02.02.2007 · Die Spannung ist greifbar: Der neue Weltklimabericht, der an diesem Freitag veröffentlicht wird, wird unangenehme Wahrheiten enthalten. Auch die amerikanische Regierung wird sich den Fakten kaum noch entgegenstemmen können.
Von Joachim Müller-JungBis zur allerletzten Minute, wie in den Tagen zuvor bis in die Nacht hinein, brodelte und gärte es im Unesco-Gebäude. Ein riesiger Kochtopf. Zu sehen war davon an der Rue de Suffren wenig, denn die Einmachgläser, in denen hier die vorerst letzte Wahrheit über den Klimawandel verpackt werden sollte, diese neuen düsteren Kapitel aus dem vierten Bericht des zwischenstaatlichen Weltklimabeirates IPCC, die sollte auch vor dem allerletzten Konsensgespräch der Regierungs- und Wissenschaftlerdelegationen keiner zu sehen bekommen. Draußen aber zog schon ein gewaltiger Sturm der Spekulationen auf.
Viele der Wissenschaftler und Regierungsdelegierten machten sich mit E-Mails Luft, aus den Lecks sickerten niederschmetternde Zahlen und Botschaften, und dies sollte - man war ja nicht bei der Papstwahl - auf die Diskussion im IPCC-Plenum zurückfallen. Rückkoppelungseffekt heißt so was im Klimadeutsch. Eines der heißen Gerüchte: Die Amerikaner - man war, als das aufkam, im rhetorischen Ringkampf noch auf Seite fünf von vierzehn des „Summary for Policymakers“ - hätten strenge Anweisung, die Formulierung über einen möglichen Zusammenhang zwischen der globalen Erwärmung und dem Auftreten von tropischen Wirbelstürmen abzuschwächen.
Erstmals: Globale Erwärmung erzeugt mehr Hurrikane
Ein neues übles Spiel der Amerikaner? Neue Manipulationsversuche an der Klimaforschung, wie sie in den letzten Tagen bei den Anhörungen von hundert amerikanischen Klimaforschern in Washington ans Tageslicht gekommen waren? Jeder weiß: „Katrina“, „Wilma“, „Andrew“, das sind die Namen verheerender Hurrikans, die jedem Amerikaner den Schreck in die Glieder jagen. Wenn jetzt also - zum erstenmal - im Weltklimabericht eine klare Verbindung von Wirbelstürmen und der von den Treibhausgasen angefachten Erwärmung hergestellt werden würde, wie sollte da die Bush-Regierung noch seriös gegenhalten? Wie sollte sie sich dann, bei allem zaghaften Entgegenkommen in der Klimapolitik wie jüngst in Bushs Rede zur Lage der Nation, den weiteren Verschärfungen der Emissionsregelungen und dem Vorpreschen der Kyoto-Staaten widersetzen?
Den Daumenschrauben der Hurrikanexperten innerhalb des IPCC zu entkommen schien vor der Pariser Sitzung freilich aussichtslos. Denn die hatten in den Monaten und Jahren davor nicht nur fleißig Ergebnisse gesammelt, die einen Zusammenhang von Wirbelstürmen und Klimawandel belegen sollen, sie haben auch den wichtigsten Kontrahenten elegant ins Abseits gestellt: Chris Landsea, einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet, hatte sich in einem vor zwei Jahren verfassten offenen Brief aus der Arbeit an dem neuen IPCC-Bericht zurückgezogen. Landsea arbeitet am National Hurricane Center und ist damit Staatsdiener in der Behörde für Ozeanographie und Atmosphärenforschung, kurz Noaa. Auf ihn berufen sich gerne republikanische Politiker, wenn es darum geht, den Zusammenhang von Klima und Wirbelstürmen in Frage zu stellen. Allein schon deshalb war er für die meisten IPCC-Autoren ein schwieriger Diskussionspartner.
