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Vor dem Gipfel : Klima-Gate

Klimabericht „The Copenhagen Diagnosis”: Hat man sich „Tricks” bedient? Bild: UNSW Climate Change Research Centre

Ist der von Menschen verursachte Klimawandel nicht mehr als nur eine Verschwörung unter Klimaforschern? Das legt aus Sicht von skeptischen Wissenschaftlern der E-Mail-Verkehr zwischen prominenten Forscher-Kollegen nahe, die ein Hacker öffentlich machte.

          Kopenhagen hat sein „Climategate“: Der Watergate-Skandal brachte Richard Nixon zu Fall, Monica-Gate zerstörte die Glaubwürdigkeit Bill Clintons, und jetzt also Klima-Gate - der Verdacht, dass der menschengemachte Klimawandel nicht mehr ist als nur eine Verschwörung unter Klimaforschern. Das zumindest legen aus Sicht von Leugnern des Klimawandels E-Mails zwischen prominenten Forschern nahe.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Der Skandal nahm gemächlich seinen Lauf. Am 17. November verschaffte sich ein Hacker Zugang zu einem Server der Universität East Anglia im britischen Norwich. Er kopierte etwa 1000 Mails und 3000 Dokumente von mehr als 20 Klimaforschern und stellte sie ins Internet. Bis ins Jahr 1996 reichen die Datensätze zurück: Es ist der vertrauliche Schriftverkehr über die wissenschaftliche Arbeit und den Umgang mit Klimakritikern. Bei den Debatten über den Klimawandel nimmt die Universität East Anglia eine exponierte Stellung ein: Der Klimarat der Vereinten Nationen (IPCC) bezieht sich immer wieder auf Forschungsergebnisse der Klimaabteilung der Universität (CRU). Phil Jones, der Leiter der CRU, gehört zu den berühmtesten Klimaforschern der Welt. Seit Montag hat er vorläufig sein Amt ruhen lassen.

          Manns „Trick“

          Erst drei Tage nach dem Hackerangriff, am 20. November, meldete die „New York Times“, dass E-Mails von Klimaforschern gestohlen wurden, und zitierte aus ihnen. So heißt es in einer E-Mail, alle Skeptiker des Klimawandels seien „Idioten“. Besonders brisant aber ist eine Mail vom November 1999, in der Jones einem Kollegen anvertraut, wie er in einer Klimastatistik einen ihm nicht genehmen Temperaturrückgang versteckt. Er habe sich des „Tricks“ Michael Manns bedient. Mann ist Mitautor des erst vor wenigen Wochen veröffentlichten Klimaberichts „The Copenhagen Diagnosis“, der als legitime Fortschreibung des IPCC-Weltklimaberichtes angesehen wird und in dem ein weit schnellerer Klimawandel vorhergesagt wird als bislang bekannt. Jones' Trick bezog sich, wie er schrieb, auf ein Klimamodell, in dem Klimaveränderungen über die Jahrhunderte mit Hilfe von Baumringen bestimmt werden. Nun begab es sich aber, dass das Modell für die jüngst vergangenen Jahrzehnte einen Rückgang der Temperatur verzeichnet. Das passte ihm nicht.

          Also verwendete Mann für die Darstellung der unliebsamen Jahre simple mit Thermometer gemessene Temperaturen - die eine Klimaerwärmung erkennen lassen. Ob Manns Baumrinden-Modell nun also auch für weiter zurückliegende Jahrhunderte korrekt sein kann, ist schwer zu überprüfen. Echt sind zumindest die E-Mails. Bereits am 23. November bestätigte die Universität East Anglia, dass die Daten und E-Mails echt seien und die Polizei eingeschaltet wurde.

          „Wissenschaftler machen Politik“

          „Mann ist ein Aktivist und Lautsprecher, der die Meinung anderer Forscher aus der Diskussion heraushalten will“, sagt Hans von Storch, der Leiter des Instituts für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht. Von Storch hat selbst Gutachten für das IPCC angefertigt. Am Weltklimarat aber lässt er kein gutes Haar: „Das IPCC soll Politikern eigentlich den Stand der Wissenschaft referieren. Stattdessen machen dort Wissenschaftler selbst Politik.“ So werden im IPCC „Konkurrenten“ mit abweichenden Meinungen „herausgehalten“.

          Für Skeptiker, die am vom Menschen verursachten Klimawandel zweifeln, sind die Mails der Beweis für Manipulation und Absprache. Für andere handelt es sich nur um einen Übersetzungsfehler: Das englische „Trick“ kann vielleicht am ehesten mit „Kniff“ übersetzt werden. Eine Verschwörung wittern daher auch jene, die nicht am Klimawandel zweifeln: Dass die Mails nur wenige Wochen vor Beginn der Klimakonferenz in Kopenhagen am kommenden Montag veröffentlicht wurden, sei „unglücklich, aber nicht zufällig“, sagt etwa Martin Kaiser, der klimapolitische Koordinator von Greenpeace.

          Auch Hans Joachim Schellnhuber, Klimaberater der Bundesregierung und Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, hält die Veröffentlichung der E-Mails vor allem für ein „Störmanöver“ jener, die darauf hofften, dass die Klimakonferenz scheitert. Bei Veröffentlichungen in Fachmagazinen und auch beim Klimarat würden die Ergebnisse zuvor stets von Kollegen bewertet: „Da sind die größten Konkurrenten die letzte Kontrollinstanz.“ Hätte es trotzdem Manipulationen gegeben, sagt Schellnhuber, hätten alle Klimaforscher schon über Jahre schlafen müssen, damit dies nicht früher aufgeflogen wäre.

          „Climategate“ im Kongress

          Sowohl die Universität East Anglia als auch die Universität Pennsylvania State, an der Michael Mann lehrt und forscht, haben unterdessen eine Untersuchung angekündigt, ob sich die Forscher auch an wissenschaftliche Regeln gehalten haben. Das Ergebnis der Universität East Anglia könnte schon am Freitag vorliegen. Und sollte es Jones entlasten, könnte dieser schnell wieder Leiter der CRU werden.

          Doch Klima-Gate ist längst zum Politikum geworden: In der Nacht zum Donnerstag hat der amerikanische Kongress über „Climategate“ debattiert. Parlamentarier lasen sich gegenseitig aus den gehackten E-Mails vor. John Holdren, der wissenschaftliche Berater des Präsidenten, von dem ebenfalls Mails unter den veröffentlichten zu finden sind, sagte während der Debatte, der „Großteil“ der Klimaforschung werde durch diesen Skandal nicht beeinflusst. Im Bundestag hingegen wurde zwar am Donnerstag über Klimapolitik debattiert - Klima-Gate aber war kein Thema. Das könnte sich aber noch ändern: Denn schließlich hat auch erst die Aufregung, die sich über Tage im Internet staute, das Thema überhaupt in die Öffentlichkeit geschoben. Mittlerweile hat der Skandal sogar seinen eigenen Eintrag in der englischen Ausgabe des Internetlexikons Wikipedia - zu finden über das Stichwort „Climategate“.

          Quelle: F.A.Z.

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