. Tatsache ist, dass es während der letzten zehntausend Jahre erhebliche globale und vor allem genauso schnelle Klimawechsel gegeben hat, die die Menschen sehr stark beeinflussten.

Mehr zum Thema

Ein sehr gutes Archiv

Die Paläoklimatologie in Heidelberg versucht seit vielen Jahren, die natürliche Variabilität des Klimas anhand von Stalagmiten zu rekonstruieren. Stalagmiten sind ein sehr gutes Archiv, weil sie exakt datiert werden können und weil sie in ihrer isotopischen Zusammensetzung eine Information mit sehr guter Auflösung über den Niederschlag und die durchschnittliche Temperatur beinhalten. Anders als bei Baumjahresringen, die das IPCC hauptsächlich zum Maßstab nimmt und die jene aus anderen Archiven gewonnenen Daten statistisch quasi erschlagen, kann die Variation der Isotope und somit der Zusammenhang mit der Temperatur mit unseren Daten physikalisch beschrieben werden. Auch wenn wir noch nicht alles wissen, können wir doch eine erstaunliche Klimavariabilität nachweisen. Zwischen dem Wärmemaximum in der mittelalterlichen Warmphase und der Kleinen Eiszeit haben wir an Stalagmiten Temperaturunterschiede von einigen Grad Celsius ermittelt. Die Temperaturunterschiede sind um fast eine Größenordnung höher als diejenigen aus den Baumringen. Das könnte daran liegen, dass die Variabilität des Klimas der Nordhemisphäre vorwiegend und am deutlichsten im Winter stattfindet, wenn Bäume „schlafen“.

Auf der Grundlage exakt untersuchter Stalagmiten beobachten wir Abschnitte mit mehr Winterniederschlägen und wärmeren Wintertemperaturen als heute: So etwa zwischen 7500 und 6000 Jahren vor heute, zwischen 5000 und 4200, zwischen 3800 und 3500 sowie zwischen 1400 und 800 Jahren vor heute. Es liegen inzwischen Datensätze von Stalagmiten und marinen Sedimenten weltweit vor, die synchrone Veränderungen in vielen Erdteilen aufzeigen - in Daten aus Europa ebenso wie aus der Karibik oder Südchile.

Das Beispiel Troja

Vielfach wird eine starke Korrelation zur Strahlungsintensität der Sonne beobachtet. Es muss jedoch noch unbekannte Verstärkermechanismen geben, denn die Variabilität der Sonneneinstrahlung ist zu gering, als dass sich derart deutliche Effekte im Klima damit allein erklären ließen.

Unsere Stalagmiten zeigen, dass bereits unsere Vorfahren unter dem Klimawandel gelitten haben. Troja ist in dieser Hinsicht einer der bestuntersuchten Orte und bietet die Möglichkeit, die Dramatik des natürlichen Klimawandels zu verfolgen. In Troja haben die Archäologen für die letzten 5000 Jahre mehrere Siedlungsperioden von je einigen Jahrhunderten Dauer registriert. Diese Siedlungsphasen sind bestens mit einer Vielzahl von Datierungen belegt. Fünf davon werden Blütephasen zugeordnet, die wichtigste war die von Homer beschriebene Phase VI vor 3750 bis 3300 Jahren. Sie wechseln sich mit Zeiten ab, in denen in Troja nur noch wenig menschliche Tätigkeit nachgewiesen wird. Die Abfolge dieser Phasen war für die Archäologen schon immer ein Rätsel.

Trockenheit als Untergang

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
+++ Klimaticker Juli +++ Operation Klima, Stern-Report, Meeresflüchtlinge

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update mit einer Einladung zum Klimafilmen und zum neuen verschärften Stern-Report. Mehr Von Joachim Müller-Jung

21.07.2015, 10:34 Uhr | Wissen
ARTE-Projekt Aufruf "Operation Klima"

Der Fernsehsender ARTE lädt dazu ein, in kurzen Videos ihre ganz persönliche Geschichte zum Thema Klimawandel zu erzählen. Operation Klima soll ein kollaborativer Dokumentarfilm werden. Mehr

29.07.2015, 14:22 Uhr | Wissen
Heute in der Zeitung Wenn wir alles vergessen

Alzheimer, Asteroidenforschung, Laien als Lebensretter, EU-Chemikalienverordnung Reach, Leukämietherapie - die Themen in der F.A.Z.-Mittwochsbeilage Natur und Wissenschaft. Mehr

29.07.2015, 06:00 Uhr | Wissen
6000 Jahre umarmt Archäologische Rarität in Griechenland entdeckt

Archäologen sind in Griechenland auf einen Sensationsfund gestoßen. Das Kultusministerium in Athen gab bekannt, dass in den Höhlen von Diros das Grab eines eng umschlungenen Paares gefunden wurde. Mehr

14.02.2015, 14:53 Uhr | Wissen
Urbane Sommerhitze Der Klimawandel kommt in die Stadt

Wenn die Temperaturen steigen, werden die Metropolen zu Hitzeinseln. Mehr Grün ist die Lösung. Doch wie verträgt sich das mit dem Ziel, mehr Wohnraum in unseren Städten zu schaffen? Mehr Von Birgit Ochs

21.07.2015, 10:05 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 05.04.2007, 17:51 Uhr