06.12.2009 · Klimaschützer gegen Unternehmen - dieser Kampf ist Geschichte, behauptet Siemens-Chef Peter Löscher. Ökotechnik werde die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts. Deshalb setzt er auf die „grüne Revolution“. Auch, um Siemens Subventionen für seine Technologien zu sichern? Ein Interview.
Klimaschützer gegen Unternehmen - dieser Kampf ist Geschichte, behauptet Siemens-Chef Peter Löscher. Ökotechnik werde die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts. Deshalb setzt er auf die „grüne Revolution“. Auch, um Siemens Subventionen für seine Technologien zu sichern? Ein Interview.
Herr Löscher, fahren Sie kommende Woche nach Kopenhagen?
Selbstverständlich. Als Vorsitzender der Klimaschutzinitiative der deutschen Industrie und als Chef des Unternehmens mit dem weltweit größten Umweltportfolio.
Wird der Klimagipfel ein Erfolg?
Kopenhagen ist schon jetzt ein Erfolg. Überall auf der Welt hat Klimaschutz heute einen viel höheren Stellenwert als je zuvor. Um konkreten Fortschritt auf den Weg zu bringen, braucht man auch Daten, auf die man zusteuert. Kopenhagen setzt ein solches Datum. Ich bin davon überzeugt, dass es ein Rahmenabkommen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes geben wird. Das ist gut und wichtig.
Woher nehmen Sie die Zuversicht?
Nehmen Sie die Aussagen von Präsident Obama oder der chinesischen Regierung. Da sind wir heute viel weiter als vor früheren Konferenzen. Man wird nicht sofort zu ratifizierbaren Verträgen kommen und manches im Nachgang regeln müssen. Aber damit lässt sich umgehen. Entscheidend ist, dass am Ende der Konferenz die Entschlossenheit zu einem ambitionierten, weltweiten Abkommen steht und es dementsprechend eine konkrete Orientierung gibt.
Warum ist die Industrie plötzlich so heiß auf das Klima? Warum gebärden sich Manager so grün, als seien sie in Birkenstock-Sandalen auf die Welt gekommen?
Glaubenskriege vergangener Tage sind längst passé. Ökologie ist heute kein Thema mehr von Verzicht oder von alternativen Lebensformen. Umweltschutz ist eine Frage von Technologie, Innovation und wirtschaftlichem Erfolg. Das ist gutes, zukunftsweisendes Geschäft. Studien sagen voraus, dass der Umweltmarkt im Jahr 2020 weltweit 3000 Milliarden Euro groß sein wird. Laut diesen Zahlen wird die Ökotechnik die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts für Deutschland, noch wichtiger als der Maschinenbau und die Automobilindustrie. Deutschland ist Pionier und Weltmarktführer in diesem Bereich. Jedes Kind weiß, dass Deutschland Exportweltmeister ist. Das sind wir nicht zuletzt, weil wir auch Weltchampion in Umwelttechnologie sind. Und dies ist noch viel zu wenig bekannt.
Die Industrie macht so viel Wind um die Ökologie, dass man zweifelt: Wie viel davon ist echt, wie viel Marketing?
Grün anstreichen gilt nicht, reicht nicht und trägt nicht. Nehmen Sie unser Umweltportfolio. Es ist ein erstklassiger Wachstumstreiber: Wir machen heute 23 Milliarden Euro Umsatz damit, das entspricht elf Prozent Zuwachs gegenüber dem Vorjahr, in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. 100.000 Beschäftigte arbeiten in dem Bereich, wir haben hier 14.000 Patente und investieren mehr als eine Milliarde Euro im Jahr für Forschung und Entwicklung bei Umweltthemen. Allein mit Technologien, die bereits existieren, könnte man die weltweiten CO2-Emissionen schon um 40 Prozent senken.
Und das soll alles ohne Verzicht des Einzelnen abgehen? Andere predigen die Abkehr vom Wachstum, um die Welt zu retten. Wenn Sie davon sprechen, meinen Sie erst mal mehr Umsatz für Siemens.
