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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tunesien Pionierarbeit mit Ziege in der Wüste

 ·  In Bali tagt die Weltklimakonferenz - in Tunesien warten die Bauern auf Regen. Die Regierung versucht, ihnen im Kampf gegen Trockenheit und Erosion zu helfen. Doch es ist ein langer Weg bis sie sich von ihren bisherigen Methoden verabschieden.

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Hamdi Moktar sieht die Gräben, die sich durch sein Land ziehen, jeden Tag. Aber er macht nicht den Eindruck, als hätte er durchschaut, dass die freundliche Unterstützung, die ihm die Regierung seit kurzem zukommen lässt, vor allem mit den gezackten Furchen im ausgedörrten Boden zu tun hat. „Früher konnte ich von einem Hektar Land etwa 500 Kilogramm Getreide ernten, heute sind es 2500 Kilogramm“, sagt der untersetzte Mann mit dem kahlen Haupt. Über Erosion macht er sich nicht so viele Gedanken.

Unter einem seiner drei Olivenbäume zerrt der neue Ziegenbock an der Leine. Die Mitarbeiter des Umweltprojektes haben ihn eigens aus einer Aufzuchtstation im Süden des Landes angeschafft und in Moktars Hände gegeben. Der Bock soll frisches Blut in die Herden der Bauern bringen, erklärt Abdelmajid Jemat von der tunesischen Umweltbehörde. Man erhoffe sich davon, dass die Ziegen der nächsten Population mehr Milch geben, die Bauern insgesamt also weniger Tiere benötigten - und damit auch weniger Ziegen auf den Hängen grasen, wo sie die ohnehin raren und wertvollen Büsche fressen. Den Behörden in Tunis geht es darum, den ausgezehrten Boden zu schonen - Hamdi Moktar freut sich lieber über die größeren Erträge.

Die Regierung lehrt die Bauern

Irgendwann kamen Männer der Regierung aus Tunis mit Schautafeln und Diagrammen zu ihm und den anderen Bauern von Oued el Gssab, um ihnen neue landwirtschaftliche Methoden beizubringen. Sie sollen, wie es aus der Umweltbehörde heißt, ihre Art zu wirtschaften der zunehmenden Trockenheit anpassen - und dem Klimawandel. Die Frauen werden nicht unterwiesen, dabei verrichten vor allem sie das Tagewerk. Die Männer hocken im Schatten und verbringen die Zeit damit, zu rauchen, Tee zu trinken - und auf den Regen zu warten.

In den vergangenen Jahren fiel er aber gar nicht oder spät, und dann so heftig, dass er tiefe Krater in das Land rund um Oued el Gssab gezogen hat. Die regionalen Umweltbehörden glauben darin die ersten Auswirkungen des Klimawandels zu erkennen, vor denen vor allem die afrikanischen Länder besonders gewarnt worden sind. Bei der Veröffentlichung seiner Berichte hat der Weltklimarat in diesem Jahr immer wieder bekräftigt, dass Afrika zu den am schlimmsten betroffenen Gebieten gehören wird. Es drohen demnach längere Trockenzeiten und Dürreperioden einerseits sowie kürzere, aber kräftigere Niederschlagsphasen mit Überschwemmungen andererseits. Die Probleme, mit denen viele afrikanische Staaten ohnehin schon zu kämpfen haben, drohen sich zu verschlimmern.

Wassermangel ist das größte Problem

Auf den Hügeln um Kairouan haben die Väter seit Generationen ihr Land stets zu gleichen Teilen an ihre Söhne vererbt. Die haben oftmals zu dem, was sie bekamen, Land dazugekauft. So wurden immer größere Flächen besiedelt und landwirtschaftlich genutzt. Die hüfthohen Büsche, die sie hier als Wald bezeichnen, sind im Laufe der Jahre diesem Bedarf an Land ebenso wie dem an Brennholz zum Opfer gefallen. Dadurch hat vor allem die leichte und fruchtbare Oberschicht des Bodens an Halt verloren. Und der Regen, sofern er denn fiel, schwemmte in den vergangenen Jahren immer mehr Erde weg.

