13.12.2007 · Auf Bali ist der Umweltminister gewissermaßen Deutschlands erster Sturm auf dem schmelzenden Eis - und schraubte gleich die Erwartungen an die seit einer Woche dahindümpelnde Konferenz nach oben: Ohne klare Vorgaben könne man sich nicht nach Hause trauen.
Von Stefan Dietrich„Die Klimakonferenz auf Bali geht in die entscheidende Phase. Ein Scheitern ist nicht mehr ausgeschlossen.“ Manche neueste Nachrichten über die Großveranstaltung im fernen Indonesien lesen sich wie Sportreportagen. Das ist genau die Atmosphäre, in der sich der begnadete Politikverkäufer Gabriel wohl fühlt.
Auf Bali ist der Bundesumweltminister in der „entscheidenden Phase“ gewissermaßen Deutschlands erster Sturm auf dem schmelzenden Eis. Neben ihm kann die rhetorisch weniger begabte Kabinettskollegin Wieczorek-Zeul allenfalls mit Schecks für „Technologien gegen den Klimawandel“ bei den Konferenzteilnehmern Aufmerksamkeit gewinnen. Über ihm ist hier, weit weg von der „Klimakanzlerin“, nur noch der UN-Generalsekretär und der grenzenlose Himmel.
Pessimistische Entschlusslosigkeit
Aber auf seine persönliche Ausstrahlung und seine Überzeugungskraft allein verlässt sich Gabriel nicht. „Bali“ wurde in seinem Ressort seit Monaten minutiös vorbereitet. So lag dem Kabinett zum Auftakt der Konferenz ein Paket von 15 Gesetzen und Verordnungen vor, mit denen Deutschland seine Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2020 um 35 Prozent senken will. Und damit niemand auf den Gedanken kommt, dass man dieses Ziel auch mit Hilfe der Kernenergie erreichen könnte, wurde just in dieser Woche eine im Juni fertiggestellte Studie aus der Schublade gezogen, die ein erhöhtes Krebsrisiko in der Nähe von Atomkraftwerken zu belegen scheint.
Der Mensch verändert das Klima. Daran ist nicht mehr viel zu rütteln. Über die Folgen berät auf Bali die Weltklimakonferenz. Die Frage ist nun eher eine andere: Ist es schon zu spät? FAZ.NET zeigt in einer interaktiven Grafik Klima-Entwicklungen auf.
Kaum gelandet, schraubte Gabriel die Erwartungen an die seit einer Woche in pessimistischer Entschlusslosigkeit dahindümpelnde Konferenz nach oben: Ohne klare Vorgaben, wie weit die Industrieländer ihre Emissionen verringern wollten, könne man sich nicht nach Hause trauen. An Deutschland werde es nicht liegen, sollte das heißen, wenn eine Zielvorgabe für die Folgekonferenzen jetzt nicht zustande komme.
Sympathieträger Gabriel
Durch solches Vorpreschen hat der 48 Jahre alte Deutschlehrer aus Goslar seiner politischen Karriere einen steilen Verlauf verschafft, aber auch manchen Knick versetzt. Mit schneidigen Reden und beachtlichen Wahlerfolgen arbeitete er sich in der Landtagsfraktion in zwei Wahlperioden zum Vorsitzenden empor und war mit 39 Jahren der jüngste Ministerpräsident Deutschlands. Dass er diese Position in der ersten Wahl, der er sich als Spitzenkandidat stellen musste, an den Herausforderer Wulff verlor, schrieb er selbst der in Misskredit geratenen rot-grünen Regierung in Berlin zu, die SPD aber zu einem gut Teil auch seiner Selbstüberschätzung.
Seitdem hat der stets gut gelaunte Sympathieträger Gabriel auch gelernt, Niederlagen zu verarbeiten. Mit dem Amt des Umweltministers, das Gabriel nicht auf den Leib geschneidert war, hat ihm die SPD eine große Chance gegeben, sich wieder in der Führungsriege zu etablieren. Er nutzt sie behutsam, indem er sich mal beim linken, mal beim konservativen Flügel der Partei beliebt macht. Doch so viel Wendigkeit macht ihn vielen Genossen schon wieder suspekt.