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Sonntag, 12. Februar 2012
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Waldrodung Mit den Bäumen stürzt die grüne Hoffnung

11.03.2008 ·  Wie die Statistik doch trügen kann: Das Abholzen der Regenwälder am Amazonas ging zwei Jahre rasant zurück. Doch dann kam wie stets zuvor der Anstieg. Als weitere Bedrohung kommt der Klimawandel. Jetzt sehen viele schwarz.

Von Joachim Müller-Jung
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Es ist der Kampf der Bilder gegen die Zahlen, der am Amazonas tobt: die Bilder eines Umweltministers, Valmir Gabriel Ortega aus dem Bundesstaat Para, der sich auf die Jagd nach Holzfällern und Landbesatzern gemacht hat. An seiner Seite einige hundert bis auf die Zähne bewaffnete Bundespolizisten und über ihm Armeehelikopter, die im Zusammenspiel mit Satellitenexperten des nationalen Fernerkundungszentrums die Einsatzkräfte lotsen. Ihre Fahndungsziele: illegale Holzfäller, brandrodende Landnehmer, unangemeldete Sojaproduzenten. So sieht der Regenwaldschutz in diesen Tagen im Nordosten Brasiliens tatsächlich aus. Es soll ein Signal der Entschlossenheit sein, das die Regierung Lula um die Welt schickt.

Gleichzeitig aber reißen jene unheilvollen Nachrichten nicht ab, die kurz vor Beginn der Polizeiaktion eine nur zwei Jahre anhaltende Phase der Hoffnung jäh beendet haben: Die Bäume fallen, und sie brennen wieder. Und wenn die Beobachtungen zutreffen, über die brasilianische und ausländische Wissenschaftler in diesen Tagen wieder verstärkt berichten, dann werden auch die ehrgeizigsten ökologischen Ambitionen am Amazonas kaum Früchte tragen.

Schwerer Rückschlag nach gefeierten Rückgängen

Die Heinrich-Böll-Stiftung muss von dieser Zuspitzung der Lage etwas geahnt haben. Allerdings ist sie ihr auch ein wenig selbst zum Verhängnis geworden. Denn Umweltminister Ortega, der als einer der Hauptredner des Amazonas-Kongresses in Berlin vergangene Woche eingeplant war, hatte kurzfristig wegen des Polizeieinsatzes alle Auslandstermine gestrichen. Statt seiner versuchten ein paar Dutzend Vertreter seiner Umweltbehörden sowie diverser anderer Forschungs- und Nichtregierungsorganisationen, die sich zuspitzende Situation am Amazonas zu erhellen.

Mehr als 7000 Quadratkilometer Urwald waren in den Monaten August bis Dezember des vergangenen Jahres abgeholzt worden. Das entspricht, hochgerechnet, den hohen Entwaldungsraten in den ersten Jahren dieser Dekade - ein schwerer Rückschlag nach drastischen und von der Regierung als Durchbruch gefeierten Rückgängen in den Jahren 2005 und 2006 um etwa jeweils die Hälfte. Die Schuld wird illegalen Rodungen durch Rinderzüchter, Sojaanbauer und Holzfäller gegeben. Ein makroökonomisches Phänomen, so sah es auf der Böll-Tagung Paulo Moutinho vom Institut für Umweltforschung in Amazonien (IPAM) in Belém. Immer, wenn wie jetzt die Weltmarktpreise für Soja, Fleisch und Holz kletterten, dazu noch die Nachfrage nach Bioethanol und Biodiesel stiegen und zu alledem die brasilianische Währung schwächele, reagiere der lokale Rodungsmarkt.

Abholzung werde sich beschleunigen

Das glaubt auch Jorg Zimmermann vom Umweltministerium, ein erfahrener Agrarforscher in Diensten der Regierung in Brasilia: „Einige Agrarproduzenten haben wieder versucht, Kapital aus den hohen Preisen zu schlagen. Der Staat muss da durchgreifen.“ Das ist freilich eine Herkulesaufgabe, der der Staat womöglich nicht - oder immer noch nicht - gewachsen ist. Denn zwar attestieren alle Fachleute der brasilianischen Regierung den Willen, die Abholzung des weltweit größten Regenwaldgebietes heute besser zu kontrollieren. Einige neuere Gesetze und Initiativen sind auf den Weg gebracht worden. Para etwa, der zweitgrößte Bundesstaat, der allein dreimal so groß ist wie Deutschland, hat gut ein Viertel der Waldfläche zu geschützten Territorien der indigenen Bevölkerung und ein weiteres Fünftel in Naturschutzgebiete des Bundes und des Landes verwandelt.

Außerdem muss jeder, der legal neues Land erwirbt und dafür Nutzungslizenzen erhält, mindestens achtzig Prozent als „Nachhaltigkeitsreserven“ unberührt lassen. Aber die wirtschaftliche Großwetterlage, die Moutinho in Berlin als einer der Antreiber der rapiden Abholzung beschrieb, entwickelt sich eher zuungunsten der Natur: Die Abholzung werde sich auf mittlere Sicht wohl sogar weiter beschleunigen, meint Moutinho, weil beispielsweise der absehbar steigende Fleischkonsum in China die Umwandlung von Wald- in Weideland immer profitabler mache.