In Oued el Gssab wie im gesamten Gouvernorat Kairouan ist indes vor allem der Wassermangel ein Problem. Rund eine halbe Million Menschen leben hier, knapp 70 Prozent von ihnen in ländlichen Gebieten. Mehr als 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche sind nach Einschätzungen der regionalen Umweltbehörde von Versandung und Erosion bedroht, 18 Prozent sind schon nicht mehr benutzbar. Jedes Jahr benötigen die dortigen Bauern für die 590.000 Hektar Land, auf denen sie vor allem Getreide, aber auch Oliven- und Aprikosenbäume anbauen, rund 314 Kubikmeter Wasser - das sind 97 Prozent der Vorräte. Das Wasser wird zumeist aus Brunnen geschöpft. Bis zu 100 Meter tief wurde gebohrt, um das Grundwasser zu erreichen. Wasser kommt außerdem aus den Stauseen, die in den Bergen angelegt sind. Doch auch sie drohen durch die Erosion des Bodens zugeschüttet zu werden.

Pionierarbeit der Regierung

Die Projekte, mit denen die tunesische Regierung die Bauern auf den Hügeln rund um Oued el Gssab unterstützt, präsentiert man gerne und durchaus aufdringlich als Pionierarbeit. Mittlerweile dürfen in Kairouan neue Brunnen nur noch mit besonderer Genehmigung gebohrt werden. Die Behörden versuchen den Bauern klarzumachen, dass sie sich außerdem auf den Anbau von Pflanzen beschränken sollen, die den klimatischen Bedingungen angepasst sind und nur wenig Wasser benötigen. Das ist wichtig, weil etliche Landwirte in der Vergangenheit dazu übergegangen sind, Wassermelonen und Tomaten anzubauen - also Früchte, die sie zwar teuer verkaufen können, die aber auch enorm viel Wasser verbrauchen. „Es ist ein Irrsinn, hier Wassermelonen wachsen zu lassen“, sagt Abdelmajid Jemat von der Umweltbehörde. „Der Preis, den die Bauern bekommen, wiegt den Preis des Wassers niemals auf.“

Jemat sagt, die Landbevölkerung spüre die Veränderungen in ihrer Umwelt wohl. Es sei aber schwierig, ihnen verständlich zu machen, woher sie rühren und was zu tun ist, um sie einzudämmen. Seine Behörde hat deswegen sogenannte „vulgarisateurs“ engagiert: Mitarbeiter, die den Menschen auf dem Land die Umweltprojekte der Regierung erläutern sollen. In dem einzigen Versammlungsraum, den es in dem Dorf Oued el Gssab gibt, hängen Bilder von dieser Art Workshop. Sie zeigen die Bauern in die traditionelle Kachabia gewandet, den langen aus Schafswolle hergestellten Mantel, der sie vor der Herbstkühle schützen soll. Dergestalt betrachten sie die bunten Poster ihres „Vulgarisateurs“.

Der Markt regiert

Die neuen Ideen, denen die Bauern von Oued el Gssab folgen sollen, um das Land zu schützen, kommen von oben - und was in Tunesien von oben kommt, das gilt. Damit die Behörden aber mit den 425 Familien des Dorfes zusammenarbeiten konnten, mussten die Bauern sich zu einer Art Genossenschaft zusammenschließen. Sie haben einen „Représentant“ bestimmt, der seine Aufgabe und die damit verbundenen öffentlichen Auftritte sehr ernst nimmt. Der hagere Mann mit der dunklen Haut und den tiefen Falten hat eine Sonnenbrille aufgesetzt und sich einen weißen Schal um den Hals geschlungen. Er ist einer der reichsten Bauern in dieser Gegend und hat einen Traktor gekauft, den die anderen von ihm ausleihen können. Er nimmt fünfzehn Dinar in der Stunde, das sind etwa 8,50 Euro. In Oued el Gssab regiert, wie überall, der Markt.

Als das ein anderer Bauer hört, zieht er die Augenbrauen hoch und sagt: „Das ist viel Geld.“ Der Mann lebt in ungleich ärmeren Verhältnissen. Er selbst besitzt zehn Hektar Land, ein paar Oliven- und Mandelbäume, Schafe und Ziegen. Seine Frau hat sechs Kinder zur Welt gebracht, vier Jungen und zwei Mädchen. Den Großteil dessen, was die Familie produziert, benötigt sie zum Leben. Ungefähr ein Drittel seiner geernteten Oliven aber kann er verkaufen. Für den Export sind sie freilich nicht geeignet, genauso wenig wie die Oliven seiner Nachbarn. Sie sind zu klein und zu teuer, denn ihre Ernte ist langwierig und mühsam. Die Frauen breiten Decken und Tücher unter den Bäumen aus, schlagen mit Stöcken ins Geäst oder pflücken die Oliven mit den Händen. Wenn, aber nur wenn der Regen fällt, werden sie auf den Feldern mit der Aussaat beginnen.

Quelle: F.A.Z., 03.12.2007, Nr. 281 / Seite 11
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Jahrgang 1979, Redakteurin im Feuilleton.

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