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Waldrodung : Mit den Bäumen stürzt die grüne Hoffnung

Allen Gesetzen zum Trotz: Die Entwaldung geht weiter, wie hier in Pará Bild: ASSOCIATED PRESS

Wie die Statistik doch trügen kann: Das Abholzen der Regenwälder am Amazonas ging zwei Jahre rasant zurück. Doch dann kam wie stets zuvor der Anstieg. Als weitere Bedrohung kommt der Klimawandel. Jetzt sehen viele schwarz.

          Es ist der Kampf der Bilder gegen die Zahlen, der am Amazonas tobt: die Bilder eines Umweltministers, Valmir Gabriel Ortega aus dem Bundesstaat Para, der sich auf die Jagd nach Holzfällern und Landbesatzern gemacht hat. An seiner Seite einige hundert bis auf die Zähne bewaffnete Bundespolizisten und über ihm Armeehelikopter, die im Zusammenspiel mit Satellitenexperten des nationalen Fernerkundungszentrums die Einsatzkräfte lotsen. Ihre Fahndungsziele: illegale Holzfäller, brandrodende Landnehmer, unangemeldete Sojaproduzenten. So sieht der Regenwaldschutz in diesen Tagen im Nordosten Brasiliens tatsächlich aus. Es soll ein Signal der Entschlossenheit sein, das die Regierung Lula um die Welt schickt.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Gleichzeitig aber reißen jene unheilvollen Nachrichten nicht ab, die kurz vor Beginn der Polizeiaktion eine nur zwei Jahre anhaltende Phase der Hoffnung jäh beendet haben: Die Bäume fallen, und sie brennen wieder. Und wenn die Beobachtungen zutreffen, über die brasilianische und ausländische Wissenschaftler in diesen Tagen wieder verstärkt berichten, dann werden auch die ehrgeizigsten ökologischen Ambitionen am Amazonas kaum Früchte tragen.

          Schwerer Rückschlag nach gefeierten Rückgängen

          Die Heinrich-Böll-Stiftung muss von dieser Zuspitzung der Lage etwas geahnt haben. Allerdings ist sie ihr auch ein wenig selbst zum Verhängnis geworden. Denn Umweltminister Ortega, der als einer der Hauptredner des Amazonas-Kongresses in Berlin vergangene Woche eingeplant war, hatte kurzfristig wegen des Polizeieinsatzes alle Auslandstermine gestrichen. Statt seiner versuchten ein paar Dutzend Vertreter seiner Umweltbehörden sowie diverser anderer Forschungs- und Nichtregierungsorganisationen, die sich zuspitzende Situation am Amazonas zu erhellen.

          Mehr als 7000 Quadratkilometer Urwald waren in den Monaten August bis Dezember des vergangenen Jahres abgeholzt worden. Das entspricht, hochgerechnet, den hohen Entwaldungsraten in den ersten Jahren dieser Dekade - ein schwerer Rückschlag nach drastischen und von der Regierung als Durchbruch gefeierten Rückgängen in den Jahren 2005 und 2006 um etwa jeweils die Hälfte. Die Schuld wird illegalen Rodungen durch Rinderzüchter, Sojaanbauer und Holzfäller gegeben. Ein makroökonomisches Phänomen, so sah es auf der Böll-Tagung Paulo Moutinho vom Institut für Umweltforschung in Amazonien (IPAM) in Belém. Immer, wenn wie jetzt die Weltmarktpreise für Soja, Fleisch und Holz kletterten, dazu noch die Nachfrage nach Bioethanol und Biodiesel stiegen und zu alledem die brasilianische Währung schwächele, reagiere der lokale Rodungsmarkt.

          Abholzung werde sich beschleunigen

          Das glaubt auch Jorg Zimmermann vom Umweltministerium, ein erfahrener Agrarforscher in Diensten der Regierung in Brasilia: „Einige Agrarproduzenten haben wieder versucht, Kapital aus den hohen Preisen zu schlagen. Der Staat muss da durchgreifen.“ Das ist freilich eine Herkulesaufgabe, der der Staat womöglich nicht - oder immer noch nicht - gewachsen ist. Denn zwar attestieren alle Fachleute der brasilianischen Regierung den Willen, die Abholzung des weltweit größten Regenwaldgebietes heute besser zu kontrollieren. Einige neuere Gesetze und Initiativen sind auf den Weg gebracht worden. Para etwa, der zweitgrößte Bundesstaat, der allein dreimal so groß ist wie Deutschland, hat gut ein Viertel der Waldfläche zu geschützten Territorien der indigenen Bevölkerung und ein weiteres Fünftel in Naturschutzgebiete des Bundes und des Landes verwandelt.

          Außerdem muss jeder, der legal neues Land erwirbt und dafür Nutzungslizenzen erhält, mindestens achtzig Prozent als „Nachhaltigkeitsreserven“ unberührt lassen. Aber die wirtschaftliche Großwetterlage, die Moutinho in Berlin als einer der Antreiber der rapiden Abholzung beschrieb, entwickelt sich eher zuungunsten der Natur: Die Abholzung werde sich auf mittlere Sicht wohl sogar weiter beschleunigen, meint Moutinho, weil beispielsweise der absehbar steigende Fleischkonsum in China die Umwandlung von Wald- in Weideland immer profitabler mache.

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