Streit um Anteil des Menschen am Klimawandel
Kevin Trenberth, sein wissenschaftlischer Gegenspieler, arbeitet ebenfalls an einer Staatsbehörde, am Nationalen Zentrum für Atmosphärenforschung, und als IPCC-Hauptautor hatte er Landsea um Unterstützung gebeten. Landsea hatte bereits an den beiden IPCC-Berichten 1995 und 2001 mitgewirkt und sollte einen Entwurf schreiben. Schon kurz nach Landseas Berufung aber, auf einer viel beachteten Pressekonferenz in Harvard, gab Trenberth mit einigen Kollegen die Überzeugung zu Protokoll, dass ein großer Teil der Hurrikan-Aktivitäten inzwischen auf den anthropogenen Klimawandel zurückzuführen sei - ohne Rücksprache, vor allem aber entgegen den langjährigen Beobachtungen und Analysen Landseas. Der Hurrikanforscher sah das IPCC „politisiert“ und seine Arbeit einer wissenschatflich belastbaren Aussage über die Hurrikanentwicklung „kompromitiert“ und „diskreditiert“.
Landsea hat den beschleunigten Klimawandel nie geleugnet oder in Frage gestellt. Aber er bestreitet, dass die Erwärmung der Luft und der Meere bislang und in nächster Zukunft die komplexen Bildungsprozesse von tropischen Wirbelstürmen entscheidend verändert. Zyklone, wozu Hurrikans und Taifune zählen, speisen ihren Energiehunger entscheidend aus warmem Meerwasser. Aber bis es wirklich zur Bildung eines großen Wirbelsturms kommt, müssen noch viele andere physikalische Faktoren stimmen. Um allenfalls fünf Prozent werde sich die Zahl der stärksten Zyklone aus den obersten Kategorien bis zum Ende dieses Jahrhunderts erhöhen, schrieb Landeas noch vor einem halben Jahr in der international renommierten Zeitschrift „Science“.
Veränderte Klimatologie im 21. Jahrhundert
Fast genau einen Monat nachdem sein Gegenspieler Trenberth in einem etwas unbedeutenderen Fachblatt der Geophysiker die desaströse Aufeinanderfolge von „Katrina“, „Wilma“ und dreizehn weiteren Wirbelsturmriesen an Amerikas Küsten im Jahr 2005 auf den globalen Klimawandel schieben wollte. Ein Prestigeerfolg für Landsea, mehr nicht. Denn auch die wichtigste Wissenschaftlervereinigung, die American Geophysical Union, hatte im Juni ihr Urteil gefällt und „die Häufung von starken Hurrikans und heftigem Niederschlag in jüngster Zeit“ auf die Klimaerwärmung zurückgeführt. Intensität und Zahl der Wirbelstürme dürften auch künftig wie seit den siebziger Jahren steigen, und weiter heißt es dort: „Die Klimatologie der Hurrikans im zwanzigsten Jahrhundert wird sich grundlegend von der des einundzwanzigsten Jahrhunderts unterscheiden.“ So starke Sätze waren bis gestern Abend in Paris noch selten zu hören.
Schon bekannte Kernaussagen der Klimaberichts
So sicher wie nie zuvor steht fest, dass der Mensch das Klima der Erde und damit seine Lebensgrundlage verändert.
Anstieg der Temperaturen in den nächsten 30 Jahren um rund 0,7 Grad Celsius, hierüber bestehen wenig Zweifel.
Bis 2100 könnte die mittlere Temperatur gar um bis zu 5,8 Grad steigen - abhängig von der Menge der freigesetzten Treibhausgase.
Die stärkste Erwärmung wird in den hohen nördlichen Breiten erwartet, daher wird viel Eis schmelzen und der Meeresspiegel steigen.
Weniger betroffen sind die südlichen Ozeane und der Nordatlantik.
Stärkere Niederschlagshöchstwerte in den Tropen, Grönland möglicherweise innerhalb der nächsten 1000 Jahre eisfrei.
Verlagerung der wirtschaftlich bedeutenden ertragreichen Fischgründe.
(2500 Forscher seit 1990, 450 Autoren des Berichts)
Daily Error: Ganz kalt
Jonas Hesselbrinck (Daily-Error.de)
- 02.02.2007, 20:56 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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