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UN-Naturschutzgipfel Japanische Seelenmassage für Planet Erde

 ·  Es drohte ein Desaster, doch Gastgeber Japan bewies meisterliches Diplomatengeschick: Der Weltnaturschutzgipfel in Nagoya wird als historischer Erfolg gefeiert. Nicht nur wegen der Ergebnisse für den Natur- und Artenschutz, sondern auch wegen der heilsamen Wirkung nach dem Klimadebakel von Kopenhagen.

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Zufriedenheit allenthalben. Selten hat man die Umweltbewegten in den vergangenen Jahren so erleichtert erlebt wie in diesen Stunden nach dem Verhandlungsmarathon von Nagoya . Weit nach Mitternacht ging der Weltnaturschutzgipfel zu Ende, verspätet, wie es sich abgezeichnet hatte, aber dann doch mit einem Abschluss, den viele Beobachter zu Recht als historisch bezeichnen und dessen Folgen dennoch im Alltag der Menschen kaum zu spüren sein dürften.

Dabei hing um kurz vor Mitternacht japanischer Zeit, dem offiziellen Ende, die Veranstaltung am seidenen Faden. Der grünen Weltinnenpolitik drohte ein weiteres Desaster. Weltinnenpolitik, das ist seit dem „Erdgipfel“ von Rio vor achtzehn Jahren der gemeinsame Fluchtpunkt aller umweltpolitischen UN-Verhandlungen, die praktisch jedes Jahr abertausende Delegierte, Aktivisten und Beobachter an die entlegensten Zipfel des Globus locken. Ein weltumspannender rhetorischer Zirkus, die Bühne der Diplomaten und großen Worte - oft genug ein vergebliches Bemühen.

Diesmal nicht. Nach dem Debakel der Klimapolitik von Kopenhagen, als die Verhandlungen von annähernd zweihundert Staaten in einem Chaos von Floskeln, Beschuldigungen und Durchhalteparolen endeten, war offenbar wieder die Zeit reif für einen Fortschritt. Forschritte, das sind in der globalen Umweltpolitik immer kleine Schritte, Kompromisse, umständlich formulierte Formeln, die extrem auslegungsbedürftig sind. So auch in Nagoya.

Konzentration auf die Abarbeitung der drei Kernthemen

Als der japanische Umweltminister Ryu Matsumoto den Delegierten aus 193 Staaten am letzten Tag seinen Kompromissvorschlag für das sogenannte „Nagoya-Protokoll“ gegen die Biopiraterie vorlegte, war keineswegs klar, ob es ihm gelingen würde, den in zweiwöchigen Verhandlungen festgefahrenen Karren wieder ans Laufen zu bringen. Oder ob es ihm wie dem dänischen Amtskollegen in Kopenhagen vor Jahrsfrist ergehen sollte, der mit seinem hastig gezimmerten Kompromissvorschlag eine Bauchlandung erlebt hatte. Matsumoto konnte auch eine halbe Stunde vor Mitternacht nicht ahnen, wie er da rauskommt - als Gewinner oder als Gescheiterter.

Das war der Zeitpunkt, als sich die Frage über Erfolg oder Misserfolg der Nagoya-Verhandlungen auf die Abarbeitung der drei Kernthemen konzentrierte: Ein völkerrechtlich bindendes ABS-Protokoll, das von nun an unter dem Label „Nagoya-Protokoll“ firmierte und in dem der Zugang zu genetischen Ressourcen geregelt und die Entschädigung durch die Nutznießer in Pharma- und Kosmetikindustrie („Access and Benefit Sharing“) festgelegt werden soll. Außerdem der „Strategische Plan“ mit zwanzig zentralen Naturschutzzielen bis 2020 sowie die Fragen eines neuen „finanziellen Mechanismus“.

Die Europäische Union wollte eine gemeinsame Abstimmung aller drei Dokumente, um zu verhindern, dass möglicherweise unzufriedene Entwicklungsländer zwar das ABS-Protokoll durchwinkten, das ihnen die endgültige Kontrolle und Beteiligungen an der Nutzung von Naturrohstoffen gewährt, aber den von Europa energisch vertretenen „Strategischen Plan“ und die extrem vorsichtig formulierten Finanzierungsbestimmungen ablehnten.

Matsumoto bewies meisterliches Diplomatengeschick

Die europäische Delegation scheiterte. Einige sozialistische Staaten Südamerikas mit Bolivien und Kuba an vorderster Stelle, bestanden darauf, zuerst über das lange Zeit umstrittenste Papier - das „Biopiraterie“-Protokoll - abzustimmen und anschließend die beiden restlichen, noch mit Klammern (und damit Diskussionsstoff) versehenen Texte zu verhandeln. Die Argumente wurden hin- und hergeschoben. Matsumoto blieb gelassen und agierte geschickt, kurze Rücksprache in den Debattenpausen, dann ein entschlossener Vorschlag zur Güte.