Es geht um nachhaltiges Handeln, Wirtschaften, Leben. Wer am Ast sägt, auf dem er sitzt, handelt fahrlässig und gefährdet sich und andere. Das gilt auch im globalen Maßstab. Die Menschheit verbraucht heute bereits das 1,3fache dessen, was der Planet zur Verfügung stellen kann. Und die Bevölkerung wächst weiter, von 6,8 auf 9 Milliarden Menschen. Wenn wir nichts ändern, verbrauchen wir bald das Doppelte dessen, was unser Planet hergibt. Das ist das Gegenteil von Nachhaltig. Aber wer mag den Schwellenländern das Recht auf Wachstum und auf Lebensqualität absprechen, die wir im Westen für uns beanspruchen? Nur ist deren Industrialisierung für das Ökosystem nur verkraftbar, wenn wir insgesamt auf einen anderen, effizienteren Entwicklungspfad kommen.
Wenn wir nur die modernste Technik einsetzen, retten wir das Klima - ohne das kleinste eigene Opfer. Wie wäre es, einfach kein Rindfleisch mehr zu essen? Kostet gar nichts, spart aber jede Menge des Treihausgases Methan.
Meine Botschaft ist eine andere: Es braucht keinen Verzicht. Was es braucht, ist etwas ganz anderes: eine Änderung des Bewusstseins und die Umsetzung der vorhandenen technologischen Möglichkeiten.
Woran denken Sie konkret?
75 Prozent der Energie werden in Städten verbraucht, 80 Prozent des Kohlendioxids werden durch Städte verursacht. Das heißt: Wir müssen nachhaltige Lösungen für Städte finden; intelligenter Verkehr, sparsame Beleuchtungen bis zur Ampel, die dank Leuchtdioden mit 80 Prozent weniger Strom auskommt. 40 Prozent der Energie werden in Gebäuden verbraucht. Wie modernisiert man Heizung, Wasser, Licht? Das sind Themen, wo man sofort wirksame Hebel hat - und das bedeutet alles keinen Verzicht.
Unser Verdacht ist, dass Kopenhagen Ihnen deshalb so wichtig ist, weil jeder Beschluss staatliche Klimaschutzprogramme bedeutet, also neue Aufträge für Siemens.
Siemens bietet Lösungen an. Jetzt schon vermeiden unsere Kunden dank unserer Technik 210 Millionen Tonnen CO2 im Jahr, das ist so viel wie der gesamte Ausstoß von New York, London, Tokio und Berlin zusammen.
Siemens hat auch Nukleartechnologie im Angebot. Bis zum Jahr 2030 sollen weltweit für eine Billion Dollar Atomkraftwerke gebaut werden. Wie stark profitieren Sie davon?
Das ist heute nicht zu beziffern.
Ist die Atomkraft mit ihrer günstigen CO2-Bilanz aus Ihrer Sicht ein Beitrag zum Klimaschutz oder nicht?
Definitiv gehört sie mit ins Bild. Aber anders als bei manchem Wettbewerber ist sie bei uns nicht Teil unseres grünen Portfolios.
Sie könnte unsere Energieprobleme lösen, sagen die Befürworter.
Es gibt dafür keine singuläre Lösung. Nötig ist ein breiter Energiemix. Und der allergrößte Hebel liegt nicht in der Stromerzeugung, sondern ganz woanders: nämlich in gesteigerter Energieeffizienz, also in dem immensen Einsparpotential, für das dann künftig gar kein Strom mehr produziert werden muss. Das ist das Riesenthema. Wir bieten Städten an, ihre Energiebilanz zu prüfen. Das haben wir mittlerweile tausendmal gemacht. Die Kommunen müssen dafür nicht mal in Vorleistung gehen, sie können die Investitionen mit den Einsparungen finanzieren. In Berlin oder Wien sparen Schwimmbäder beispielsweise bis zu 45 Prozent der Energie- und Wasserkosten - und die CO2-Emissionen sinken um 60 Prozent.
