06.03.2008 · Wer den Regenwald schont und Abholzung vermeidet, soll nach den in Bali gefassten Beschlüssen der Vertragsstaatenkonferenz zur Klimarahmenkonvention künftig finanziellen Ausgleich erhalten: Als Zertifikate, die auf dem Kohlenstoffmarkt veräußert werden können.
Von Joachim Müller-JungWer den Regenwald schont und Abholzung vermeidet, soll nach den in Bali gefassten Beschlüssen der Vertragsstaatenkonferenz zur Klimarahmenkonvention künftig finanziellen Ausgleich erhalten: Als Zertifikate, die auf dem Kohlenstoffmarkt veräußert werden können. Damit soll ein Anreiz zum Schutz des Regenwaldes gegeben werden. Insbesondere die gewaltigen Amazonas-Wälder, die das größte Urwaldgebiet der Erde bilden, sind dafür vorgesehen. Sie haben schätzungsweise 90 bis 140 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Das entspricht etwa der gesamten Menge, die von den Industriestaaten bei den heutigen Emissionsmengen in annähernd hundert Jahren freigesetzt werden. Etwa ein Fünftel der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen werden der Entwaldung zugerechnet und 46 Prozent davon allein dem Amazonasgebiet.
Das Abbremsen der Abholzung könnte sich also hier besonders rechnen. Der Oxforder Ökologe Johannes Ebeling und Mai Yasué von der University of British Columbia in Vancouver haben unlängst ermittelt, dass auf diese Weise - abhängig vom Preis der Tonne Kohlenstoff - schon bei einer zehnprozentigen Verringerung der Entwaldung jährliche Einnahmen bis zu vier Milliarden Euro erzielt werden könnten. Wie die Forscher in den „Philosophical transactions“ der britischen Royal Society schreiben, könne man in Brasilien sogar mit Einnahmen von fünf bis dreißig Milliarden Euro rechnen, wenn man die Abholzungsrate um fünfzig Prozent verringere - theoretisch zumindest. Allerdings bleiben bisher viele praktische Hürden. Und zu den größten gehört die Frage, welche Abhlzungsrate man als Basis dieser Berechnungen künftig verwendet und wie vor allem die Angaben kontrolliert werden können.
Überwachung von Rodungsflächen
Auf die bisher ausschließlich von der Weltforstbehörde FAO verwendeten Daten und Messverfahren wird man kaum zurückgreifen können, nachdem vor kurzem Alan Grainger von der University of Leeds die schon seit langem kolportierte Unsicherheit der Satellitendaten und der von den einzelnen Ländern vorgebrachten Daten in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Bd. 105, S. 818) offengelegt hat.
Genügend Vertrauen verdienen nach Aussagen von Fernerkundungsspezialisten die neuen, vom japanischen „Alos“-Satelliten erzeugten Radarbilder. Damit lassen sich von Regen- und Rauchwolken ungetrübte Einzelbilder und Mosaikaufnahmen großer Waldflächen mit einer Auflösung von zwanzig Metern herstellen. Die japanische Weltraumagentur Jaxa hat den Satelliten vor zwei Jahren in die Umlaufbahn gebracht. Im vergangenen Herbst hat das mit dem „Palsar“-Radar ausgerüstete Gerät seine Eignung zur Waldbeobachtung mit Aufnahmen eines vierhunderttausend Quadratkilometer großen Gebietes im Amazonasbecken unter Beweis gestellt. Damit soll man auf den Bildern den Urwald von anderen Vegetationsformen und Landnutzungsformen leicht unterscheiden können. Werden die Pläne der Forstexperten verwirklicht, könnte der Satellit jedes Waldgebiet künftig alle sechs bis acht Wochen überfliegen und Aufnahmen liefern.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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