Nur einmal, als das Nagoya-Protokoll schon einstimmig beschlossen und der Strategische Plan semantisch bereinigt und die Kompromisszahlen eingefügt waren, da sah man Matsumoto anderthalb Stunden nach Mitternacht vor Schreck fast erstarrt. Boliviens Delegation sah sich bei der Abstimmung über ein Finanzierungsdokument mit seiner Wortmeldung übergangen, wollte einen Vorbehalt in dem offiziellen Nagoya-Abschlusspapier formuliert haben, und drohte noch einmal, alle drei Beschlüsse im Nachhinein platzen zu lassen.

Auch in dieser Situation bewies Matsumoto meisterliches Diplomatengeschick. Nagoya war gerettet. Und mit ihm die internationale Umweltpolitik, wenn man so will. Denn alle wussten: Wenn es nach mehr als anderthalb Jahrzehnten Verhandlungen um das ABS-Protokoll nicht gelingen würde, diese harte Nuss endlich zu knacken und die Entwicklungsländer an dem von allen seit Rio anerkannten fairen Ausgleich für die Genressourcennutzung durch ausländische Firmen zu beteiligen, dann wäre nach Kopenhagen das seit dem Erdgipfel avisierte ökologische Gesamtvorhaben endgültig in der Sackgasse.

An Geld mangelt es nicht

Jetzt ist die Trendwende augenscheinlich geschafft, das hoffen zumindest die meisten Beobachter. Heraus aus der Sackgasse war das Ziel. „Die Delegierten haben nach achtzehn Jahren die Blockade überwunden“, reagierte begeistert der World Wide Fund for Nature (WWF), allerdings habe die Sache auch einen Haken: „Wir sind enttäuscht, dass die meisten Staaten mit leeren Händen nach Nagoya gekommen sind.“ Viele Fragen, wie die nachhaltige Finanzierung der sorgfältig formulierten Naturschutzziele gesichert werden soll, sind tatsächlich offen geblieben.

Bis 2012 will man einen Finanzierungsfahrplan festlegen. Dabei mangelt es am Geld für Natur- und Artenschutzprojekte derzeit eigentlich nicht. Gut drei Milliarden Euro stehen derzeit aus dem entsprechenden Topf der Vereinten Nationen, dem GEF, zur Verfügung. Schwierig ist vielmehr die Frage, wer das Geld schnell abrufen kann und sollte, wo das Geld am besten angelegt ist und wer profitiert. Die Evaluierung von Naturschutzprojekten ist eine besondere Herausforderung, weil die Mittel auch ganz schnell irgendwo versickern und die Nachhaltigkeit der Maßnahmen oft nicht garantiert werden kann. Japan zumindest hat als Gastgeber zusätzliche zwei 1,4 Milliarden Euro für die nächsten drei Jahre zugesagt.

Keine klare ökologische Trendwende

Seit Jahren nimmt die Fläche der Schutzgebiete zu, um durchschnittlich zweieinhalb Prozent. Gut 133.000 Reservate zählt man weltweit, knapp 13 Prozent der Erdoberfläche sind das heute. Im Strategischen Plan von Nagoya hat man sich für das Jahr 2020 zum Ziel gesetzt, insgesamt mindestens 17 Prozent der Landfläche und zehn Prozent der internationalen Meeresgewässer unter Schutz zu stellen. Für Russell Mittermeier von der weltweit agierenden Naturschutzorganisation Conservation International ein realistisches und deshalb brauchbares Resultat: „Die Vereinbarung kommt zu einem richtigen Zeitpunkt, denn die Lebensräume sind in vielen Weltregionen immer stärker unter Druck geraten. Wir haben uns 25 Prozent Land und 15 Prozent der Ozeane unter Schutz gewünscht, jetzt müssen wir sehen, dass die vereinbarten zusätzlichen vier Prozent Reservate möglichst rasch in den Brennpunkten der biologischen Vielfalt geschaffen werden.“

Weitere in Nagoya formulierte Ziele sind: Der Verlust an Naturlebensräumen, inklusive der Wälder, soll bis 2020 halbiert, die Überfischung der Meere gestoppt und das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, die heute auf der Liste der am meisten bedrohten Arten stehen, verhindert werden. Schädliche Subventionen in den Staatshaushalten, die dem Naturschutzgedanken entgegenwirken, sollen abgebaut werden. Forderungen also, die viel Zustimmung auch in Umweltschutzkreisen finden, die allerdings auch wie schon bei dem vor acht Jahren beschlossenen Aktionsplan zum Stopp der Lebensraum- und Artenverluste so unverbindlich sind, dass man in dieser Hinsicht noch kaum berechtigt von einer klaren ökologischen Trendwende sprechen kann.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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