Die Utopie zur Lösung aller Energieprobleme heißt Desertec -Strom aus der Wüste Afrikas. Siemens ist Teil des Konsortiums, woran hapert es noch, außer an den 400 Milliarden Euro, um richtig loszulegen?
Erst einmal: Das Konsortium hat sich gerade erst gebildet. Belastbare Details, auch zur Finanzierung, müssen nun erarbeitet werden.
Das klingt ziemlich defensiv, haben Sie die Freude an der Idee schon verloren?
Absolut nicht. Desertec ist eine visionäre und faszinierende Projektidee. Und Solarthermie in der Wüste ist machbar. Ich bin fest davon überzeugt, Afrika wird die damit verbundenen Chancen nutzen und wir werden dabei eine gute und führende Rolle spielen.
Wie steht es um die Leitungen, die Sie brauchen, um den Strom aus der Wüste mehrere tausend Kilometer ohne Verluste in den Norden zu transportieren?
Erst einmal geht es aus meiner Sicht um Strom aus Afrika für Afrika. Aber natürlich gibt es hier auch eine zusätzliche Energiequelle, von der Europa mitprofitieren kann. Verlustarme Stromübertragung über Hunderte und Tausende Kilometer bauen wir mit großem Erfolg schon heute; zum Beispiel von Wasserkraftwerken in der südchinesischen Provinz Yunnan bis zu den Megastädten rund um Guangzhou und Hongkong, mehr als 1400 Kilometer mit minimalen Stromverlusten. In Indien haben wir ein ähnliches Projekt, ebenso wie im Mittelmeer von Spanien zu den Balearen. Alle wesentlichen Technologien zu Desertec sind schon heute vorhanden.
Von Siemens, versteht sich.
Natürlich. Durch den Kauf des israelischen Unternehmens Solel sind wir technologischer Weltmarktführer für Solarthermie. 70 Prozent der Wertschöpfung kommen in solchen Kraftwerken von uns. Wir werden die Firma sein, die beweist, dass man Energie aus Sonnenstrahlen zur Erzeugerparität führen kann.
Entschuldigung, was bedeutet Erzeugerparität?
Dass sich die Technologie rechnet, dass es dazu keiner dauerhaften Subventionen bedarf. Bei der Windenergie sind wir schon nah dran, in Neuseeland kommen Windanlagen schon jetzt ohne Steuergeld aus. In der Solarthermie wird das zum Beispiel an hervorragenden Standorten wie in Nordafrika und dem Mittleren Osten gelingen. Im Sonnengürtel der Welt wird Sonnenenergie zuerst rentabel werden.
Im Umkehrschluss heißt das: Hört auf mit den vom Steuerzahler bezuschussten Solarzellen auf deutschen Dächern, wartet lieber auf den billigen Strom aus der Wüste.
So einfach ist es nicht, am Ende des Tages wird es eine Vielfalt geben. Bei Siemens haben wir uns aber entschieden, uns auf die Solarthermie zu konzentrieren
Siemens hat vor mehr als 160 Jahren als Staatslieferant begonnen, jetzt machen Sie dasselbe in Grün. An dem Geschäftsmodell mit der Regierung als Abnehmer hat sich wenig geändert.
Infrastrukturgeschäft ist in vielen Fällen Geschäft mit öffentlichen Kunden. Und eine Folge aus der Finanzkrise ist, dass der Staat als Wirtschaftsteilnehmer wieder eine größere Rolle spielt. Insoweit haben Sie also völlig recht. Aber darüber hinaus haben wir auch Zigtausende Unternehmenskunden rund um den Globus.
Ist es einfacher, Kraftwerke zu verkaufen als schnell drehende Konsumartikel?
Wir sind heute der grüne Infrastrukturgigant, und die öffentliche Hand als Partner ist da ein wichtiger Teil. Weltweit haben die Staaten Stimulusprogramme in Höhe von 2000 Milliarden Euro aufgelegt. Etwa 700 Milliarden davon sind für die Infrastruktur vorgesehen, etwa 150 Milliarden Euro sind für unser Produktportfolio zugänglich. Da wir mit 10 Prozent Weltmarktanteil kalkulieren, rechnen wir mit Aufträgen über 15 Milliarden Euro.