„Optimismus wäre zu viel gesagt“

Tatsächlich soll sich die Zahl der Rinder in Brasilien seit Anfang der neunziger Jahre von 34 auf 73 Millionen mehr als verdoppelt haben, gut neunzig Prozent davon im Amazonasgebiet. Im Jahr 2004 stieg Brasilien zum weltgrößten Rindfleischexporteur auf. Ein Aufstieg mit einem ökologisch hohen Preis. Gut zwei Drittel der Abholzung am Amazonas - in vierzig Jahren sind das bereits rund 645.000 Quadratkilometer oder mehr als einmal die Fläche Frankreichs - gehen inzwischen auf das Konto der Viehzüchter. Meist sind es Großgrundbesitzer, wie Philip Fearnside vom Nationalen Institut für die Erforschung Amazoniens, kurz INPA, in Berlin deutlich machte. Aber oft sind es auch Kleinbauern, die die Arbeit übernehmen und die illegalen Rodungen vorantreiben.

Die ungeklärten Landrechte, um die sich bis vor zehn Jahren noch niemand gekümmert hatte, sind eine der Altlasten, die Brasiliens schwerfällige und gegen Korruption anfällige Bürokratie weiter mit sich herumschleppt. Das soll sich jetzt offenbar schnell ändern. Der Regulierung der Besitzverhältnisse und der kontrollierten Vergabe von Nutzungs- und Abholzungslizenzen in bestimmten Zonen gelte nach Aussagen von José Benatti, dem Leiter des staatlichen Instituts für Landfragen, zur Zeit das Hauptaugenmerk der Regierung. Doch bis heute konnten nur rund 30 Prozent der Kleinbauern und Familienbetriebe ihren Landbesitz legalisieren, gab Leticia Tura zu bedenken, die das nationale Programm für Ernährungssicherheit, Agrarökologie und solidarische Ökonomie (FASE) in Rio de Janeiro leitet. Von einem landesweiten Kataster ist man weit entfernt. „Ich mache mir Hoffnung“, meinte trotzdem Jorg Zimmermann vom Umweltministerium in Berlin auf die Frage, wie er die Chancen einer Eindämmung der illegalen Abholzung sieht. „Aber Optimismus wäre zu viel gesagt“, ergänzte er.

Eine zusätzlich globale Bedrohung

Gedämpft wird der Optimismus zusätzlich durch eine globale Bedrohung, die zur lokalen der Waldrodungen hinzukommt. Es ist der Klimawandel. Wolfgang Cramer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung versuchte zwar klarzumachen, dass die Klimaprognosen durchaus widersprüchlich und die von einigen Forschern prophezeite drastische Versteppung des Amazonasbeckens nur eine von vielen Möglichkeiten sei: „Es gibt keinen Grund für eine überwältigende Sorge.“ Aber Veröffentlichungen wie jene aktuelle Arbeit des amerikanischen Fernerkundungsspezialisten Daniel Nepstad vom Woods Hole Research Center in Falmouth zerstreuen solche Zweifel schnell.

Nepstad hat in der Zeitschrift „Philosophical Transactions“ der Royal Society vorgerechnet, dass die sukzessive Abholzung und nicht zuletzt die um sich greifende Zerstückelung der Regenwaldflächen das Verschwinden des gewohnten Lebensraumes beschleunige. Schon in wenig mehr als zwanzig Jahren soll gut die Hälfte des Regenwaldes verloren sein. Zu den heute achtzehn Prozent Waldverlust aufgrund der Rodungen kämen weitere Verluste durch die zunehmende Trockenheit. Das Ökosystem werde anfälliger, insbesondere in der Trockenzeit von Juli bis November, und in gut einem Viertel der Fälle durch das Ineinandergreifen von Fragmentierung und Austrockung möglicherweise irreversibel geschädigt.

Ein wichtiges Signal

Nepstad setzt ebenso wie Fearnside und viele andere auf die Klimapolitik und auf weitere Landreformen: Rinderherden etwa könnten auf vielen der schon entwaldeten Flächen auf das Achtfache aufgestockt werden. Und was die Klimapolitik angeht, könne der globale Kohlenstoffmarkt dafür sorgen, dass jeder Hektar Wald, der stehenbleibt und nicht gerodet wird, künftig einen Preis bekommt. „Der Urwald bekäme damit erstmals einen Preis und einen Wert“, sagte Fearnside in Berlin. „Das ist ein wichtiges Signal für die Bewohner am Amazonas.“ Ob es dazu kommt, wird sich aber erst in den nächsten beiden Jahren im Zuge der internationalen Klimaverhandlungen erweisen.

Quelle: F.A.Z., 05.03.2008, Nr. 55 / Seite N1
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