Um an die Staatsaufträge zu kommen, kann es nicht schaden, einen ehemaligen Außenminister zu verpflichten: Ist Joschka Fischer eher Vertriebsmann oder Lobbyist?
Wir sind ein global tätiges Unternehmen. Er hat einen globalen Erfahrungshintergrund und breite Kompetenzen. Beides passt gut zusammen. Und Ökologie ist für Siemens eine Riesenchance. Wir können auf dem Fundament weiterbauen, auf dem Siemens immer gut war, bei dem Pioniergeist, wir waren den Wettbewerbern immer voraus. Schon im Jahr 1904 haben wir das erste Elektroauto vorgestellt.
Warum rollen dann 100 Jahre später noch immer keine Elektroautos durch die Städte? Hat Siemens versagt oder Daimler und BMW?
Auch wenn wir von der Technik her ein Elektroauto bauen könnten, ist das nicht unser Feld. Wir liefern die Infrastruktur; Ladestation, intelligente Netze und Energiemanagement. Die Autohersteller sind wichtige Partner. Ich bin überzeugt: In den Innenstädten werden wir sehr rasch Elektroautos sehen - schneller als gedacht.
Haben Sie selbst schon mal eines getestet?
Ja, ich habe mir mal von Herrn Reithofer, dem BMW-Chef, einen Elektro-Mini über das Wochenende ausgeliehen - ein tolles Automobil.
Siemens hat in den letzten sechs Jahren 50 Prozent des Portfolios ausgetauscht - geht das in dem Tempo weiter, wenn Sie den Konzern noch grüner ausrichten?
Priorität hat für uns organisches Wachstum. Aber natürlich haben wir immer ein waches Auge auf Technologien, die wir als wichtig erachten. Der Erwerb von Solel Solar ist dafür ja ein gutes Beispiel.
Ist die Siemens-Kasse immer noch prall gefüllt?
Wertvolle Firmen müssen nicht teuer sein. 2004 haben wir eine mittelständische dänische Windfirma gekauft, damals 300 Millionen Euro Umsatz, 750 Mitarbeiter. Fünf Jahre später bringt sie es auf mehr als 2,5 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 5000 Mitarbeiter. Wir bringen kleine Firmen mit exzellenter Technologie auf die nächste Stufe, schon allein vertrieblich deshalb, weil wir als Siemens in 190 Ländern verankert sind.
Ihr Erzrivale General Electric gibt sich genauso grün, auch Herr Immelt hofft auf einen Durchbruch in Kopenhagen und saftige Aufträge. Muss Sie das schrecken?
Wettbewerb ist immer gut für Innovation und Fortschritt. Wir sind die klare Nummer eins bei Klimaschutz- und Umwelttechnologien. Und dass es an der Spitze nicht einsam wird, das ist für uns nur Antrieb, unsere eigenen Innovationsaktivitäten auf hohem Niveau fortzuführen.
Wären wir Verschwörungstheoretiker, würden wir jetzt sagen: Die versammelte Großindustrie hat den Klimawandel wenn nicht erfunden, so doch dramatisiert, um an Milliardenaufträge vom Staat zu kommen.
Halten wir uns lieber an die Tatsachen: Was waren die Meilensteine, die ein Umdenken in der Klimaproblematik bewirkt haben? Da würde ich die Studie von Herrn Stern nennen. Und wer hat die in Auftrag gegeben? Die britische Regierung. Das hat mit der Industrie überhaupt nichts zu tun. Wenn wir als Unternehmen einen Fehler gemacht haben, dann vielleicht den, viel zu lange zu warten, bis wir gesagt haben: Wir sind nicht das Problem, sondern wir liefern die Lösungen. Siemens marschiert an der Spitze der grünen Revolution.